Casting für Metro-Musiker Lizenz zum Tröten

Mittelaltermucke, Elektroklassik und natürlich Chansons - wer in der Pariser Metro Musik machen will, braucht eine Lizenz. Die gibt es nur per Casting. Die Jury: ein Schalterbeamter, ein Logistiker und eine Frau aus der Rechtsabteilung.

Von , Paris

Stefan Simons

Olga und Colina haben schon fast in der ganzen Welt musiziert. Das russisch-argentinische Duo, Geige und Perkussion, lernte sich vor drei Jahren in Berlin kennen, anschließend tingelten sie mit ihren Instrumenten durch Europa, Lateinamerika und China und spielten auf der Straße. "Eine tolle Erfahrung", erzählt die Moskauerin, die einst in München am Konservatorium studierte.

Zurück in Deutschland spielte das Paar unter dem Namen Olgashow auf dem Alexanderplatz und bekam prompt Ärger mit dem Ordnungsamt. "Das lief nicht gut", so die 25-Jährige, "mehrfach mussten wir Strafen zahlen."

Jetzt hofft das Paar auf eine Chance in Paris. Im 20. Arrondissement bittet die Verwaltung der Pariser U-Bahn RATP zweimal im Jahr zu einem Casting für 300 heiß begehrte Lizenzen. Sie berechtigen zum Auftritt vor Millionenpublikum - allerdings nicht in den glitzernden Konzerttempeln der Stadt, sondern in der Metro.

Tatsächlich liegt die größte Musikszene der französischen Hauptstadt im Untergrund. In den rund 300 Metro-Stationen spielen talentierte Newcomer wie gestandene Künstler vor einem Publikum von täglich rund fünf Millionen U-Bahn-Nutzern: Russische Volkslieder, vorgetragen von einem Männerchor, wabern durch die Gänge an der Place de la Concorde, lateinamerikanische Rhythmen beleben den Verkehrsknotenpunkt Châtelet, ein Akkordeonspieler spielt französische Chansons am Bahnhof Saint Lazare.

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Rap, Rock, Reggae und Klassik

Musik verdrängt den Alltag in den muffigen Gängen und verlangsamt den Schritt gehetzter Berufspendler. Überraschte Touristen zücken Kameras und Geldbörsen. "Die Metro hat immer schon Künstler inspiriert, von Serge Gainsbourg bis Jacques Brel", sagt Antoine Naso, künstlerischer Direktor der RATP. "Und wir geben damit nicht nur Nachwuchs eine Chance, sondern bieten unseren Fahrgästen ein vielfältiges kulturelles Angebot."

In der Vergangenheit hatten Metro-Musiker einen schlechten Ruf: Manchmal war es mehr bettelnde Beschallung als anspruchsvolle Musik. Seit 17 Jahren vergibt die RATP deshalb ihre Akkreditierungen für gute Untergrund-Musiker zweimal im Jahr per Casting. Naso, einst kaufmännischer Angestellter, übernimmt die Leitung.

Mehr als 2000 Künstler reichen ihre Bewerbungen für die sechs Monate gültigen Lizenzen ein, die Hälfte wird zum Vorspielen auf eine Bühne im Pariser Osten geladen. Die Jury: Drei musikbegeisterte RATP-Angestellte - Viviane aus der Rechtsabteilung, Simon aus dem Logistikkader und Eric, ein Schalterbeamter der Linie 10.

Neben Olga und Colina stehen an diesem Nachmittag ein halbes Dutzend Gruppen und Solisten auf dem Terminplan. Der Ort: Der Keller eines schmalen Ladenlokals, eine enge Wendeltreppe führt zur Mini-Bühne herab, ausgestattet mit Mikros, Verstärkern und gleißendem Scheinwerferlicht.

"The Voice" für die U-Bahn

Colina hat sein Schlagzeug aufgebaut, Olga stöpselt Kabel in ihre E-Geige und verbindet digitales Gerät. Die Stimmung ist gespannt, ein bisschen wie bei "The Voice". Zwei Stücke darf jede Formation spielen, das Duo tritt an mit elektronisch-verfremdeter Klassik und einer Eigenkomposition. Die Aufregung legt sich, die Jury wippt mit den Fußspitzen.

Danach treten alte Bekannte an: Die Latino-Band Tarpuy. Fünf Musiker aus Ecuador, Bolivien, Chile und Argentinien spielen seit mehreren Jahren in der Metro, auch wenn die Einnahmen aus Spenden und CD-Verkauf bescheiden sind. "Ein Metro-Auftritt von zwei bis drei Stunden bringt pro Kopf rund 30 Euro", so Naso. "Eher ein Zubrot als ein Verdienst".

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Den meisten der angehenden Metro-Stars geht es um den Kontakt mit dem zufälligen Publikum. Die Brasilianerin Lívia Lucas hofft auf ein Engagement. Ihr Auftritt gleicht mehr einer Showeinlage mit Tanz, dennoch kommt sie in die engere Auswahl. "Wir wollen ja auch eine gewisse Bandbreite", sagt Naso, "unsere Künstler stehen für alle Musikrichtungen, alle Nationen und Altersgruppen - genau wie die Fahrgäste."

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Zu dieser Mischung passt das Duo And this is Max: Rafael, 27, und Simon, 26, sind gestandene Musiker - Gitarre und Mundharmonika - mit einem Repertoire aus Funk und Soul. Schalterbeamter Eric ist überzeugt: "Die beiden sind geschaffen für die Metro." Das gilt erst recht für das Damen-Doppel Miam: Cloé und Fanny, die eine Kostümbildnerin, die andere Sängerin, haben Persönlichkeit und Präsenz. Ihre frechen Chansons tragen sie vor mit Verve und Stimme. "Unglaublich", haucht RATP-Frau Viviane.

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Zaz begann in der Metro

Auch für ganz leise Töne ist Platz in der Metro, sogar an Mega-Stationen wie République. Hier spielt seit drei Jahren schon Livane Revel. Die 44-Jährige, im Hauptberuf Schauspielerin, kommt mit ganz leichten, poetischen Melodien und nur ihrer Gitarre daher. Sie besingt die Metro, hat Songs der französischen Chansonsängerin Barbara oder des berühmten Chansonniers Georges Brassens im Repertoire. "Trotz des Lärms und der Eile hat sich Livane längst ihr festes Publikum erobert", sagt Naso.

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Zum Schluss überrascht das Trio Philippe Stern, Coraline Loiseau & Benoît Guenoun mit alten Instrumenten: Auf Drehleier und Sackpfeife spielen sie in der Tradition des Mittelalters. Die Gruppe hat erste Erfolge, wird für Konzerte und Festivals gebucht. "Die Erfahrung in der Metro lohnt", sagt Benoît, "weil es uns die Gelegenheit bietet, neue Stücke vor einem breiten, sehr gemischtem Publikum auszuprobieren."

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Daneben bleibt die Hoffnung auf die große Entdeckung durch einen zufällig vorbeikommenden Produzenten, ein Angebot für ein Konzert oder gar ein Vertrag mit einer Plattenfirma. "Ein Traum, aber keine Utopie", sagt Naso mit dem Stolz des musikalischen Ziehvaters, "für viele prominennte Stars waren die Metro-Auftritte ein Sprungbrett." Und zählt auf: Alain Souchon, Keziah Jones, Manu Dibango und auch Zaz.

Bis dahin ist es für Olga und Colina ein langer Weg. Ob sie die begehrte Lizenz zum Musizieren erhalten werden, steht noch nicht fest. Die Gewinner werden erst im November bekannt gegeben.

Stefan Simons ist Autor für SPIEGEL ONLINE in Paris.
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insgesamt 7 Beiträge
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wiealle 26.10.2014
1. Das ist doch...
... eine gute Idee! Musik gehört zum öffentlichen Raum. Und dieses Verfahren stellt sicher, dass keine akustische Umweltverschmutzung stattfindet.
Hanterdro 26.10.2014
2.
Mit Mittelalter hat das "Trio Philippe Stern, Coraline Loiseau & Benoît Guenoun" nichts zu tun. Die machen "Bal-Folk", das ist eine Tanz Musik Szene die es auch in Deutschland regen anklang findet ;)
wohlmein 26.10.2014
3. MIAM - Cloe & Fanny wirklich unglaublich !
Wo kann ich eine CD kaufen ? Wie finde ich DIE ? Habs auf Youtube probiert, aber wenn ich miam eingebe, lotsen die mich immer zu MIAMI ..und der facebook-Link bringt mich auch nicht wirklich weiter ! kennt jemand eine Mail-Adresse ???
langtfüreuch 26.10.2014
4. Russischer Männerchor
Der russische Männerchor am Place de la Concorde ist fantastisch. Ich habe ihn im Sommer gesehen. Leider kenne ich den Namen des Chores nicht. Kann mir jemand helfen und mir den Namen nennen?
breakingbrot 26.10.2014
5. so ein Verfahren bitte auch für...
die Berliner S-Bahn. Ich ertrage diese schlechte Vorstellung des immer gleichen Getrötes mit Verstärkerkoffer im Schlepptau nicht mehr lange. Vom Band erklingt irgendein mieser Song den sie dank Verstärker ordentlich laut aufdrehen können. Dazu gröhlen sie dann irgendetwas, weil sie den Text nicht kennen oder der Sprache nicht mächtig sind. Sobald die Bahn an der nächsten Station hält, schalten sie das Ding aus und springen raus. Ich weiss nicht wen ich mehr hasse. Diese "Musiker" oder die Leute, die ihnen auch noch Geld dafür geben. Eine Art Casting für die Berliner S-Bahn wäre toll. Es dürften allerdings neben Verwaltungsangestellten auch Profis in der Jury sitzen.
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