Möbel aus Turngeräten Die Rache der Sofakartoffeln

Geräteturnen mag nicht jeder. Gemütlich sitzen schon. Aus alten Sportgeräten gestaltet Firmengründer Andreas Gröbel Wohnmöbel, an denen noch ein Hauch von Angstschweiß haftet. Der Designer legt das Pauschenpferd tiefer, macht den Barren zur Bar und einen Kasten zur Kommode mit Turnhallen-Patina.

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Was war der Kasten hoch, früher, im Sportunterricht, wenn man kreidebleich hinten in der Schlange stand und wusste: Gleich muss ich da rüber. "Ich bin nie Freund geworden mit diesen Geräten", gibt Andreas Gröbel, 46, zu. Jedenfalls nicht in der Schulzeit. Heute hat er, wie er sagt, mit ihnen seinen Frieden gemacht. Und mehr als das - sie bringen ihm sogar Geld.

Womit Gröbel arbeitet, das riecht nach Leder, Holz, Kunststoff und einem Hauch von Schüler-Angstschweiß. Denn er baut altes Turnhalleninventar zu Möbeln im gehobenen Preissegment um, zusammen mit einem Sattler, einem Schreiner und einem Schlosser. "Es geht nicht mehr ums Darüberspringen, sondern ums entspannte Sitzen", erklärt Gröbel. So wird aus dem Kasten eine Kommode, aus dem Barren eine Bar, aus der Turnmatte ein Sitzwürfel.

Vor zwei Jahren hat der gelernte Dekorateur und Schlosser, der zuletzt als Eventmanager gearbeitet hat, mit einem Freund und Investor die Möbelfirma "Zur schönen Linde" gegründet. Der romantische Name war ein Überbleibsel aus einem anderen Projekt: Gröbel hatte einen Gastbetrieb übernehmen wollen, aber der Plan zerschlug sich. Übrig blieb vom Wirtshaus nur der Name. In der "Schönen Linde", die außer ihrem Internetauftritt zwei Showrooms in Karlsruhe und in Köln hat (Besuche sind dort nur nach telefonischer Anmeldung möglich), stehen jetzt Objekte, die eine oft radikale Umwidmung erfahren haben.

Dem Pferd werden die Beine abgesägt

Und das sind nicht nur Turngeräte. Begonnen hat Gröbels Edel-Recycling mit verzinkten Stahlkörben, die er in großer Zahl von einem Industrieverwerter aufkaufte. Die robusten Körbe waren Überbleibsel eines geänderten Produktionsprozesses. Man hätte einfach das Metall recyceln können, aber Gröbel entschloss sich, den Körben ein zweites, besseres Leben zu geben. Er macht aus ihnen schicke Schubkästen-Regale, deren robust industrieller Charme gut in Loftwohnungen und Kreativen-Ateliers passt.

Auch Lampen fertigt er aus den Stahlquadern. Die gestanzten Löcher geben interessante Lichteffekte, nach vorn verschließt den Korb eine farbig durchscheinende Kunststoffplatte. Die Turnobjekte sieht Gröbel als "Kontrastmöbel" für den eher ausgefallenen Geschmack. Er kauft bundesweit ausrangiertes Gerät, im Kreis Karlsruhe sitzt er als zuständiger Entsorger für das Schulamt sogar direkt an der Quelle.

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Für die alten Kästen und Matten entwickelt er immer neue Ideen. Dem Pauschenpferd werden kurzerhand die Beine abgesägt - so wird die sportliche Herausforderung zum einladend niedrigen Sitzmöbel. Aus einem kleinen Turnkasten wird die Turnkiste, ein freundliches, rollbares Möbel mit Aufbewahrungsfunktion. Und die typischen blauen Turnmatten werden in neuen Formen vernäht - Lederecken, Innenleben, Bezüge, alles wird dabei komplett recycelt. Patina ist erwünscht, der Wiedererkennungswert bleibt so trotz neuer Konturen erhalten.

Sportlehrer reagieren eher verständnislos

Die Idee, Dingen mit sportlicher Vergangenheit zu einem zweiten Leben zu verhelfen, setzt Gröbel besonders konsequent um, wenngleich er sie nicht exklusiv hat. Auch einige andere Anbieter können Möbel aus Turnmatten und anderen alten Sportgeräten liefern - oder machen weitere Gebrauchsgegenstände mit Edel-Appeal daraus.

So fertigt der Designer Bernd Dörr seit 2007 schöne Taschen aus ausrangierten Turnmatten und Sportgeräte-Leder. Er nennt seine Kollektion "Zirkeltraining", sich selbst auf der schön nostalgisch gestalteten Homepage auch "Turnvater". Eine Laptoptasche heißt "Barren", eine Fahrradboten-Tasche "Flick-Flack" und eine Geldbörse "Hechtrolle".

Andreas Gröbel haben es die Wohnmöbel angetan. In Bremen stattet er derzeit eine Bar mit Turnmöbeln aus, auch ein Schuhgeschäft interessiert sich für das Sport-Ambiente. Und ganz kann Gröbel sich noch nicht vom Eventmanagen verabschieden. Derzeit arbeitet er an einem 15 mal 8 Meter großen "temporären Turnraum", in dem Veranstalter Speisen und Getränke anbieten können.

Eine Zielgruppe allerdings kann er für seine originellen Recycling-Objekte wohl ausschließen: Turner, Trainer und Sportlehrer. Leute, die von Berufs wegen täglich mit Turngeräten zu tun hätten, sagt Gröbel, verstünden oft gar nicht, warum man so etwas auch noch zu Hause im Wohnbereich haben wolle.

  • Maren Hoffmann ist Redakteurin bei manager magazin Online. Dort erschien ihr Beitrag zuerst.

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