Rat vom Jobcoach Hilfe, mein Kollege ist ein Psychopath

Verlogen und eiskalt gegenüber Kollegen, aalglatt und freundlich gegenüber Chef und Kunden: Mit solchen Menschen arbeitet es sich nur schwer zusammen - aber es gibt Tricks, wie man es besser aushält.

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Jochen, 38, fragt:

"Ich arbeite als Abteilungsleiter in einem Maschinenbauunternehmen. Seit drei Jahren habe ich Probleme mit einem Kollegen, der sich wie ein Psychopath verhält. Er spielt andere gegen mich aus und lügt, ohne mit der Wimper zu zucken. Er bricht unnötige Konflikte vom Zaun und greift Leute persönlich an, um besser dazustehen. Mir fehlen dann oft die Worte. Aber er bleibt eiskalt. Auch meine Kollegen nimmt er aufs Korn. Nur gegenüber den Kunden und unserem Geschäftsführer verhält er sich aalglatt und ist bei denen sehr beliebt. Unser Geschäftsführer schreitet deshalb wohl auch nicht ein. Er scheint es sogar zu genießen, dass es zwischen uns kracht. Darum fühle ich mich manchmal regelrecht ausgeliefert. Wie kann ich mich besser zu Wehr setzen?"

Hallo Jochen,

ob Ihr Kollege wirklich ein Psychopath ist, kann ich so nicht seriös beurteilen. Die von Ihnen geschilderten Verhaltensweisen zeigen allerdings einige Merkmale eines Psychopathen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nicht jeder Psychopath ist ein krimineller Gewalttäter. Psychopathen verfügen über Eigenschaften, die sie in kritischen Situationen handlungsfähig bleiben lassen - wie Stressresistenz, Furchtlosigkeit, emotionale Kälte und Rücksichtslosigkeit. Das gilt anscheinend auch für Ihren Kollegen. Solche Eigenschaften können beispielsweise bei Polizisten oder Chirurgen lebensrettend sein, weil sie unter Stress und Zeitdruck existenzielle Entscheidungen treffen müssen.

Psychopathen haben ein Gespür für die Schwächen anderer

Studien belegen: In Führungsetagen finden sich überdurchschnittlich viele Psychopathen, weil ihre Durchsetzungsfähigkeit - richtig dosiert und sinnvoll eingesetzt - für diese Positionen sehr wertvoll ist. Doch gleichzeitig manipulieren Psychopathen ihre Umwelt zu ihren Gunsten, mit Hilfe ihrer Intelligenz, ihrem charmantem Auftreten und ihrem Gespür für die Schwächen anderer - genau wie Ihr Kollege. Fokussiert und skrupellos setzt dieser sich durch. Dass er dabei Kollegen verletzt und Misstrauen sät, scheint ihrem Chef offenbar nicht bewusst zu sein oder er nimmt es billigend in Kauf.

Gegenüber einem Psychopathen die eigene Position zu behaupten, ist für einen kooperativen Menschen sehr anstrengend. Sie dürfen ihm niemals eine Schwäche oder Unsicherheit zeigen, weil er dies kaltherzig und egoistisch ausnutzt. Zeigt er Empathie, ist diese nur gespielt, um Sie aus der Deckung zu locken. Bei Konflikten geht es dem Psychopathen nicht um die Sache. Er will mit Ihnen spielen, Macht ausüben und gewinnen.

Sofern Sie organisatorisch von ihm abhängig sind, sollten Sie Stärke demonstrieren. Appelle an seine Hilfsbereitschaft können Sie sich sparen. Seine Mitarbeit gewinnen Sie nur, wenn er selbst einen Vorteil für sich erkennt.

Versuchen Sie sich im Umgang mit Ihrem Kollegen möglichst von allen Gefühlen frei zu machen. Treten Sie ihm gegenüber nüchtern auf. Werden Sie von Ihrem Kollegen provoziert oder angegriffen, bleiben Sie ruhig und sachlich.

Gespräche durch Fragen steuern

Nehmen wir an, er äußert sich enttäuscht über Ihr Verhalten. Dann denken Sie daran, dass die Emotionen, die er zeigt, keineswegs echt sind - er spielt sie nur vor, um seine Ziele zu erreichen. Sie dürfen das ganz "unsozial" ignorieren. Steuern Sie das Gespräch gezielt mit Gegenfragen: Wie meinen Sie das? Was wollen Sie konkret andeuten? Wie kommen Sie zu der Aussage? Womit können Sie das belegen? Mit solchen Fragen weichen Sie nicht zurück, sondern bleiben auf Augenhöhe und lenken die Auseinandersetzung wieder auf die Sachebene.

Dort kennen Sie sich aus und verfügen (hoffentlich) über gute Argumente. Das ist aber nicht sein Spielfeld. Entweder bricht er dann die Diskussion mit einer "keine Zeit für Diskussionen"-Phrase ab oder er eröffnet einen Nebenschauplatz. Diesen können Sie mit einem "das bringt uns in der Sache nicht weiter" beiseiteschieben.

Greift er Sie persönlich an, ist es an der Zeit, ihm einen Dämpfer zu versetzen, zum Beispiel mit dem Hinweis: "Diese Bemerkung geht zu weit - nehmen Sie das sofort zurück oder das Gespräch ist beendet." Hierbei dürfen Sie sich gern auch körperlich gerade machen und Dominanz zeigen. Da an diesem Punkt eine Rückkehr zur Sachebene ohnehin unwahrscheinlich ist, können Sie das Gespräch ohne großen Nachteil abbrechen. Und es ist allen Beteiligten deutlich, wer daran die Schuld trägt.

Ihr Kollege wird immer wieder austesten, wie weit er gehen kann. Darum mein Rat: Setzen Sie solche Konfrontation sparsam ein - nur so bleiben sie für ihn unberechenbar.

Die Zusammenarbeit mit einem Psychopathen ist aufreibend. Gehen Sie daher grundsätzlich auf Distanz zu ihm, halten Sie sich zurück und geben ihm keinen Einblick in Ihre Ziele und Beweggründe. Denn: Eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung auf Gegenseitigkeit ist mit einem Psychopathen niemals zu erreichen.

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herr wal 17.08.2017
1. Sie dürfen ihm niemals eine Schwäche oder Unsicherheit zeigen ...
… aber man kann eine solche schon einmal simulieren. Wenn er sich das dann merkt, ist er bei der nächsten entdeckten Schwäche nicht mehr ganz sicher, ob die nun echt ist, oder fake weakness. Dann geht er vielleicht auf Distanz und hält sich zurück.
carlwilde 18.08.2017
2. Das Schlimmste war für mich ...
... in der Auseinandersetzung mit einer ehemaligen Kollegin, dass sie in Ihrer Psychopathie sämtliche (zwischen-) menschlichen Werte mit Füßen getreten hat. Auf nichts war Verlass, sie log und betrog, sie setzte Untergebene mit illegitimen (und illegalen) Mitteln unter Druck, dabei stets darauf bedacht, keine rechtlich relevanten Spuren zu hinterlassen. So erfolgten Drohungen mit schlechten Zeugnissen oder mit Kündigung stets nur unter vier Augen, was ich auf einer heimlich angefertigten Audioaufnahme selbst nachvollziehen konnte. Diese wiederum werden vor Gericht aber nicht als Beweismittel zugelassen - was seine Gründe haben wird, auch wenn diese in einer solchen Situation kaum nachvollziehbar erscheinen. Wäre ich nicht bereits ein alter Sack, hätte mich dieses Erlebnis, in der alle menschlichen Werte mit Füßen getreten wurden, wohl nachhaltig traumatisiert. Aufgrund von viel Lebenserfahrung und ausreichend Halt im sonstigen Leben blieb mir der Trost, dass ich der Situation und dieser Person halbwegs unbeschadet entkommen konnte. Sie, diese unsägliche ehemalige Geschäftspartnerin hingegen wird noch viele Jahre mit sich selbst auskommen müssen - ohne die Qualitäten, die ein empathisches Miteinander vermittelt. Wie Herr Martens kann ich Ihnen nur empfehlen, sämtliche Gefühle und auch jeden Einigungswillen frühzeitig aus Ihrem eigenen Verhalten zu eliminieren. Beides bringt nichts. In meinem Fall musste ich feststellen, dass schon der zu Beginn der Zusammenarbeit geschlossene Vertrag mit juristischen Feinheiten garniert war, die mich im Falle der (provozierten) geschäftlichen Trennung hätten leer ausgehen lassen. "Glücklicherweise" erwiesen sich die Manipulationen als so maßlos, dass sie vor Gericht letztlich keinen Bestand hatten und eine halbwegs faire Lösung erreicht wurde. Suchen Sie sich frühzeitig professionelle Hilfe (durchaus einen Coach oder Psychotherapeuten, erst in zweiter Linie einen Rechtsanwalt (zu teuer!)), den mit normalen menschlichen Maßstäben und "gesundem Menschenverstand" kommen Sie gegen Psychopathen alleine nicht an. Soviel kalte Berechnung, soviel Skrupellosigkeit hätte ich mir zuvor zumindest nicht vorstellen können. Ich kann von Glück reden, dass ich trotz meines viel zu lange hoch gehaltenen guten Willens ohne schwereren persönlichen und materiellen Schaden aus der Angelegenheit rausgekommen bin.
Peletua 18.08.2017
3. Gnade der frühen Geburt
Ein sehr guter Artikel mit sinnvollen und praktikablen Tipps. Typen, wie sie im Artikel, aber auch vom Foristen carlwilde beschrieben werden, dürften in den kommenden Jahrzehnten noch häufiger werden als sie es jetzt bereits sind - seit der Kohl/Reagan/Thatcher-Ära werden solche Charaktere ja regelrecht gezüchtet. Der Trick des 'divide et impera', also das Schüren von Zwistigkeiten unter Mitarbeitern durch Vorgesetzte (ich würde jeden Abteilungsleiter feuern, der meiner Firma durch den hierdurch erzeugten Reibungsverlust schadet), von dem carlwilde berichtet, ist zwar uralt. Trotzdem - manchmal genießt man die Gnade der frühen Geburt...
Plunty 18.08.2017
4.
Sehr guter Artikel/ Antwort. Endlich mal kein Wischi-Waschi sondern konkret auf den Punkt gebracht, dass eine wirkliche Zusammenarbeit mit dem Psychopathen nicht möglich sein wird.
muelleran26 18.08.2017
5.
Schließe mich dem Kommentar von Plunty an. Die Antwort ist ein Volltreffer. Gilt übrigens auch für den privaten Bereich. Das Beste ist Kontaktabbruch zu solchen Leuten, sofern das irgendwie möglich ist, denn die ticken anders. Es gibt nicht die geringste Chance auf Einsicht oder gar Besserung. Hierzu gibt ein sehr aufschlussreiches Buch von Dr. Robert D. Hare, Gewissenlos, die Psychopathen unter uns.
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