Fünf Jahre im "Praktikum" Gericht spricht Arbeitnehmerin 50.000 Euro zu

Vollzeit, unbezahlte Überstunden, monatlich 300 Euro: Zu diesen Bedingungen arbeitete eine Münchnerin fünf Jahre bei einem Finanzvermittler, offiziell im Praktikum. Damit kam ihr Chef vor Gericht nicht durch.

Praktikantin im Büro (Symbolfoto)
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Praktikantin im Büro (Symbolfoto)


Mehr als fünf Jahre hat eine junge Frau für 300 Euro pro Monat gearbeitet - der Arbeitgeber hatte ihre Beschäftigung als Praktikum laufen lassen. Schließlich zog die "Praktikantin" vor Gericht, und bekam recht. Nun hat das Landesarbeitsgericht München bestätigt: Die Firma soll 50.000 Euro Gehalt, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge nachzahlen.

Als 16-Jährige hatte die Klägerin bei einem Versicherungs- und Finanzvermittler in der Münchner Innenstadt angefangen, gerade hatte sie ihren Realschulabschluss gemacht. Eigentlich wollte sie als Bürokraft arbeiten, bekam aber nur einen Praktikumsvertrag. Ihr berufliches Ziel war es, Fachberaterin für Finanzdienstleistungen zu werden.

Ihr Vertrag sah nicht nur 43 Wochenstunden vor, sondern auch, dass Überstunden nicht bezahlt werden. Im Schnitt kam sie auf einen Stundenlohn von 1,75 Euro.

Einmal pro Woche sollte sie Theorieunterricht bekommen. Der fand im Haus ihres Chefs am Chiemsee statt, mit anderen Praktikanten. Viele Aufgaben dort waren aber weniger theoretischer Natur: Die Neulinge mussten auch den Garten des Chefs pflegen.

Zum Streit kam es, als die junge Frau in der Prüfung zur Fachberaterin bei der Industrie- und Handelskammer durchfiel: Die Vorbereitung einmal wöchentlich hatte offensichtlich nicht ausgereicht.

Nachzahlung entspricht Mindestlohn

Die Gerichte kamen zu dem Schluss, dass es sich um ein sittenwidriges Arbeitsverhältnis gehandelt hat. Allerdings sprachen sie der Klägerin nicht die übliche Vergütung zu, wie sie ihre Anwälte errechnet hatten. Dann hätte sie rund 77.000 Euro bekommen. Stattdessen setzten die Richter den allgemeinen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunden an. Der gilt auch für Praktika, die länger als drei Monate dauern und nicht im Rahmen eines Studiums vorgeschrieben sind.

Vor zwei Jahren wurde ein Fall bekannt, in dem eine Praktikantin acht Monate lang in einem Rewe-Markt gearbeitet hatte, völlig unentgeltlich. Sie war immer mit der Aussicht auf eine Lehrstelle hingehalten worden. Zunächst wurden ihr 17.000 Euro zugesprochen, der Handelskonzern trennte sich von dem Marktleiter.

Später wurde das Urteil vom Landesarbeitsgericht in Hamm kassiert, die Praktikantin ging leer aus. Die Begründung: Die Klägerin habe das Praktikum als Teilnehmerin einer berufsvorbereitenden Maßnahme der Bundesagentur für Arbeit absolviert und in dieser Zeit Leistungen der Arbeitsagentur erhalten. Zwischen den Streitparteien sei daher kein Arbeitsverhältnis begründet worden, urteilten die Richter.

Den aktuellen Fall der Münchnerin hat bereits das örtliche Landesarbeitsgericht bestätigt. Allerdings kann der Arbeitgeber in die nächste Instanz gehen. Damit ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

mamk/dpa

insgesamt 143 Beiträge
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sushiboi 14.06.2016
1. So wird als nichts.
So hat sich das ja noch gelohnt für den Finanzvwrmitller. Die Frau solllte den errechneten Lohn von 77000 Euro plus die gleiche Summe als Entschädigung bekommen. Darüber hinaus müsste eine saftige Strafe in ca.der gleichen Höhe fällig werden, die vom Staat gerne auch für soziale Zwecke eingesetzt werden darf. Die Kosten des Verfahrens trägt natürlich der Beklagte. Kosten müssen weh tun, und das ist eben erst ab einer bestimmten Höhe, die wenigstens das vier- bis fünffache der üblichen Vergütung beträgt, der Fall.
kjartan75 14.06.2016
2. Steuerabgaben
Ich glaube, das meiste Geld wird sie eh nicht sehen. Ich meine, die Steuern werden dann voll auf dieses eine Jahr angerechnet, so dass die Steuerlast sehr hoch ausfallen wird.
DirkSt 14.06.2016
3. Warum?
Das Verhalten des Arbeitgebers ist das Eine - aber warum bitte hat die junge Frau das überhaupt gemacht? Klar, mit 16 Jahren steigt man da noch ein - sich aber FÜNF der besten Jahre des Lebens in einer teuren Stadt wie München quasi zu verschenken ... das klingt fast schon unglaubwürdig. Vielleicht hat sie ja reiche Eltern, so dass das "Einkommen" keine Rolle spielte? Sonst hätte sie ja früh gemerkt, dass 300 Euro fernab von einem angemessenen Einkommen sind. Mir ist der Fall jedenfalls sehr rätselhaft.
h.hass 14.06.2016
4.
Wieso gibt es keine Gesetze, die solche Praktiken definitiv unmöglich machen? Sollte doch z.B. möglich sein, eindeutig festzulegen, dass eine Firma einen Mitarbeiter maximal sechs Monate als Praktikanten beschäftigen darf. Natürlich müssen die Gesetze so formuliert werden, dass es keine Hintertürchen gibt. Und natürlich müsste gleich noch ein Mindestlohn von mindestens 10 EUR eingeführt werden, besser 12. Solche sittenwidrigen Arbeitsverhältnisse sind auf jeden Fall ein Unding, zumal der Staat wegen nicht eingenommener Steuern dabei ja auch unmittelbar der Dumme ist. Aber zweifellos hat der Arbeitgeberpräsdent Angelas Handynummer und wird sofort intervenieren, wenn die ungezogenen Angeordneten einen Gesetzesentwurf einbringen wollen, der sowas verhindert.
observerlbg 14.06.2016
5. Und genau so sehen viele Jobs in Deutschland aus.
DAS ist die Realität in diesem unseren Land. Und wer glaubt, da wurde nur eine unerfahrene junge Berufsanfängerin ausgebeutet, der irrt. Auch die Sozialkassen und der Fiskus (und damit wir alle) wurden betrogen. Und der betroffene Finanzvermittler heult jetzt sicherlich, dass diese undankbare Göre, die er vorm verhungern gerettet hat, ihn angezeigt hat. Und nun gibt's dies Jahr keinen Dritt-S-Klasse-Benz. Nein, nicht der Arbeitsmarkt ist kaputt, es sind die gierigen Menschen ohne Anstand und ohne sozialem Gewissen.
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