Management by Marmelade Kleine Geschenke erhalten die Feindschaft

Geld allein macht nicht glücklich, Anerkennung im Job umso mehr. Verbales Lob liegt Mittelmanager Achtenmeyer nicht so. Dafür pflegt er ein Dankeschön-System mit Mangomus und "Teufelskerl"-Senf: der Bonus zum Anbeißen.

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Eine Karriere-Glosse von


Neuerdings wird Achtenmeyer häufig gebucht. Mal gilt es, eine Keynote beim Marketing Summit zu halten ("Marketing - Quo vadis?"), mal soll er in einer Podiumsdiskussion das Panier seiner Profession hochhalten ("Marketing - Fluch oder Segen?") oder an seiner alten Uni der Jury für einen neu erdachten Preis vorsitzen ("The Future of Marketing"). Solche Sachen eben.

Die ersten Anfragen hatte Achtenmeyer noch empört abgelehnt. Immer telefonisch, immer mit dem höflichen, aber sehr deutlichen Hinweis, dass ein Mann in seiner Position wahrhaftig Wichtigeres zu tun habe, als alberne Preise zu vergeben oder auf Podien den Hampelmann zu spielen.

Aus einer Laune heraus sagte er eines Tages doch zu. Und siehe da: Die flotte These nebenbei, das elegante Kreuzen der Argumente zu einer Frage, bei der es für ihn selbst um nichts geht - das stellte sich als erstaunlich angenehm heraus. Gar nicht zu reden vom verführerischen Gefühl, umworben und begehrt zu sein und seine kleinen Stegreifreden plötzlich vor einem Publikum halten zu dürfen, das nicht (wie in den Meetings seiner Firma) angeödet auf dem Smartphone herumdaddelt, sondern tatsächlich daran interessiert zu sein scheint, was er sagt. Sogar inhaltlich.

Ein Scheck ist doch irgendwie herzlos

Am besten aber, muss Achtenmeyer sich eingestehen, sind die symbolischen Geschenke: "ein kleines Dankeschön für Ihre Mühe". Honorar hat er schon aus Compliance-Gründen nie verlangt; wurde es trotzdem angeboten, hat er es gespendet. Denn Geld ist, wie er gern betont, "für mich kein Treiber". Umso schöner, wenn die Anerkennung dennoch einen Weg findet, wobei es sehr schöne, ebene Wege gibt, aber auch ziemlich rumpelige Feldwege.

Auf dem letzten Platz seiner persönlichen Dankesgeschenke-Liste rangiert bei Achtenmeyer der USB-Stick: In welchem Jahrzehnt leben die Leute eigentlich? Etwas weniger schlimm, jedoch geradezu unverfroren geizig, sind Bücher, die der Veranstalter selbst geschrieben hat. Etwas besser, aber wirklich nur etwas, sind Bildbände oder Blumen, über die sich immerhin seine Frau freut, sofern er die Geschenke nicht im Flieger liegenlässt.

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Achtenmeyers absoluter Favorit sind kleine, sauteuer aussehende Papiertüten mit einer feinen Selektion regionaler Spezialitäten. Teuer, mit bemüht-bodenständigen Namen ("Großmutters Land-Erdbeermarmelade mit Zimt-Vermählung"), meist aus einem lokalen Feinkostgeschäft, das natürlich längst Manufaktur heißt. Gern genommen werden Konfitüren, aber auch Gewürze, Senf und - dernier cri - Chutneys.

Mittlerweile verfügt Achtenmeyer über eine beachtliche Sammlung dieser Töpfchen und Tiegelchen. Als er eines Abends die Neuzugänge sortierte, kam ihm eine Idee: Wenn er sich über die Kleinigkeiten mehr freute als über einen großzügigen, doch irgendwie herzlosen Scheck - warum diese Art der Motivation nicht auch in seiner Abteilung einsetzen?

Yippie, Kumquat-Chutney!

Und so bekam Bedermann für das termingerechte und akkurate Abliefern des Marketing-Plans ein leckeres Kumquat-Chutney, ein Gläschen Mangomarmelade und einen Tiegel mit "Teufelskerl"-Senf. Bedermann freute sich wie in Vierjähriger, der vorn im Feuerwehrauto mitfahren darf. Ebenso Kurzow; ihn belohnte Achtenmeyer für den präzisen Forecast in Südamerika mit einem Kartoffelbrot im hübsch gemusterten Leinentuch, einer thüringischen Salzmischung sowie einem Glas Backpflaumen in festem Honig.

So ging es weiter, Achtenmeyer verschenkte kulinarische Motivation am laufenden Band. Da seine Vorräte rasch aufgebraucht waren, musste Frau Schnitzel im Internet nach den besten Nahrungs-Manufakturen graben. Achtenmeyer begann, kleine Abstufungen einzuführen, um seine Wertschätzung noch differenzierter auszudrücken. Zum Beispiel zählte Mangomarmelade mehr als Erdbeer, scharfer Senf mehr als süßer. Als guter Marketeer fand Achtenmeyer für die Methode auch gleich einen Namen: "Der Bonus zum Anbeißen".

Als Dr. Karl die Marmeladen-Motivation bemerkte, bat er Achtenmeyer in sein Büro. "Ganz, ganz klasse, mein lieber Achtenmeyer, was Sie da aufgezogen haben", sprach sein Vorgesetzter. "Wie es immer so schön heißt: Geld ist nur ein Hygienefaktor, echte Wertschätzung liegt in kleinen Dingen." Weshalb er, Dr. Karl, seinen Dank für Achtenmeyers brillante Idee auch gerne mit einer liebevoll ausgesuchten Kleinigkeit ausdrücken wolle.

Seit diesem Nachmittag grübelt Achtenmeyer, ob sein Chef völlig von gestern ist oder einfach nur fies. In dem kleinen Päckchen, das Dr. Karl ihm mit großer Geste überreicht hatte, lag: ein USB-Stick.

Lessons learned

1) Details zählen: "People join companies, but leave managers", heißt es - das stimmt natürlich. Ein Unternehmen kann noch so toll sein, das Produkt noch so sexy: Wenn die Kollegen doof sind oder der Vorgesetzte fies ist, macht der Job keinen Spaß. Gute Führung motiviert und schätzt Leistung wert, auch mit kleinen Gesten.

2) Hygienefaktor: Das Gehalt müsse stimmen, aber letztlich zähle doch die Freude an der Aufgabe und ein gutes Team: als Argument beliebt, wenn das Gehalt gerade nicht stimmt. Natürlich, Geld IST ein Hygienefaktor - aber der muss passen. Es würde ja auch niemand in einem völlig vermüllten, unhygienischen Büro arbeiten.

3) Naturalienwirtschaft: Erdbeermarmelade als Bonus-Ersatz geht vielleicht einen Tick zu weit. Doch die Idee, bei Gehaltsverhandlungen statt mehr Geld andere Leistungen herauszuschlagen, erfreut sich bei Vorgesetzten einer gewissen Beliebtheit. Warum also nicht mal nach einer spannenden Fortbildung, Tankgutscheinen oder einem neuen iPhone fragen?

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
iLady 04.06.2015
1. Kritisch
Ich hoffe der Chef kennt auch die Lebensmittel Unverträglichkeiten seiner Angestellten.. Weil so kann ein nett gemeintes Geschenk auch schnell nach hinten losgehen… Ich Persönlich mag USB Sticks… ;-) allgemein Technik Geschenke lieber als was zu essen… Oder einfach GELD ! Denn davon kann ich mir kaufen was MIR gefällt… Wer natürlich Wie Herr Achtenmeyer wahrscheinlich so viel verdient das Geld keine Option mehr ist…. Ja dem kann man anderen Schnickschnack mitgeben… Ich bevorzuge Geld was ich in mein Hobby stecken kann und es motiviert mich auch! Senf, Marmelade, Wein etc. steht bei mir rum bis das Verfallsdatum abgelaufen ist (oder wird weiterverschenkt) bringt bei mir also NULL Motivation…
Bakturs 04.06.2015
2. Nicht-Monetäre Gehaltserhöhungen sind purer Stress
Nicht-Monetäre Gehaltserhöhungen sind purer Stress für jede Gehaltsabrechnung und Personalabteilung. Aus diesem Grund werden derartigen Leistungen in "unserer" Firma nicht angeboten. Und das, obwohl sich das Unternehmen als modern, zeitgemäß und familienfreundlich nach außen präsentiert.
genie_der_genies 04.06.2015
3. Wahnsinn Büro
Ich habe mich auf jeden Fall wieder köstlich amüsiert.
Shelly 04.06.2015
4. Ich kann dieses Märchen nicht mehr hören!
Natürlich macht Geld allein nicht glücklich, aber was soll dieses allgemein viel- oder auch nichtssagende Sprichwort im Zusammenhang mit der Arbeitswelt? Ich denke, wenn ein Arbeitnehmer entscheiden kann, dann ist ihm eine Lohnerhöhung allemal lieber als sonstiger Ramsch wie Geschenkkorb oder Jogagutschein! Also Arbeitgeber - nur Bares ist Wahres!
fessi1 05.06.2015
5. Natürlich!
"Honorar hat er schon aus Compliance-Gründen nie verlangt; wurde es trotzdem angeboten, hat er es gespendet." Hätte irgendjemand auch nur ansatzweise etwas anderes vermutet!?
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