Ungewöhnliche Bewerbungsgespräche München sucht Tram-Fahrer - in der Tram

In München suchen Recruiting-Experten nach neuen Tram-Fahrern. Die Vorstellungsgespräche finden mitten in einer fahrenden Straßenbahn statt.

Vorstellungsgespräch in fahrender Tram
SWM / MVG

Vorstellungsgespräch in fahrender Tram

Von


Wer schon mal eines hatte, weiß: Ein Bewerbungsgespräch kann einen ordentlich ins Schwitzen bringen - obwohl man sich dabei kaum bewegt. Wie anstrengend muss es da sein, wenn das Gespräch in einer Straßenbahn stattfindet, die auch noch fährt?

In München hat man sich das offenbar auch gefragt. Und gleich entschieden: Probieren wir aus. Am Dienstag veranstaltete die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) eine Vorstellungsaktion, bei der sich potenzielle neue Mitarbeiter für den Fahrdienst mitten in einer fahrenden Tram bewarben. Sie fuhr vom Stadtteil Pasing ans südliche Ende von München. Wer einstieg, wurde von Führungskräften der MVG empfangen.

Die Erfinder dieser Aktion sind Anita Niemeyer und ihre Kollegen, Niemeyer leitet die Abteilung Recruiting bei den Stadtwerken München. Rund 300 Bus-, Tram- und U-Bahn-Fahrer stellt die MVG pro Jahr ein. Im Interview erzählt Niemeyer, wie sie auf die Idee kam, dort nach Mitarbeitern zu suchen, wo sie vielleicht mal arbeiten werden: in der Tram.

SPIEGEL ONLINE: Frau Niemeyer, gehen Ihnen die Bewerber aus?

Anita Niemeyer: Wir haben festgestellt, dass wir auf einem Arbeitsmarkt wie München, auf dem nahezu Vollbeschäftigung herrscht, kreativer werden müssen. Unsere Zielgruppe sind unter anderem Menschen, die einen eher ungeraden Lebenslauf haben, Quereinsteiger zum Beispiel. Doch hier gibt es ein Problem: Diese Leute empfinden es häufig als Hürde, wenn sie sich in einem Anschreiben erst einmal groß erklären müssen. In Online-Bewerbungsportalen finden sie sich aber auch nicht wieder, weil sie all die Stationen ihrer Vita darin gar nicht erfassen können. Aber wir brauchen diese Leute - und finden sie eher, wenn wir ungezwungene Gespräche anbieten.

Zur Person
  • Marcus Schlaf
    Anita Niemeyer, Jahrgang 1979, arbeitet seit elf Jahren bei den Stadtwerken München. Sie fing als Referentin für Personalmarketing an, seit drei Jahren leitet sie die Abteilung für Recruiting.

SPIEGEL ONLINE: Eingequetscht im Vierer, in der Tram?

Niemeyer: Wir haben viel Platz, in unserer Bewerbungs-Tram fahren keine Passagiere mit. Die Interessenten können nur zu Beginn der Fahrt oder im Stadtzentrum zusteigen. Der Zug selbst hat vier Abteile. Im ersten kommen die Leute an und kriegen eine Brezel. Im zweiten nehmen wir die Kontaktdaten auf, im dritten machen wir einen kurzen Schrifttest. Am Ende ist dann das Gespräch. Die Bewerber bekommen direkt eine Zu - oder Absage. Falls wir sie nehmen, benötigen wir noch ein paar Unterlagen von ihnen, ein polizeiliches Führungszeugnis zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch ordnungsgemäß die Fahrkarten kontrolliert?

Niemeyer: Die brauchte natürlich niemand! Aber wir haben auch keinen reingelassen, der die Tram für eine kostenlose Fahrt nutzen wollte, sich aber eigentlich nicht bewerben wollte.

SPIEGEL ONLINE: Normalerweise findet so ein Gespräch ja in einem Bürozimmer statt. Ist niemandem schlecht geworden bei dem Geruckel?

Niemeyer: Es gibt Kandidaten, die sagen, heute sei nicht ihr Tag. Die gehen dann wieder. Aber viele, mit denen ich gesprochen habe, fühlten sich wohl. Eine meinte: "Mensch, ich hätte nie damit gerechnet, dass es gleich klappt!" Klar, die Situation ist sehr spontan. Aber dafür auch authentisch.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Bewerber haben Sie genommen?

Niemeyer: Von 166 Interessenten konnten wir heute direkt 41 vorläufige Zusagen vergeben. In der vergangenen Woche hatten wir schon einmal einen solchen Tag. Von 71 Bewerbern bekamen 35 eine Zusage. So schnell wären wir auf dem klassischen Bewerbungsweg nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn jemand in der Tram eine Absage bekommen hat - darf er sich noch mal im Büro vorstellen?

Niemeyer: Das ist eigentlich nicht Sinn der Sache, aber ausgeschlossen ist es nicht. Die Entscheider sind aber dieselben, in der Tram und im Büro.

insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gluonball 12.02.2019
1. Mangel?
"166 Interessenten konnten wir heute direkt 41 vorläufige Zusagen " Also viermal mehr Bewerber als Stellen. Viermal so viele Menschen gehen leer aus und haben möglicherweise keine Arbeit der sie nachgehen dürfen. Tut mir wirglich leid aber wenn so Fachkräftemangel aussieht habe ich da kein Mitleid mit den suchenden Firmen. Vor allem im Hinblick auf die Arbeitslosenstatistik im deutschen Wirtschaftswunder von unter 1% und in den goldenen 20igern in den USA wird es auch nicht anders ausgesehen haben. Da müssen wir wieder hin und wenn wir da sind und die Geschichte hat bewiesen, dass es geht, ja dann dürft ihr mir gerne mit Mangel kommen.
ligako 12.02.2019
2. Tolle Idee
Finde ich eine super Idee und freu mich für die MVG wenn sie Erfolg damit hat. @gluonball: Es gehen nicht 4 mal so viele leer aus sondern nur rund 3 mal so viele, und das finde ich verdammt wenig wenn man bedenkt das es angeblich ( so suggeriert es der Text) keinerlei Vorauswahl gab. Und vermutlich waren die andern nicht qualifiziert genug. Natürlich jammern viele Firmen auf hohem Niveau, aber gute MA muss man heute wirklich kämpfen, leider haben dass nich nicht alle HR-Abteilungen so verstanden wie offensichtlich die MVG.
hauptstadt41 12.02.2019
3. Gute Aktion.
Die Idee macht Sinn. Viele Menschen tun sich schwer mit Anschreiben. Ein Straßenbahnfahrer soll sich auf den Verkehr und sein Fahrzeug konzentrieren und muss nicht Schönschrift können.
sven2016 12.02.2019
4. Gute Idee zum lockeren Kennenlernen
Aber der erste Kommentator schrieb schon richtig (sinngemäß): Wenn 40/144 schon eine. hohe Quote bedeutet, kann der Arbeitskräftemangel so dramatisch nicht sein. In einer anderen Publikation las ich auch vor Kurzem: Es wird eng. Früher haben wir auf ein Stellenangebot über 200 Bewerbungen erhalten, jetzt nur noch 70-80. Das spricht für eine gewisse Überheblichkeit, zumal das keine Weltkonzerne mit Führungsjobs sind.
bibabuzelmann 12.02.2019
5. Schrifttest schriftlicher Test?
Also unter einem Schrifttest verstehe ich einen Test, ob man schön (oder überhaupt) schreiben kann. Ist vielleicht ein schriftlicher Test gemeint?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.