Mobbing am Arbeitsplatz "Mein Chef macht Stimmung gegen mich"

Ein Mathematiklehrer kommt gut mit seinen Kollegen klar - bis er den stellvertretenden Schulleiter kritisiert. Der stellt sich gegen ihn, auch andere Lehrer wenden sich ab. Was kann der Mann tun?

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Martin Münner* schreibt:

"Als das Mobbing begann, war ich bereits seit einigen Jahren als Lehrer für Mathematik an einem bayerischen Gymnasium angestellt, fühlte mich dort wohl und galt als "pflegeleichter" Kollege. Als ich jedoch zwei Schülerinnen wegen provokanten Verhaltens im Unterricht einen Verweis erteilte, beschwerten sie sich beim stellvertretenden Schulleiter über mich. Er brachte den beiden ein großes Verständnis entgegen und untergrub so meine Autorität. Ungewöhnlich war auch der Ton, in dem er mit ihnen sprach - als ob er deren Onkel wäre.

Das wiederholte sich noch einige Male: Wenn bestimmten Schülern im Unterricht etwas nicht passte, drohten sie, sich über mich zu beschweren und fanden bei dem stellvertretenden Schulleiter wiederholt ein offenes Ohr. Ich fand es unangemessen, dass diese Schüler sich im Direktorat beschweren durften. Ihr erster Ansprechpartner ist eigentlich der Klassenleiter oder der Vertrauenslehrer. Vor allem eine Schülerin brüstete sich mit einem besonderen Vertrauensverhältnis zum Vize-Chef. Vielleicht hatte sie etwas falsch verstanden oder bei ihm einen wunden Punkt getroffen?

Nachdem ich den stellvertretenden Schulleiter kritisch, aber in freundlichem Ton, in mehreren Mails fragte, wieso er meine Autorität so untergrub, wurde ich in kurzer Abfolge ins Direktorat vorgeladen.

Einmal holte mich der Vize-Chef ohne weitere Erklärung aus dem Lehrerzimmer ab und ging mit mir zur Direktorin. Ihr sei von jemandem zugetragen worden, ich hätte Schüler fotografiert. Enttäuscht äußerte sie: "So hätte ich Sie bisher nicht eingeschätzt!" Die Sache mit den Fotos konnte ich schnell klären, als ich der Direktorin mein Smartphone zeigte: Ich hatte lediglich banale Passfotos von den Schülern gemacht und in eine Lehrer-App integriert, um mir ihre Namen schneller merken zu können.

Am Gymnasium sprach sich schnell herum, dass ich einen Konflikt mit dem stellvertretenden Schulleiter hatte, einem Mann, der an der Schule viel Macht hatte. Er verleumdete mich gegenüber der Direktorin und ich hatte das Gefühl, dass er gegenüber meinem alten und neuen Fachbetreuer Stimmung gegen mich machte. Schließlich wendeten sich Kollegen von mir ab. Ich konnte und wollte so an der Schule nicht weiterarbeiten.

Sollte man Kritik an Vorgesetzten also vermeiden, um die berufliche Karriere nicht zu gefährden?"

*Name geändert

Zur Person
  • Verena Reinke
    Als freiberuflicher Trainer und Berater beschäftigt sich der Hamburger Diplom-Psychologe Rainer Müller vorrangig mit Konflikt- und Stressmanagement. Zudem moderiert er das "Fachforum Mobbing" und schreibt für den Blog "Psyche und Arbeit".

Psychologe Rainer Müller antwortet:

Gekränkte Eitelkeit kann Mobbing auslösen. Aus diesem Grund sollte man sich vor allem bei Vorgesetzten überlegen, wie man Kritik formuliert. Um dies zu tun, könnte man sich an den Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg orientieren:

Beschreiben Sie Ihrem Vorgesetzten zunächst ganz sachlich, was Sie beobachtet haben beziehungsweise worum es geht. Dann gehen Sie darauf ein, was das bei Ihnen ausgelöst oder bewirkt hat. Anschließend sollten Sie Ihre Bedürfnisse zur Sprache bringen und letztendlich eine entsprechende Frage an Ihr Gegenüber richten: Welche Konsequenzen beziehungsweise welches Verhalten wäre Ihrer Meinung nach wünschenswert?

Offen bleibt jedoch die Frage, warum diese Auseinandersetzung trotz Ihrer Bemühungen, eine Klärung herbeizuführen, eskaliert ist? Sie deuten an, dass in dem Verhältnis des stellvertretenden Schulleiters zu einer Ihrer Schülerinnen etwas nicht stimmte. Sollte das wahr sein, könnte er sich von Ihnen bedroht gefühlt haben.

Als er mit Ihnen zur Direktorin ging, um mit ihr über die Fotos zu reden, die Sie aufgenommen haben, versuchte er offenbar, Anschuldigungen auf Sie umzulenken. Zwar ist es erfreulich, dass Sie den Vorwurf mit den Fotos ausräumen konnten, dennoch könnte es sein, dass Sie dadurch Sympathie im Kollegium sowie bei Ihrer Direktorin einbüßen mussten. Obwohl Sie in diesem konkreten Fall Ihre Unschuld beweisen konnten, bleibt bei dem Verdacht eines derartigen Verstoßes gegen die Gruppennorm ein Geschmäckle.

In einer solchen Situation sollte man es vermeiden, einen verbalen Gegenangriff zu starten oder auch nur anzudeuten. Ansonsten wird die andere Partei wahrscheinlich versuchen, Argumente zur Rechtfertigung ihres Verhaltens hervorzubringen, oder sich bemühen, Ihnen berufliche Fehler nachzuweisen.

Ratsam wäre es zudem, zunächst mit wenigstens einem Kollegen oder einer Kollegin unter vier Augen über die Ereignisse zu sprechen sowie eine externe Vertrauensperson mit einzubeziehen, um sich den Rücken zu stärken und den eigenen Blickwinkel gegebenenfalls zu erweitern.

Gerade der Umgang mit Vorfällen, wie Sie ihn darstellen, erfordert ein hohes diplomatisches Geschick. Hier ist es hilfreich, sich von einer auf solche Angelegenheiten spezialisierten Einrichtung aus Ihrer Region oder der Antidiskriminierungsstelle des Bundes beraten zu lassen.

    Ihre Kollegen lästern hinter Ihrem Rücken über Sie? Ihr Chef überfrachtet Sie mit Arbeit oder gibt Ihnen nur undankbare Aufträge? Sie werden im Büro ausgegrenzt, Kollegen enthalten Ihnen wichtige Informationen vor oder weigern sich, mit Ihnen zusammenzuarbeiten? Wenn Sie am Arbeitsplatz gemobbt werden, dann schreiben Sie uns. Psychologe Rainer Müller hilft weiter. Schicken Sie Ihre Sorgen, Probleme und Fragen an spon.bildung@spiegel.de. Mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Ihre Entscheidung, die Schule zu verlassen, ist dennoch durchaus verständlich. In einem derartigen Klima hätten Sie wohl große Mühe gehabt, sich künftig zu behaupten.



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engelsgaard 01.11.2017
1. Unklare Schuld
Ich bin Mathematiklehrer in der Schweiz. Schüler haben selbstverständlich das Recht sofort zum Schulleiter zu gehen. Bei einem Problem mit einer anderen Lehrperson habe ich einem Schüler auch empfohlen über den Klassenkollegen hinweg zu gehen. Der Schulleiter sollte den Schülern das Gefühl geben, dass er ihnen Verständnis zeigt, damit die Schüler sich frei ausdrücken können und solche Probleme nicht herunterschlucken. Das Problem mit den Fotos war wahrscheinlich von einem Schüler gemeldet worden und komplett aus dem Kontext genommen, aus diesem Grund ist die Schulleitung doch verpflichtet das offiziell nachzufragen. Die Art wie es geschehen ist, war taktlos, das stimmt. Die im Text erwähnte Lehrperson hätte zum Personalverantwortlichen gehen können oder wie der Psychologe erwähnt, sich mit Kollegen unterhalten sollen. Es könnte sein, dass die Sozialkompetenz hier Verbesserungsbedarf hatte. Dies erklärt weshalb der Lehrer nicht gut mit den Schülern auskam, weshalb er die anderen Lehrer nicht um Rat fragen konnte und weshalb er von der Schulleitung nicht das Gefühl bekam, dass er willkommen ist. Mir scheint es, dass es ein Fall ist, bei dem eine Person von anderen Erwachsenen als "schlechter" Lehrer eingestuft wurde (zu Recht oder Unrecht kann ich nicht beurteilen) und dann dazu motiviert wurde sich eine andere Arbeit zu suchen. Als ich Schüler war, hatte ich Lehrer die klar nicht für den Job geeignet waren (emotionale Zusammenbrüche etc.), es war entäuschend zu sehen, wie sich die Schulleitung hinter diese Person stellte. Vielleicht habe auch ich hier zu wohlwollend gegenüber der Schulleitung interpretiert und es war tatsächlich eine Hexenjagd. Ich wünsche dem Lehrer auf jeden Fall viel Glück und Zufriedenheit an seiner neuen Stelle.
ogg00 01.11.2017
2. mail?
Statt mit der Schulleitung und dem Stellvertreter ein Gespräch zu suchen, wie man die unterschiedlichen Bewertungen des Verhaltens der Schülerinnen wieder glattziehen könnte, schreibt das arme Opfer angeblich sachliche Mails und wundert sich, dass er als Erwachsener Pädagoge nicht mehr ernstgenommen wird. merkense selbst, oder?
rachel17 01.11.2017
3. Keine Chance gegen Machtausüber, Neid und Mißgunst
So wie ich den Artikel verstehe, hatte der stellvertretende Schulleiter schon vor diesen Schülerbeschwerden etwas gegen den Mathelehrer. Hätte der Mathelehrer nie was gesagt, hätte der Vize ihm in die Beurteilung geschrieben, dass er mit den Schülern nicht gut umgehen könne, also pädagogisch nur ausreichende Leistungen bringe und seine Probleme in den Klassen nicht alleine lösen könne. Aber warum verhält sich der Vize so? Das wäre doch interessant zu wissen, ob sich da Neid, Mißgunst verbirgt? Ich selbst habe als Lehrerin ähnliches erlebt, jahrelang, ich hatte mich dann zurückgezogen. Die Kollegen wollen dann nichts mehr mit einem zu tun haben, wenn der Schulleiter einen nicht leiden kann. Ein männlicher Fachkollege und Liebling des Schulleiters sollte Karriere machen. Ich hatte diesen jungen Kollegen aber durchschaut, dass er mehr redet als kann. Er machte mich bei der Schulleitung schlecht. Das war das aus. Ich erlebte wiederholt, dass Kollegen sich von mir abwendeten, in Konferenzen nicht neben mir sitzen blieben, wenn ich mich wo hingesetzt hatte. Der Schulleiter suchte nach negativen Dingen, mit denen er mich abwerten konnte. Aber ich machte einen guten Job. Ich konnte die Schule nie wechseln. Erst als es einen Wechsel in der Schulleitung gab, löste sich das Problem. Es gibt in ganz Bayern für Lehrer keine Ansprechpartner bei Mobbing! Wer in Bayern an einer Schule Schulleiter ist, kann Macht ausüben, ungerecht sein. Der Lehrer hat keine Chance. Es gibt nur eines: sich abwenden von den Mobbern, den Neidern und Mißgünstlingen, einen guten Job machen und sich ruhig verhalten, mit einigen netten Kollegen abgeben. nichts sagen und die Bosheiten der Schulleitung mit einem Lächeln erdulden.
max-mustermann 01.11.2017
4. Einfache Lösung
Unbefristet krankschreiben lassen und derweil eine andere Stelle suchen, Mathematiklehrer werden überall händeringend gesucht.
gullliver 01.11.2017
5. Schlechter Rat
Davon ab, dass der Kollege sich ungeschickt verhalten hat - warum macht er sich so einen Kopf? Er ist vermutlich verbeamtet und sitzt fest im Sattel. Der Schulleiter soll die Schule leiten und nicht nerven... es ist nicht seine Schule, er hat sie nicht gekauft und bezahlt auch nicht die Leute, die da arbeiten. Also nicht immer gleich den Schwanz einziehen. Soll der Schulleiter doch die Stelle wechseln - ich würde das sicher nicht machen.
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