DGB-Hotline Wie Chefs den Mindestlohn umgehen

8,50 Euro die Stunde? Dann streichen wir halt die Schichtzulage - oder wir kassieren das Trinkgeld. Deutschlands Arbeitgeber kennen miese Tricks, um keinen Mindestlohn zu zahlen. Ein Besuch bei der Hotline des DGB.

Von Silvia Dahlkamp, Magdeburg

DPA

Im August rief der Deutsche Gewerkschaftsbund bei Hartmut Brondke an: Ob er ein Angebot für eine Mindestlohn-Hotline einreichen könne? Mindestlohn, keine große Sache, dachte der Geschäftsführer eines Magdeburger Callcenters. Der DGB als Auftraggeber rechnete mit hundert Anrufen pro Tag - maximal. Brondke hielt selbst das für übertrieben und plante 30 Anrufe ein.

Noch nie hat er ein Thema so unterschätzt.

Seine Firma Facts erhielt den Auftrag. Als am 1. Januar der Mindestlohn kam, wurde sie überrollt: 3000 Anrufe in zehn Tagen - im Servicecenter stehen die Telefone nicht mehr still. Alle zwei Minuten meldet sich ein Mini-Jobber, Praktikant, Hilfs- oder Schichtarbeiter. Und wenn gerade wieder ein Politiker das Thema anheizt, sind es bis zu 450 Telefonate täglich.

"Guten Tag, mein Name ist Heidi Weidling, was kann ich für Sie tun?" 13.30 Uhr, die Telefonistin ist seit sechseinhalb Stunden im Dienst. "Ja, ich verstehe. Nein, das ist nicht aufgehoben." Sie klickt auf einen Button auf dem Bildschirm, "Branche Friseur", eine Tabelle erscheint. "Da gibt es eine Übergangsregelung. Bis zum 1. August 2015 werden im Westen 8 Euro gezahlt, im Osten 7,50 Euro, ab September 8,50 Euro bundesweit." - "Bitte, keine Ursache."

Probleme lösen im Akkord

Diesmal ging es schnell. Eine Friseurin wollte wissen, ab wann der Mindestlohn gilt. Eine simple Frage, Heidi Weidling hat sie schon oft beantwortet. Meist ist es komplizierter: wenn etwa Themen kommen, bei denen ständig nachgebessert wird. Jeden Tag schickt der DGB Ausrufezeichen-Mails mit Änderungen. In den Ministerien schrauben Juristen noch an Formulierungen, streichen zum Beispiel ein "ist" und machen daraus ein "soll". Heidi Weidling sagt: "Was gestern noch sicher war, kann in drei Tagen schon wieder anders sein."

Tipps zum Mindestlohn

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Fünf Minuten Gespräch, fünf Sekunden Pause, fünf Minuten Gespräch - so geht das den ganzen Tag. In den Waben im vierten Stock eines Bürohauses an der Halberstädter Straße landen viele, die immer schon wenig hatten, aber künftig das Mindeste im Arbeitsleben haben sollen: 8,50 Euro in der Stunde, bessere Arbeitsbedingungen, einen Chef, der sie nicht mehr ausbeutet - das haben die Politiker versprochen.

Doch wenn man zuhört, was Arbeitnehmer über ihre Sorgen, Nöte und Ängste erzählen, dann wachsen Zweifel. Im Callcenter der Gewerkschaft trifft der gute Wille des Gesetzgebers auf die Wirklichkeit des deutschen Arbeitsmarktes: Chefs, die bisher schon Hungerlöhne zahlten, wollen ihre Mitarbeiter weiter austricksen. Dafür suchen sie Lücken. Und finden viele.

Mindestlohn da, Schichtzulage weg

Wie groß das Tohuwabohu ist, zeigt auch die Mindestlohn-Hotline des Bundes, die ebenfalls Fragen beantworten soll. Im Oktober hatte Arbeitsministerin Andrea Nahles sie mit großem Trommelwirbel freigeschaltet, im Januar sollten rund 8000 Anrufe eingehen. Doch wer im Bundesministerium nach den größten Problemen der Anrufer fragt, bekommt keine Antwort: Dazu könne man belastbar noch nichts sagen. Wie auch? Das Arbeitsministerium hat genau am 1. Januar, als das Gesetz in Kraft trat, die Verantwortung für die Hotline abgegeben. Darum kümmern soll sich jetzt die Mindestlohn-Kommission - die noch kein einziges Mal getagt hat.

Heidi Weidling hat reichlich zu tun. Sie notiert den Namen eines neuen Anrufers und das Thema: Praktikum. Ein Student will in den Semesterferien in einem Konzern arbeiten. Stehen ihm 8,50 Euro zu? "Mhm, das kann ich nicht eindeutig sagen, haben Sie einen Vertrag? Nein?" Sie hakt nach, kann am Ende nicht helfen: "Das ist Ermessenssache, da fragen Sie besser einen Arbeitsrechtler."

Praktikum, eine ganz verzwickte Sache. Im Regelwerk zum Mindestlohngesetz standen dazu kaum fünf Sätze, als Callcenter-Mitarbeiter im November die ersten Schulungen hatten. Heute ist es eine ganze Seite - lauter Ausnahmeregelungen, Einschränkungen, viel "wenn" und "aber". Heidi Weidling sagt: "Die hatten glatt das Duale Studium vergessen."

Ein Familienvater ist dran. Vom Chef erhielt er im Dezember einen neuen Arbeitsvertrag und verdient jetzt zwar 8,50 Euro die Stunde, doch dafür wurde die Schichtzulage einfach gestrichen. Jetzt habe er genauso wenig Geld wie vorher. Heidi Weidling fragt: "Haben Sie unterschrieben?" - "Ja." Der Angestellte erzählt: Schulden, Kinder noch klein, Frau schwanger... Heidi Weidling sagt: "Das kann ich verstehen." Und: "Das tut mir leid." Helfen kann sie am Ende nicht. Eigentlich darf eine Schichtzulage nicht verrechnet werden. Aber jetzt gibt es einen neuen Vertrag, den muss ein Arbeitsrechtler prüfen.

Viele verzichten auf Gegenwehr

Weidling seufzt: Jeder dritte Anrufer berichtet von miesen Tricks der Chefs. Ein Gebäudereiniger etwa hat früher 18 Euro in drei Stunden verdient, nun soll er die Arbeit in zwei Stunden schaffen. Eine Kellnerin fragt, ob ihr Chef die Trinkgelder in den Lohn einrechnen darf. "Nein, das ist nicht erlaubt", sagt Weidling. Mehr kann sie nicht tun. Sie leitet alle Anrufer an die zuständige Gewerkschaft weiter. Sie glaubt nicht, dass sich viele wehren werden. "Die Angst der Arbeitnehmer ist groß."

Endlich eine Verschnaufpause, Heidi Weidling schiebt das Headset vom Kopf. Es hat einen Schallschutz und sperrt sich automatisch, falls ein wütender Kunde mit einer Trillerpfeife Terror macht. Passiert ist ihr das noch nicht. Die meisten Mindestlohner sind friedlich. Über dem Raum liegt ein Murmeln. Wortfetzen der Kollegen klettern über die blaue Absperrwand: "Sie müssen keinen neuen Arbeitsvertrag unterschreiben." - "Ehrenamtliche Mitarbeiter erhalten in der Regel keinen Mindestlohn."

Noch eine Stunde bis Feierabend. Die Luft ist trocken, Heidi Weidling müde. Sie wird wohl auch heute nicht pünktlich nach Hause gehen. Ihr Auto hat sie extra weit weg geparkt, damit ihr nach Feierabend der Wind erst mal den Kopf freiblasen kann. Aber noch türmen sich Zettel auf dem Schreibtisch. Eine Kollegin fragt: "Haben Tagesmütter Anspruch auf Mindestlohn?" Weidling schüttelt den Kopf. "Nein, die sind meist freiberuflich tätig und fallen damit raus."

60 Sekunden hat das Telefon geschwiegen. Der Bildschirmschoner poppt auf - ein Koalabär, eine Qualle, der Grand Canyon. Dann greift die Telefonistin wieder zum Headset und zur Maus, die bunten Bilder verschwinden: "Guten Tag, mein Name ist Heidi Weidling, was kann ich für Sie tun?"

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 288 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
abby_thur 20.01.2015
1. Schlimm sowas
Diesen Arbeitgebern die dann das Trinkgeld kassieren müsste man die Gewerbeerlaubnis entziehen.
Leser161 20.01.2015
2. Und weiter?
Gut das sich der DGB drum kümmert, aber wie geht es weiter? Wird gegen die Arbeitgeber vorgegangen? Immerhin scheinen sie sich nicht an ein Gesetz zu halten. Oder ist es dann Pflicht des Arbeitnehmers gegen den Arbeitgeber zu klagen? Das macht das Gsetz dann natürlich zur Makulatur, denn welcher Mindestlöhner hat da die Kapazitäten für? Das mag so in Gänze zwar alles so korrekt sein, aber ein Gesetz, dass etwas verspricht, was aber in der Realität dann nicht eingehalten wird, ist in meinen Augen blanke Verhöhnung niedrigqualifizierter Malocher, die es eh schon nicht leicht haben.
observerlbg 20.01.2015
3. Deutschland hält ja erkennbar mit...
..im globalen Markt. Das funktioniert nur, wenn getrickst und getäuscht wird. Wir bewegen uns wieder in Richtung frühes 19. Jahrhundert. Lest dazu nur das alte Lied von Heinrich Heine: "Die Weber". "Ein Fluch dem falschen Vaterlande, wo nur gedeihen Schmach und Schande, wo jedes Blümlein früh geknickt und Fäulnis und Moder den Wurm erquickt".
kuddemuddel 20.01.2015
4. Erledigt!
Für die Politik hat sich das Thema erledigt. Frau Nahles und die SPD können sich feiern lassen. Wie die Arbeitnehmer bei fiesen Arbeitgebern den Mindestlohn durchsetzen, ist den Politikern völlig schnuppe. Stattdessen schreiben sie schwammige Gesetzestexte die dem Betrug Tür und Tor öffnen.
filimou 20.01.2015
5. Ausländische Arbeitskräfte,
die in Deutschland arbeiten, müssen jetzt auch 8,50€ bekommen. Jetzt rotieren tscheckische und polnische Spediteure. Entsprechend dem dort herrschenden Lohnniveau bekommen die Fahrer dort umgerechnet 2-3,--€ Stundenlohn. Jetzt herrscht dort Empörung darüber, dass der deutsche Staat sich erlaubt, in dortige Arbeitsverträge einzugreifen.In anderen EU-Staaten mit Mindestlohn sind ausländische Arbeitnehmer vom dortigen Mindestlohn ausgenommen. Ich nehme an, dass es hier noch zu diplomatischen Verwerfungen kommen wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.