Frauen und Technik!

Wie man Mädchen für die Naturwissenschaften gewinnt

Kapitel 1

Beste Voraussetzungen

»CyberMentor«, »ikubiz« oder »MuT«: So klingt es, wenn der Staat mit millionenschweren Programmen Mädchen und junge Frauen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) begeistern will.

Doch der Erfolg der Programme lässt auf sich warten. Der Anteil der Frauen, die in einem MINT-Studienfach ihren Abschluss machen, dümpelt seit Jahren bei 30 Prozent. Bei den Ausbildungsberufen ist die Quote noch magerer: Nur rund acht Prozent der jungen Frauen wählen überhaupt eine Ausbildung im Bereich Naturwissenschaft und Technik.

Eine Ausnahme ist die Medizin. Sind Mädchen gut in Naturwissenschaften, zieht es sie eher ins Krankenhaus oder die Praxis als ins Physiklabor. Der Frauenanteil hat sich bei Ärzten in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Was auch daran liegt, dass sich an dem Berufsbild - früher eine reine Männerdomäne - viel geändert hat und es vielleicht eher weiblichen Stereotypen entspricht:

»Der Arztberuf ist insofern ein sozialer Beruf, weil er es mit der Not von Menschen zu tun hat, die angewiesen sind auf einen Helfer«, so Giovanni Maio, Leiter des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg.






Für die MINT-Fächer dagegen können sich nur sehr viel weniger Frauen begeistern.

Schätzen Sie: In welchem der folgenden fünf MINT-Studiengänge liegt der Frauenanteil am höchsten?
Bringen Sie die folgende Liste durch Tippen beziehungsweise Klicken und Ziehen in die richtige Reihenfolge.






Eine Langzeitstudie unter mathematisch begabten Personen aus den USA, die über 40 Jahre lief, zeigt: Frauen schlagen bei gleicher mathematischer Begabung sehr viel seltener eine Karriere im MINT-Bereich ein als Männer. Die Frauen aus der untersuchten Gruppe entschieden sich häufiger für die Arbeit mit Menschen oder blieben daheim bei der Familie, während die Männer öfter Karriere im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich machten.

Sind all die teuren Förderprogramme also sinnlos? Es gibt Wissenschaftler, die genau das meinen. »Mädchen haben einfach weniger Lust auf Mathematik und Naturwissenschaften, und das ist ihr gutes Recht. Seit seiner Einführung im Jahr 2000 hat der Pisa-Test die Unterschiede in Leistung und Interessen zwischen Mädchen und Jungen jedes Mal wieder aufs Neue bewiesen. Er zeigt: Freude an Naturwissenschaften und Technik lässt sich nicht künstlich herbeizüchten«, so etwa der Schweizer Professor für Volkswirtschaftslehre Mathias Binswanger 2017 in der »Zeit«.

DER SPIEGEL 54/2018

Ganz anders sieht das die Chefin von Microsoft in Deutschland, Sabine Bendiek: »Die Industrie übersieht damit eine wichtige ungenutzte Ressource. Je eher wir eine Strategie entwickeln, um junge Frauen in MINT-Fächern zu stärken, desto besser können wir uns auf die Zukunft vorbereiten und sie gestalten«. Anders gesagt: Wir brauchen dringend weibliche Ingenieurinnen, Pharmazeutinnen und Programmiererinnen, weil es schon jetzt so viele offene Stellen gibt - und es in Zukunft noch mehr werden:

Ende April 2018 waren laut dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IWD) insgesamt 314800 Stellen in MINT-Berufen zu besetzen: Jobs für Fachkräfte und Akademiker. Ab dem Jahr 2021 rechnet das DIW mit einem zusätzlichen Bedarf von rund 275600 Fachkräften. Und das Jahr für Jahr, vor allem um die demografische Lücke in diesem Bereich zu schließen.


Fehlende Arbeitskräfte
in MINT-Berufen in Deutschland


Quelle: Institut der Deutschen Wirtschaft


Aber es geht nicht nur um den Kampf gegen den Fachkräftemangel. Ein gemischtes Team, eine gemischte Belegschaft, ein gemischtes Unternehmen, in dem Frauen und Männer zusammenarbeiten, ist kreativer und besser als eine reine Männer-Firma.

Die amerikanische Forscherin Anita Woolley hat das in einem Experiment eindrucksvoll bewiesen. Sie ließ verschiedene Gruppen Aufgaben lösen. Teams mit höherem Frauenanteil schnitten dabei deutlich besser ab. Wie kann es gelingen, mehr Frauen für den MINT-Bereich zu begeistern?


Kapitel 2

Was Frauen hindert

Eine in zwölf europäischen Ländern durchgeführte Studie macht Hoffnung. Denn gerade Mädchen, die sich als kreativ empfinden, können sich ihr zufolge eine Karriere im MINT-Bereich vorstellen. Was konkret hindert sie daran, sich in Labore zu stellen, an der Werkbank zu stehen oder Apps zu programmieren?
Es sind vor allem vier Punkte.


Nummer 1: Fehlende Ermutigung durch Eltern und Lehrer.

Eltern haben beispielsweise an Söhne ganz andere Erwartungen als an Töchter:





Und auch in der Schule fehlt es oft an Hilfestellung. »Viele Lehrer haben mir das Gefühl gegeben, der Mühe nicht wert zu sein. In der Mittelstufe hatte ich dann einen Mathematiklehrer, der mich motivierte. Seitdem habe ich Spaß an mathematischen Fächern«, erzählt etwa Yasmin Saleh, 21, Studentin der Umwelttechnik.

Was Saleh erlebt hat, bestätigt die Microsoft-Studie. Gerade in Deutschland scheint der MINT-Unterricht sehr männlich geprägt und wird an Beispielen aus »Jungs-Perspektive« erklärt.


Nummer 2: Mangelndes Selbstbewusstsein

Mädchen schätzen ihre eigenen mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten und Kompetenzen eher gering ein.





Nummer 3: Stereotype

Stereotype müssen nicht schlecht sein. Mit ihnen treffen wir schneller Entscheidungen, nicht wenige erleichtern den Alltag. Das Verhältnis von Frauen und Technik machen sie aber komplizierter:

»Uns Frauen wird oft vermittelt, dass wir besser in sozialen Berufen aufgehoben wären, dass dies eher unserem Naturell entspricht. Diese Annahmen sind so selbstverständlich in unserer Gesellschaft verankert, dass uns das meist nicht einmal auffällt«, so Lea Wantzen, 24, Studentin der Umwelttechnik.

Und diese Stereotype werden von Generation zu Generation weitergegeben - von klein auf:

»Als Kind mochte ich Barbiepuppen und Lego. Allerdings bekam ich meistens Barbiepuppen geschenkt. Einmal bekam ich einen Lego-Adventskalender, darüber habe ich mich total gefreut. Ansonsten spielte ich einfach mit dem Lego meines Bruders«, erzählt Wantzen.

Besonders hartnäckig halten sich unbewusst anerzogene Stereotype. Selbst junge Physiklehrerinnen in Deutschland, die wenig Berufserfahrung haben, scheinen nicht gegen ihre eigenen Stereotype gefeit zu sein. Eine Untersuchung der ETH Zürich zeigte, dass sie Tests von Schülerinnen schlechter bewerten als die von Schülern. Obwohl die Ergebnisse dieselben waren. Die Physiklehrer hingegen machten keinen Unterschied. Bei ihnen schnitten beide gleich ab.
Doch es gibt Hoffnung: Auch die Lehrerinnen scheinen irgendwann ihre Stereotype aufzugeben. Mit zunehmender Berufserfahrung machten auch sie keinen Unterschied mehr.


Nummer 4: Fehlender Anreiz zum Aufstieg

Die Arbeitsbedingungen im Tech-Bereich könnten kaum besser sein, nur zehn Prozent der Beschäftigten hatten im Jahr 2015 eine befristete Stelle. Auch die Verdienstmöglichkeiten sind sehr gut:




Alles eine Geldfrage? Ja, ein gutes Einkommen und eine gesicherte Stelle ermöglichen ein selbstbestimmtes und finanziell unabhängiges Leben. Und ja, es entscheidet auch das Geld darüber, wie gleichberechtigt eine Partnerschaft ist. Spätestens wenn es um die Frage »Wer betreut die Kinder?« geht. So wäre nicht zwangsläufig die Frau diejenige, die wegen ihres niedrigeren Einkommens Teilzeit arbeitet oder sogar auf ein Einkommen verzichtet und zu Hause bleibt. Zumal es immer mehr junge Männer gibt, die keine Lust auf die Rolle des Familienernährers haben und ungern auf gemeinsame Zeit mit ihren Kindern verzichten.

Aber das Geld allein ist es nicht. Es ist komplizierter:

So lieferte eine Studie der Psychologen Gisjbert Stoet und David Geary eine Überraschung: In Ländern wie Schweden und Deutschland, wo der »Gender Gap«, also die Ungleichheit der Geschlechter, eher niedrig ist, studieren besonders wenige Frauen MINT-Fächer. Klingt paradox? Fanden die Forscher auch: Frauen in diesen Ländern können, so die Wissenschaftler, eher ihren persönlichen Neigungen folgen und Fächer studieren, in denen ihre Noten noch besser waren als in Physik oder Mathe. Das sind etwa Fächer wie die Literaturwissenschaften oder Kunst. In Ländern mit hoher Ungleichheit wie Algerien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten dagegen liegt der Frauenanteil bei rund 40 Prozent. Die Psychologen vermuten, dass MINT-Fächer für diese Frauen eine Chance sind: ein Sprungbrett in ein selbstbestimmtes Leben.


Das Gender-Gap-Paradoxon
Zusammenhang zwischen dem Gender-Gap und dem Frauenanteil unter den MINT-Absolventen

niedriger Gender-Gap hoher Gender-Gap
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Quelle: Stoet and Geary


Die Inderin Priyanka Mascarenhas kam im Oktober 2016 nach Deutschland, um nach mehrjähriger Berufstätigkeit als Elektroingenieurin einen Master in Erneuerbaren Energien an der HAW Hamburg zu machen. Sie erzählt in einem Video, warum es gerade für sie als Inderin wichtig war, diesen Weg einzuschlagen.





Kapitel 3

Was helfen könnte

Monoedukation


Schulen ohne Jungs - ist das sinnvoll, um mehr Mädchen für die Naturwissenschaften zu begeistern? Die Wissenschaft hat darauf keine eindeutige Antwort.

Tatsächlich liefern einige Studien Argumente für den getrennten Unterricht: So konnte beispielsweise in einigen Fällen beobachtet werden, dass Schülerinnen an manchen Mädchenschulen mehr Freude an Physik haben und in dem Fach auch ihre eigenen Fähigkeiten höher einschätzen als Mädchen in koedukativen Klassen. Sind also die Jungs schuld, wenn die Mädchen sich nicht für Mathe interessieren?

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Nein, daran hätten beide Geschlechter ihren Anteil, meint Bettina Hannover, Professorin für Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin. Denn bei der eigenen Identitätsentwicklung als Junge oder Mädchen würden sich Jugendliche selbst Geschlechterrollen zuweisen: Vor allem während der Pubertät wollen Mädchen als besonders weiblich und Jungen als besonders männlich wahrgenommen werden. Wenn Jungen und Mädchen zu stark von diesen Rollen abweichen - etwa durch als geschlechtsuntypisch wahrgenommene Interessen - werden sie im Freundeskreis schnell als komisch abgestempelt. Es drohen Einschüchterungen und Mobbing. Dies wirke sich auch auf die Fachauswahl aus, so Hannover.

Vielen Experten scheint ein abgeschwächtes Konzept der Monoedukation sinnvoll, bei dem keine durchgehende Trennung während der gesamten Laufbahn erfolgt. In bestimmten Fächern kann dies aber für eine begrenzte Zeit durchaus von Vorteil sein, etwa während des Facheinstiegs.

So sieht es auch Stella Mahler. Die 22-Jährige hat sich in Bremen in den Frauenstudiengang Informatik eingeschrieben. Jedes Jahr bietet die Hochschule Bremen 30 Plätze an, auf die sich mittlerweile durchschnittlich 70 Frauen bewerben.




Vorbilder


Was will ich werden? Oft fehlt jungen Frauen eine genaue Vorstellung davon, welche naturwissenschaftlich-technischen Berufe es überhaupt gibt.

Die Welt der Ingenieure und Programmierer ist in den Augen vieler Mädchen noch immer eine Männerdomäne. Allein das reicht offenbar schon, um ihr Interesse zu schmälern.

Was also wünschen sich junge Frauen? Sie wollen in einem kommunikativen, kreativen und gesellschaftlich relevanten Umfeld tätig werden. Dass sie in einem naturwissenschaftlichen Job genau das verwirklichen können, sehen viele nicht.
Denn nicht immer ist der Arbeitsplatz im Chemielabor oder im Großunternehmen:

»Ich habe mich zwar gegen die Pädagogik und für die Informatik entschieden, aber gesellschaftliche Aspekte lassen mich ja nach wie vor nicht kalt. Informatik kann man als Handwerk in ganz vielen verschiedenen Bereichen nutzen, zum Beispiel bei Stiftungen, sozialen und öffentlichen Einrichtungen, Non-Profit-Organisationen oder in Thinktanks und Social-Business-Start-ups«, meint die Informatikstudentin Mahler.

Was also hilft? Vorbilder. In einer Microsoft-Studie gaben 44 Prozent der Mädchen an, sich für Mathematik und Co. zu interessieren, wenn sie ein Vorbild in diesem Bereich haben. Ohne Vorbild sind es nur 22 Prozent. Hinzu kommt, dass Mädchen mit Vorbildern ein größeres Selbstbewusstsein haben und ihre Leistung besser einschätzen.
Doch gerade diese Vorbilder sind selten, was schon die Vergabe der renommiertesten Wissenschaftspreise offenbart:




Aber warum noch warten? Bevor die nächsten Nobelpreise vergeben werden, hier eine Liste von Vorbild-Frauen:


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Marie Curie
Die 1867 geborene Physikerin und Chemikerin entdeckte die chemischen Elemente Polonium und Radium. Ihr Name ist eng verbunden mit der Entdeckung der Radioaktivität. Als einzige Frau wurde ihr gleich zweimal der Nobelpreis verliehen, nämlich 1903 für Physik und 1911 für Chemie. Auch ihre Tochter Irène war Physikerin und Chemikerin und gewann 1935 den Chemienobelpreis.


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Jane Goodall
Sie untersuchte das Verhalten von Menschenaffen und setzte sich für deren Schutz ein.


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Dana Scully
Die FBI-Agentin Dana Scully aus der Serie Akte X war in einer US-amerikanischen Umfrage für rund zwei Drittel der Frauen, die heute in technischen Berufen arbeiten, ein Vorbild. Dies dokumentierten Wissenschaftler in einer Studie Anfang dieses Jahres. Das Phänomen ist als »Scully-Effekt« bekannt.


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Lisa Simpson
Die hochbegabte Lisa, eine der Hauptfiguren der Comicserie »Die Simpsons«, interessiert sich nicht nur für die Probleme der Welt, sondern auch für Astronomie und Medizin.


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Lehrerin
Können sich Mädchen mit ihnen identifizieren? Sind sie ihnen sympathisch? Und scheint ein Erfolg im naturwissenschaftlichen Bereich auch für sie möglich? Dann hat das auch einen positiven Einfluss auf die naturwissenschaftliche und mathematische Selbstwahrnehmung der Mädchen.


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Familie/Vater
Nicht zu vergessen: die Familie. Eine besondere Rolle scheinen dabei Väter zu spielen. Helfen sie bei der Hausarbeit? Sind sie aufgeschlossen gegenüber Gleichberechtigung? Und stützen sie die Karriereziele der eigenen Tochter?



Nicht die Frauen müssen sich ändern. Wir alle!


Klar ist, dass es nicht schnell gehen wird. Um junge Frauen für MINT-Berufe zu begeistern, braucht es vor allem ein Umdenken. In der Familie. In der Schule. Drei Vorschläge:

Rückenwind: Schülerinnen haben durchaus Gefallen an naturwissenschaftlichen Themen, 40 Prozent können sich sogar eine technische Karriere vorstellen. Lehrer wie Eltern sollten Mädchen ermutigen und ihnen die Vorbehalte gegenüber technischen Fächern nehmen.

Andersdenken: Mädchen reizt das kreative Potenzial, das naturwissenschaftlich-technische Disziplinen ja zur Genüge haben. Wie können wir Krebs bekämpfen? Wie mildern wir die Folgen des Klimawandels? Im Unterricht könnten häufiger solche konkreten Fragen behandelt werden.

Vorbilder: Finden mehr Frauen den Weg in Technik und Naturwissenschaft, spielen automatisch Frauen und Mädchen in Filmen oder Serien eine stärkere Rolle, als Wissenschaftlerin, Firmenchefin oder Programmiererin. Dadurch gibt es mehr Vorbilder für die Mädchen der neuen Generation. Und eine MINT-Karriere wird für Frauen, was sie sein sollte: selbstverständlich.






Autoren  
Cornelia Baumermann und Ferdinand Kuchlmayr
Illustration  
Cornelia Pfauter
Videos  
Ferdinand Kuchlmayr
Motion Design  
Lorenz Kiefer
Grafik  
Cornelia Baumermann und Ferdinand Kuchlmayr
Sprecher  
Olaf Heuser
Programmierung  
Ferdinand Kuchlmayr und Chris Kurt
Dokumentation  
Susmita Arp und Janine Große
Redaktion  
Jens Radü
Schlussredaktion  
Katrin Zabel

Bildnachweis: FACE TO FACE / ACTION PRESS; UNITED ARCHIVES / ACTION PRESS; UNITED ARCHIVES / DDP IMAGES