Mobbing am Arbeitsplatz "Eine Kollegin sabotiert mich"

Eine Oberärztin tritt ihren Job an einer Klinik an. Alles läuft gut - bis eine Schwester plötzlich Termine doppelt vergibt und Akten verschwinden. Was kann die Ärztin tun?

"Auf einmal haben Aufzeichnungen aus einer Patientenakte gefehlt" (Archivbild)
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"Auf einmal haben Aufzeichnungen aus einer Patientenakte gefehlt" (Archivbild)

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Dorothee Hamann* schreibt:

Ich habe als leitende Oberärztin in einer psychiatrischen Ambulanz und Tagesklinik angefangen. Die ersten sechs Monate lief alles wunderbar. Ich war höchst motiviert, habe meine Mitarbeiter wertgeschätzt und hatte den Eindruck, dass alles professionell läuft.

Seitdem ich mit der Arbeit begonnen hatte, sind die Patientenzahlen ungefähr um ein Drittel gestiegen, also gab es auch mehr zu tun. Der Druck auf die Mitarbeiter stieg. Natürlich passte das nicht allen.

Ich merkte schnell, dass vor allem eine Schwester damit Probleme hatte. Sie wurde mir gegenüber sehr feindselig. Sie hat Dinge, um die ich sie bat, nicht mehr ausgeführt. Bei Neuaufnahmen sollte sie zum Beispiel die Akten anlegen. Aber sie weigerte sich, obwohl sie diese Arbeit für unsere Psychologen erledigte. Schließlich übernahm meine Arzthelferin das für mich.

Dann lief etwas mit den Terminen schief. Plötzlich waren zwei Patienten gleichzeitig gebucht. Meist wurden die Termine am Mittag und kurz vor Feierabend doppelt vergeben, sodass ich keine Pause mehr machen konnte und länger auf der Arbeit bleiben musste. Theoretisch konnte jeder an den Computer gehen, um Termine zu verändern. Aber eigentlich war nur eine Kollegin dafür zuständig - und zwar die Schwester, die sich weigerte, die Akten abzuheften.

Dann haben auf einmal Aufzeichnungen aus einer Patientenakte gefehlt. Zwei Wochen später habe ich diese Aufzeichnungen zufällig bei einem anderen Patienten eingeheftet gefunden. Meine Arzthelferin und ich konnten uns das nicht erklären. Irgendwann fehlten sogar ganze Akten. In dieser Zeit habe ich auch erfahren, dass schon einmal eine Mitarbeiterin der Klinik gegangen war, weil sie mit der Schwester nicht klar kam.

Ich habe meinem Chef schließlich gesagt, dass ich mit der Schwester nicht mehr zusammenarbeiten will, weil sie sabotiert. Doch mein Antrag, dass sie in eine andere Klinik versetzt wird, wurde abgelehnt. Die Schwester hat natürlich alles abgestritten. Sie räumte nur ein, dass sie Termine am Computer verändert hatte, aber nur um den Patienten einen Gefallen zu tun.

Was kann ich tun?

*Name geändert

Psychologe Rainer Müller antwortet:

Zur Person
  • Verena Reinke
    Als freiberuflicher Trainer und Berater beschäftigt sich der Hamburger Diplom-Psychologe Rainer Müller vorrangig mit Konflikt- und Stressmanagement. Zudem moderiert er das "Fachforum Mobbing" und schreibt für den Blog "Psyche und Arbeit".

Eine plötzliche Arbeitsverdichtung kann dazu führen, dass die betroffenen Mitarbeiter sich jemanden suchen, an dem oder der sie ihren Frust ablassen können. Als Vorgesetzte könnten Sie etwas dagegen unternehmen, indem Sie die Gründe für die notwendige Mehrarbeit offen kommunizieren. Außerdem können Sie mit den Mitarbeitern nach Wegen suchen, wie sie mit dem gestiegenen Druck umgehen können.

Als sich Ihre Kollegin weigerte, Akten für die Neuaufnahmen anzulegen, hätten Sie mit ihr ein entsprechendes Gespräch führen können. Unabhängig davon ist aber natürlich jeder Arbeitnehmer dazu verpflichtet, die vereinbarten Tätigkeiten mit gehöriger Sorgfalt zu leisten und den Weisungen des Vorgesetzen zu folgen.

Die Schwester hätte die Termine nicht doppelt vergeben dürfen. Mit der Aussage, sie habe den Patienten damit nur einen Gefallen tun wollen, konnte sie ihr Verhalten allerdings einigermaßen plausibel begründen. Dieses Problem ließe sich mit einer klaren Absprache oder einer schriftlich festgehaltenen Vereinbarung schnell lösen.

Brisanter Verdacht

Der Verdacht, dass die Schwester Ihre Unterlagen versteckt und somit Ihre Arbeit sabotiert, ist hingegen deutlich brisanter. Solange Sie aber keine Beweise dafür haben, wird es schwierig. Ihr Wunsch, mit dieser Frau nicht mehr zusammenzuarbeiten, ist nachvollziehbar. Allerdings überzeugten Ihre Gründe die Personalabteilung nicht ausreichend, um sie zu versetzen. Die Vermutung, dass bereits eine andere Kollegin wegen ihr gekündigt hat, ist in diesem Kontext leider unerheblich.

Was können Sie in einem solchen Fall also tun? Machen Sie den Verlust der Akten öffentlich und bitten Sie Ihre Kollegen bei der Suche mitzuhelfen. Sprechen Sie also Ihren Vorgesetzten sowie das gesamte Team (vielleicht in einem Meeting) darauf an. Weisen Sie darauf hin, wo Sie die Akten zuletzt abgelegt haben.

Ich würde zunächst niemandem die Schuld geben, da die Beschuldigten - wie in Ihrem Fall geschehen - ihr Vergehen aller Voraussicht nach nicht zugeben werden. Wenn Sie die Verluste öffentlich machen, werden Ihre Kollegen künftig vielleicht verstärkt auf derlei Vorkommnisse achten. Somit dürfte es zumindest unwahrscheinlicher werden, dass sich so etwas in naher Zukunft wiederholt.

Für sinnvoll halte ich es zudem, Aufzeichnungen anzufertigen, um Ihren Verdacht zu stützen. Wird die Arbeit eines Kollegen bewusst und nachweislich sabotiert, kann das schließlich eine Kündigung zur Folge haben.

    Ihre Kollegen lästern hinter Ihrem Rücken über Sie? Ihr Chef überfrachtet Sie mit Arbeit oder gibt Ihnen nur undankbare Aufträge? Sie werden im Büro ausgegrenzt, Kollegen enthalten Ihnen wichtige Informationen vor oder weigern sich, mit Ihnen zusammenzuarbeiten? Wenn Sie am Arbeitsplatz gemobbt werden, dann schreiben Sie uns. Psychologe Rainer Müller hilft weiter. Schicken Sie Ihre Sorgen, Probleme und Fragen an spon.bildung@spiegel.de. Mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Sie erwähnen auch, dass die von Ihnen beschuldigte Schwester sich zunehmend feindselig verhielt. Woran machen Sie das fest? Was hat sie gesagt, wie hat sie sich verhalten? Und wie haben Sie darauf reagiert? Auch die Antworten auf diese Fragen sollten Sie (mit Angabe des Datums, einer kurzen Beschreibung der Situation und einer Auflistung eventuell anwesender Personen) in das Tagebuch eintragen.

Arbeiten Mitarbeiter nicht mehr gut zusammen, müssen Sie die Krankenhausleitung auf ihre Fürsorgepflicht hinweisen. Fordern Sie sie auf, sich für ein besseres Betriebsklima einzusetzen. Auch den Betriebsrat könnten Sie in solchen Fällen um Hilfe bitten.



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Zokka11 22.12.2017
1. Arbeitsverdichtung
Was erwarten Sie denn als Führungskraft in einem Bereich, der sowieso idR schon am Limit ist, bei einer um nochmals 30% gestiegenen Auslastung ? Ich finde es gut, dass die eine Schwester so mutig ist, zu rebellieren...auch wenn das erstmal unfair klingt. Leider ist es in unserer Arbeitswelt mittlerweile meistens nicht mehr möglich, OFFEN Mißstände und Arbeitsüberlastung anzusprechen. Im Pflegebereich soll es genügend Mitarbeiter geben, die schon mehrfach Überlastungsanzeigen gestellt haben... ohne Erfolg. Ihre Aufgabe als Vorgesetzte ist es zunächst einmal, für Motivation zu sorgen und Arbeitsabläufe so zu optimieren, dass die Mehrbelastung entweder a) durch die gestiegene Auslastung wieder kompensiert wird ODER b) dass dann eben auch 30% mehr Mitarbeiter eingestellt werden, um die höhere Auslastung abzufangen. Wie Motivation funktioniert ? Eine WERTSCHÄTZENDE Mitarbeiterführung wäre schon mal ein Anfang.
Bjoern @ Fracebook 22.12.2017
2. Das Vorgehen ist doch eindeutig
1) Klare Aufgabenzuordnung. Die Schwester für Terminverwaltung und Patientenakte verantwortlich machen. Wenn dann etwas nicht passiert: Gespräch, schriftliche Ermahnung, Abmahnung. 2) Mobbing geht auch in die andere Richtung. Wie wäre es denn, Teamgespräche auf die Zeit kurz vor Dienstschluss zu legen? Das wird die Schwester sicher auch sehr freuen. 3) Wer schreibt, der bleibt. Eine nachvollziehbare Dokumentation ist das A und O. Heißt: wenn die Patientenakte an die Schwester übergeben wird, dann quittieren lassen. Sonst behauptet die Schwester später noch, sie habe die Akte nie bekommen. Schließlich darf man nicht vergessen, dass solches Verhalten - egal auf welcher Hierarchieebene - einen starken negativen Einfluss auf das gesamte Team hat und nicht nur wie in diesem Fall die Ärztin, sondern die gesamte Abteilung leidet. An die Ärztin noch einen Check vorher: wie ist das Verhältnis der Schwester zu Vorgesetzten der Ärztin? Zwar sollte man seinen Füller nicht in Firmentinte stecken, aber hin und wieder soll es dann doch vorkommen.
stefan.albrecht@virgilio. 22.12.2017
3. Total einseitig
Was für ein einseitiger Artikel. Was, wenn die Ärztin absolut überheblich mit ihren Mitarbeitern umgeht und deshalb nun Druck bekommt? Es kommt, wie in der Antwort richtig angedeutet, aber leider nicht ausgeführt, erheblich darauf an, wie man "Mehrarbeit" kommuniziert. Hat sie mal mit der verdächtigen Schwester gesprochen und ihr gesagt, was sie denkt? Hat sie die Schwester einmal gefragt, wie es ihr geht und ob sie vielleicht Probleme hat? Ich denke, damit kann sie im ersten Schritt viel mehr erreichen, als durch Einschalten des Vorstandes und knallhartem Durchziehen, von irgendwelchen Arbeitsrechtlichen Regeln. Auf mich macht die Ärztin den Eindruck, als ob sie nicht fähig ist, mit Mitarbeitern zu sprechen und vielleicht denkt sie ja, dass sie allen zeigen muss, dass sie alles besser kann.
CancunMM 22.12.2017
4.
Zitat von Zokka11Was erwarten Sie denn als Führungskraft in einem Bereich, der sowieso idR schon am Limit ist, bei einer um nochmals 30% gestiegenen Auslastung ? Ich finde es gut, dass die eine Schwester so mutig ist, zu rebellieren...auch wenn das erstmal unfair klingt. Leider ist es in unserer Arbeitswelt mittlerweile meistens nicht mehr möglich, OFFEN Mißstände und Arbeitsüberlastung anzusprechen. Im Pflegebereich soll es genügend Mitarbeiter geben, die schon mehrfach Überlastungsanzeigen gestellt haben... ohne Erfolg. Ihre Aufgabe als Vorgesetzte ist es zunächst einmal, für Motivation zu sorgen und Arbeitsabläufe so zu optimieren, dass die Mehrbelastung entweder a) durch die gestiegene Auslastung wieder kompensiert wird ODER b) dass dann eben auch 30% mehr Mitarbeiter eingestellt werden, um die höhere Auslastung abzufangen. Wie Motivation funktioniert ? Eine WERTSCHÄTZENDE Mitarbeiterführung wäre schon mal ein Anfang.
Gehts noch ? Erst einmal hat natürlich die Mitarbeiterin es zu verbalisieren, wenn sie die Arbeit nicht mehr schafft. Man kann ja nicht immer erwarten, dass alle sich in den anderen hineinverstzen können. Vielleicht empfinden es andere gar nicht als so belastend. Dann ist es natürlich völlig inakzeptabel die Ärztin zu sabottieren. Umgekehrt wärer das Gejaule wegen Mobbings riesengroß, aber auch so ist nicht akzeptabel. Und schon gar nicht wenn Akten verschwinden oder absichtlich (was man beweisen müsste) falsch abgelegt werden. Denn da wird es nämlich nicht mehr nur eine Sache zwischen Schwester und Oberärztin, sondern dann ist der Patient involviert. Und wenn auf ein mal Infos fehlen, kann es für den Patienten auch gefährlich werden. Und hier sprechen wir nicht mehr Mobbing oder Schwierigkeiten, sondern von Körperverletzung.
querollo 22.12.2017
5. Merkwürdiger Rat
"Machen Sie den Verlust der Akten öffentlich" ist Ihr Rat an eine neue Mitarbeiterin, die noch keine Hausmacht hat und von einer Stamm-Mitarbeiterin gemobbt wird? Ist Ihnen klar, dass das schwer nach hinten losgehen kann, wenn ihr vorgeworfen wird, ihren neuen Job nicht im Griff zu haben - was vermutlich das Ziel der Mobberin ist? Mein Rat wäre ein anderer, nämlich das Gespräch zu suchen. Der Zeitpunkt, an dem man vielleicht noch die Beweggründe der Schwester hätte ermitteln und eine Allianz schmieden können, ist vermutlich schon vorbei. Jetzt muss man sich Andere ins Boot holen. In einem psychiatrischen Krankenhaus sollte sich ja jemand finden, der in Gesprächsführung ausgebildet und mit keiner der beiden Kontrahentinnen näher bekannt ist. Wenn nicht, muss der von außen kommen. Also: Moderator suchen, mindestens einen Nachmittag investieren (nicht nur ne Stunde. Alles was in der ersten Runde gesagt wird, wird sich im weiteren Verlauf noch ganz anders darstellen), offen aussprechen, was es zu sagen gibt - und zuhören. Auf beiden Seiten. Vor allem aber: Nicht auseinander gehen, ohne ein konkretes Ergebnis festgehalten und eine Verabredung getroffen zu haben.
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