Tierärztin Ich glaub, mich tritt ein Pferd

Sie behandelt Riesenzähne, kassiert Tritte und muss sich mit besserwisserischen Tierbesitzern herumärgern - für 1700 Euro monatlich. Im anonymen Jobprotokoll erzählt eine junge Pferdetierärztin von ihrem Klinikalltag.

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Traumberuf Tierärztin: "Für einige Besitzer ist ihr Pferd ein Kinderersatz"
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Traumberuf Tierärztin: "Für einige Besitzer ist ihr Pferd ein Kinderersatz"


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Tag und Nacht zu Reiterhöfen brettern, aus einem Jeep springen und in Ställe rennen, um Pferden das Leben zu retten - so sieht mein Alltag nicht aus. Ich arbeite in einer Uni-Klinik für Tiermedizin, die Pferdepatienten kommen also zu uns. Nur für dringende Notdienste fahre ich mal raus.

Im Alltag mache ich viel Pferde-Orthopädie, meist an den Beinen, oder ich behandle Zähne, dafür braucht man körperliche Kraft und Selbstvertrauen, Pferde sind schließlich groß und stark. Ein paar Tritte habe ich bei Behandlungen schon abbekommen, aber wenn man die Körpersprache der Tiere versteht, kann man dem meist entgehen.

Mein Arbeitstag beginnt morgens um 8 Uhr und sollte eigentlich um 16.30 Uhr enden. Doch vor 18.30 Uhr komme ich selten raus, dann fahre ich noch zu meinem eigenen Pferd. Wenn ich dann gegen 21 Uhr nach Hause komme, geht es erst auf die Couch und dann ins Bett.

Manche wissen bei der Behandlung alles besser

Hinzu kommen die vier bis fünf Notdienste im Monat, an diesen Tagen bin ich mindestens bis 21 Uhr in der Klinik und danach in Rufbereitschaft. Da kann es sein, dass man schon mal um drei Uhr morgens raus muss, wenn es einem Pferd überraschend schlecht geht - und wenige Stunden später trotzdem wieder in der Klinik steht.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus
Wegen der oft ungewöhnlichen Arbeitszeiten bin ich bestimmt nicht der beliebteste Mensch in meinem Freundeskreis: Zu Hause bin ich oft müde, habe abends und am Wochenende keine Zeit und muss Verabredungen kurzfristig absagen oder komme zu spät.

An vielen Tagen können einem vor allem die Pferdebesitzer den letzten Nerv rauben. Für einige ist ihr Pferd ein Kinderersatz - und so verhalten sie sich auch: Die wissen dann bei der Behandlung alles besser, weil sie vorher schon gegoogelt haben, was ihrem Tier fehlt.

Aber ich will mich nicht nur beklagen, denn im Grunde habe ich meinen Traumberuf ergriffen. Ich reite, seitdem ich sitzen kann, und wollte schon immer Pferdetierärztin werden. Das Schöne ist, dass ich auch während der Arbeit an der Uni-Klinik viel an der frischen Luft bin, Kontakt zu unterschiedlichen Menschen habe und natürlich, dass ich Tieren, die Schmerzen haben, helfen kann. Das macht mich zufrieden.

Ich will mich nicht dauerhaft unter Wert verkaufen

Was mir allerdings nicht klar war: wie schlecht Tierärzte wirklich bezahlt werden. Ich bin jetzt 31 Jahre alt, habe fünfeinhalb Jahre studiert, eine Doktorarbeit geschrieben und mehr als vier Jahre Berufserfahrung. Erst war ich für sechs Monate an einer Privatklinik, danach kam ich an die Uni-Klinik, wo ich heute noch bin und eine Facharztausbildung mache. Hier verdiene ich nur 1700 Euro brutto im Monat.

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Die Uni-Kliniken sagen, wer seinen Facharzt macht oder promoviert, befindet sich noch in der Ausbildung und bekommt nur eine halbe Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter - tatsächlich arbeiten wir alle mehr als Vollzeit. Überstunden werden allerdings weder bezahlt noch anderweitig ausgeglichen. Nur dank der Nachtzuschläge komme ich auch netto auf ungefähr 1700 Euro.

Unterschätzt habe ich auch den Bürokratieaufwand: Ungefähr 40 Prozent meiner Zeit verbringe ich mit Papierkram. Und auch an der Privatklinik sah es finanziell nicht besser aus: Dort habe ich 2000 Euro brutto verdient und täglich elf Stunden gearbeitet. Außerdem hatte ich jeden zweiten Tag und jedes zweite Wochenende Notdienst.

Um das psychisch und physisch durchzuhalten, muss man belastbar sein - und auch mal Nein sagen können. Denn sonst ist nach drei Jahren der Akku leer. Die meisten jungen Tierärzte sind Frauen, allein wegen der Kinder- und Familienplanung müssen sich die Arbeitsbedingungen endlich ändern.

Weil ich endlich mehr Geld verdienen will, ziehe ich im Februar 2015 aus Berlin weg, um in einer privaten Praxis in Nordrhein-Westfalen auf dem Land zu arbeiten - mit Gewinnbeteiligung. Pferdetierärztin ist und bleibt ein schöner Beruf, aber ich will mich nicht dauerhaft unter Wert verkaufen.

  • Lena Greiner (Jahrgang 1981) ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE. Dieser Text erschien zuerst im UniSPIEGEL.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
ctwalt 09.04.2015
1. Aha.......
Augen auf bei der Berufswahl. Abitur, Studium und Doktortitel ergeben also € 1700,- brutto. Entweder Trraumberuf, dann einfach weiter unter Wert verkaufen oder vorher darüber nachdenken, wie glüclich man mit dem gehalt werden kann. Wohnung, Auto, Pferd mit höchstens 1700,- netto ???? Mutig !
mrotz 09.04.2015
2.
Als Doktorand, z.B. in der Physik kriegt man deutlich weniger. Als Postdoc dann nicht viel mehr.... Wissenschaftliche Arbeit wird genauso schlecht bezahlt.
zerr-spiegel 09.04.2015
3. So ein Quatsch!
http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/traumberuf-tierarzt-dann-geht-man-eben-nachts-putzen-1871775.html Schon 2009 waren es bei angestellten Tierärzten 2500 Euro. ----- http://www.gehaltsreporter.de/gehaelter-von-a-bis-z/179.html Kommunal Tierärzte 3300 - 4360 Euro, selbständige 2700 Euro. ----- http://tiermedizin-ist-weiblich.de/gehaltsempfehlungen-des-bpt-viel-sollen-tieraerzte-anfang-verdienen/202 Anfangsassistenten im 1. Halbjahr 2200 € und im 2. Halbjahr 2600 €. Also macht die Dame so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann.
Bakturs 09.04.2015
4. 1700 € netto oder brutto
Hallo! Die Summe 1.700 € taucht einmal in Verbindung mit Netto und einmal mit Brutto auf. Was stimmt denn nun? Ich denke Brutto, richtig?
miruwa 09.04.2015
5.
Zitat von ctwaltAugen auf bei der Berufswahl. Abitur, Studium und Doktortitel ergeben also € 1700,- brutto. Entweder Trraumberuf, dann einfach weiter unter Wert verkaufen oder vorher darüber nachdenken, wie glüclich man mit dem gehalt werden kann. Wohnung, Auto, Pferd mit höchstens 1700,- netto ???? Mutig !
Sie können also vor einem Studium von 6 Jahren und der Fachweiterbildung von nocheinmal 5-6 Jahren vorher schon sagen wie der Lohn hinterher aussieht? Mutig!
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