Ausbildung statt Anstellung Museen mogeln beim Mindestlohn

Gesucht wird ein Mitarbeiter mit abgeschlossenem Studium - bezahlt wird er wie ein Azubi. So versuchen Museen, den Mindestlohn zu umgehen. Die Direktoren verkaufen "Volontariate" als Weiterbildung.

Museum (Archivbild): Millionenschwere Werke und magere Gehälter
REUTERS

Museum (Archivbild): Millionenschwere Werke und magere Gehälter


Nutzen Museen ihren Nachwuchs aus? Der Deutsche Gewerkschaftsbund schlägt Alarm. Kunsthallen und Gemäldegalerien lockten Studenten mit anspruchsvollen Aufgaben, zahlten dann aber nicht einmal 8,50 Euro Mindestlohn. Der Trick: Obwohl hochqualifiziert, erhalten die Mitarbeiter lediglich einen Azubi-Vertrag. "Unter dem Deckmantel Ausbildung wird offenbar versucht, Lohndumping zu betreiben", sagt Karsten Schneider, Leiter der DGB-Abteilung Beamte und Öffentlicher Dienst.

Er verweist auf typische Stellenausschreibungen: So suchte ein Traditionsmuseum in Trägerschaft eines Landes gleich drei Volontäre. Neben der restauratorischen Mitbetreuung der Sammlung sollten sie auch an der Neueinrichtung des Hauses mitwirken - und dabei zu einem großen Anteil Transporte betreuen. In einem anderen Haus sollte ein wissenschaftlicher Volontär zahlreiche "Arbeitsaufgaben" übernehmen sowie bei der Umsetzung von museumspädagogischen Programmen zu Kunst-, Landes- und Erdgeschichte mitarbeiten.

Die Aufgaben waren wow, die Bezahlung war nur mau: Laut Ausschreibungen sollten die Bewerber so viel verdienen wie Anwärter im öffentlichen Dienst. Hört sich gut an, aber heißt übersetzt: Der Stundenlohn liegt nur zwischen 6,17 und 7,37 Euro - also weit unter dem Mindestlohn von 8,50 Euro. Schneider: "Dabei deuten die beschriebenen Tätigkeiten auf reguläre Arbeit hin und nicht auf eine Ausbildung im eigentlichen Sinn."

Das Gehalt müsste doppelt so hoch sein

In einem weiteren Fall wurde neben einem abgeschlossenen Studium eine Zusatzausbildung oder praktische Erfahrung gewünscht. Wieder ein anderes Haus - "ein modernes Stadt- und Regionalmuseum" - macht gleich gar keine Angaben, was die Bewerber erwartet.

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Der Trick: Der Mindestlohn von 8,50 Euro gilt nicht für Auszubildende. Doch wann ist eine Ausbildung nur vorgeschoben? DGB-Mann Schneider: "Wer vollwertige akademische Arbeit leistet, muss im öffentlichen Dienst nach Entgeltgruppe 13 des jeweiligen Tarifvertrages bezahlt werden." Das Gehalt sei dann mindestens doppelt so hoch wie bei den Volontären. Reguläre Museumsaufgaben dürften nicht auf Volontäre abgewälzt werden.

Die Diskussion um Volontäre in Museen ist nicht neu. Bis heute ist die Stellung der bis zu 700 Betroffenen nicht klar geregelt. "Es gibt keine gesetzlich oder tarifvertraglich ausgestalteten Normen, die das Volontariat abschließend und für alle Beteiligten verständlich bestimmen", heißt es in einem Fachaufsatz.

"Eine weitere Qualifizierung"

Eckart Köhne, Präsident des Deutschen Museumsbunds und Direktor des Badischen Landesmuseums in Karlruhe, wertet die Volontäre als wissenschaftlich qualifizierte Kräfte - das Volontariat stelle eine weitere Qualifizierung dar. "Der Deutsche Museumsbund setzt sich bereits seit vielen Jahren für eine angemessene Bezahlung von Volontären ein", betont Köhne. Die in einem eigenen Leitfaden geforderte Eingruppierung in den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst liege über dem Mindestlohn.

"Gleichwohl wissen wir, dass es nicht allen Museen möglich ist, dieser Empfehlung zu folgen", räumt Köhne ein. Der Hintergrund: Länder und Kommunen sparen - in Zeiten der Schuldenbremse noch mehr. Eine Umfrage ermittelte, dass immerhin mehr als die Hälfte der Betroffenen angemessen bezahlt wird. "Das ist natürlich kein zufriedenstellendes Ergebnis, aber ein Anfang", meint Köhne. Er rechnet jedoch damit, dass das Mindestlohngesetz eine Veränderung bringen wird.

Das Bundessozialministerium jedenfalls zeigt sich hart und betont: "Mindestlohnverstöße können mit einer Geldbuße bis zu 500.000 Euro sanktioniert werden."

dpa/sid



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peroxyacetylnitrat 15.02.2015
1.
"... wertet die Volontäre als wissenschaftlich qualifizierte Kräfte - das Volontariat stelle eine weitere Qualifizierung dar." Natürlich, mit diesem "Argument" könnte man wohl sogar jeden ein Leben lang in "Ausbildungsposition" halten. Und häufig wird das ja auch einige Jahre lang besonders mit den angeblich so gut verdienenden Hochschulabsolventen gemacht. Wir sollen doch heutzutage ein Leben lang lernen und uns immer fortlaufend den neuen Anforderungen des Arbeitsmarkts anpassen. haha. Habe noch nie von z.B. einem bürokaufmann gehört, dem man nach Abschluss der Ausbildung bei Einstellung einfach mit einer fadenscheinigen "Begründung" die Ausbildungsvergütung zahlt anstatt ihn angemessen für seine Qualifikation zu entlohnen. "sie haben halt ihre Ausbildung in einem anderen Unternehmen gemacht, sehen Sie das bei uns nun als weiterqualifikation" da kann man nur hoffen, dass solche Auswüchse irgendwann auch mal abgeschafft sind. ja, Träumerei, ich weiß ;-)
LorenzSTR 15.02.2015
2. Volontariate
Ob nun in Museen oder gerne auch im Bereich Medien: Volontäre sind häufig eine günstige Alternative zu regulären Angestellten. Praktisch, dass so ein Volontariat auch zeitlich schön befristet ist und man die Leute dann los hat. Aber wen wundert das? In bestimmten Branchen kleben die älteren Mitarbeiter an ihren Stühlen, denn auf dem Arbeitsmarkt sieht es mau und rau aus. Für den Nachwuchs bedeutet das dann eben fressen oder sterben.
marthaimschnee 15.02.2015
3.
Schon witzig, daß kaum jemand unserer Super-Top-Ökonomen auf die Idee kommt, die aufziehende Deflation mit den Angriffen auf die Löhne zu assoziieren. Dabei zeigen langfristige Daten eben eine beeindruckende Korrelation zwischen Löhnen und Preisen, angesichts der Tatsache, daß diese Größen gar nicht direkt miteinander verbunden sind. Wer also meint, die Probleme unserer Ökonomie würden sich mit Lohndumping lösen lassen, der wird sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, daß es keine nennenswerte Inflation mehr geben wird. Der Druck auf die Löhne reduziert die Kaufkraft und das reduziert den Warenumsatz, was Druck auf die Preise macht. Das der Konsumindex bisher trotzdem nur stagniert ist der Tatsache geschuldet, daß die meisten Menschen ihren Lebensstandard aufrecht erhalten wollen und dadurch größere Teile ihres Einkommens verkonsumieren, was sich verdeutlich, wenn man sich die Sparquote der unteren 50% anschaut, dort ist nämlich inzwischen nichts mehr zu sparen. Am Durchschnitt ist da übrigens nichts zu erkennen, denn das Geld ist ja nicht weg, es hat nur jemand anders, der es eben spart. Zurück zur Inflation: Wenn es keine mehr gibt, besteht die einzige Chance auf Gewinne darin, anderen die ihren wegzunehmen oder anderen Verluste zuzufügen. Es sollte jedem logisch denkenden Menschen klar sein, daß ein Kapitalismus, der eh schon nicht besonders gut funktioniert, durch den alleinigen Druck, immer billiger werden zu müssen wohl kaum besser werden kann. Zumindest ist es kein Argument für Investitionen, sparen zu müssen. Wenn man genau darüber nachdenkt ist das natürlich überhaupt nicht witzig, sondern bezeichnend für die Zunft der Ökonomen, daß sie keinesfalls bereit sind zuzugeben, daß sie dem falschen goldenen Kalb gehuldigt haben, sondern im Gegenteil, ihren Irrglauben weiterhin als das Allheilmittel verkaufen, ungeachtet der Schäden, die sich damit inzwischen anrichten.
BettyB. 15.02.2015
4. So so
Seit wann bezeichnet man geschickten Gesetzesbruch als "Mogeln"?
Mischka 15.02.2015
5. Volontariatsmissbrauch
Nach meiner erfolgreichen Promotion in Geschichte (mit 1,0!) 2009 habe ich mich recht viel beworben. Ich hatte unter anderem ein Vorstellungsgespräch in einem großen Museum im Ruhrgebiet für ein Volontariat. Beim Gespräch stellte sich heraus, dass ich denen ein Buch zum Thema XY schreiben sollte. Das wäre fachlich auch kein Problem gewesen, aus dem Stand heraus habe ich ein Konzept entworfen, dass der Fachmann dort genauso gemacht hätte. Nun ja: Bezahlung: 1000 € - brutto! Dauer: 2 Jahre. Auf die Frage, was ich denn beim Volontariat lerne, mich interessiere Ausstellungsgestaltung, sagte man mir: wir können Sie unbezahlt für Kurse freistellen und überhaupt: ins Arbeitszeugnis können wir dann das reinschreiben, was sie wollen. Am liebsten hätte ich denen eine Strafpredigt gehalten. Ich habe es dabei belassen, auszudrücken, dass mich das nicht überzeugt. Dann hatte ich das Gefühl, dass ich einigen der älteren Herren, die ausschließlich in der Auswahlkommission saßen, nicht genug Dankbarkeit zeigen würde. Heute kann ich drüber lachen. Ich bin dann ziemlich schnell in einer Bundesbehörde für eine Führungsposition eingestellt worden - ohne Volontariat oder anderen Firlefanz.
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