Multitasking Arbeitnehmer unter Dauerfeuer

Was früher das Fließband war, sind heute die modernen Medien: Mit ihnen lassen sich Mitarbeiter dirigieren. Sie kämpfen rund um die Uhr mit E-Mails, SMS und sinnlosen Anhängen - und kommen vor lauter Multitasking nicht mehr zum Arbeiten.

Alles gleichzeitig, immer schneller: Ständige Furcht, zu langsam zu sein
Corbis

Alles gleichzeitig, immer schneller: Ständige Furcht, zu langsam zu sein

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Notwehr nennt man es, wenn sich jemand auf der Straße gegen einen Überfall verteidigt. Und Multitasking nennt man es, wenn sich jemand bei der Arbeit gegen zu viele Anforderungen wehrt. Weil gleichzeitig so viele Aufgaben über die Mitarbeiter herfallen, werden diese auch gleichzeitig abgewehrt, sprich: erledigt. Die Angegriffenen passen sich dem Tempo der Angriffe an.

SMS, E-Mails, Tweets und Anrufe sind unhöfliche Besucher: Sie klopfen nicht an, ehe sie das Büro betreten, sie platzen einfach rein. Wer sie ignoriert, bekommt mit seiner Umwelt ein Problem, vor allem mit seinem Chef. So mancher Vorgesetzte macht Radau, wenn er nach einer halben Stunde noch keine Antwort hat.

Die modernen Medien erhöhen den Arbeitsdruck: Anrufer, die nicht durchkommen, saugen sich in der Leitung fest, klopfen an. Mehrere Telefongespräche, die früher nacheinander stattfanden, passieren gleichzeitig, als Conference-Call. Und galt bei einem Brief noch eine Antwortfrist von sieben Tagen als höflich, will die E-Mail eines Kunden nach 24 Stunden beantwortet sein, spätestens.

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Typologie der Bosse: Ich Chef, du nix
Doch die gefährlichsten Angriffe fährt die eigene Organisation. Unternehmen bohren mit Vorliebe im eigenen Bauchnabel. Chefs mailen pausenlos Protokolle, die genauso überflüssig wie jene Meetings sind, von denen sie berichten; Richtlinien, nach denen sich kein Mensch richtet; Quartalszahlen, an die kein Mensch glaubt; und Firmenvisionen, die für große Erfolge sorgen, wenn auch nur: Lacherfolge unter den Mitarbeitern.

Vorzugsweise sind die Anhänge solcher E-Mails so lang, dass der Bildschirm vom zwölften bis in den ersten Stock reichen müsste, um den ganzen Text auf einmal zu sehen. Natürlich werden die Empfänger um ausführliche Stellungnahme gebeten. Nicht jetzt sofort, um 13.30 Uhr, nein, nein. Bis 14.30 Uhr reicht dicke!

In den meisten Konzernen wurde zuletzt "rationalisiert", übersetzt heißt das: Einzelne Mitarbeiter müssen jetzt, bei dünnerer Personaldecke, irrational viel schaffen. Die Menge der Arbeit ist größer als die Zeit, sie zu erledigen; das beschwört Multitasking herauf.

Wer schnell antwortet, hat ein Problem mehr

Denn wer alles nacheinander macht, lebt in der ständigen Furcht, eine Antwort auf eine wichtige E-Mail zu vergessen (darum schreibt er sie gleich, zwischendurch), einen Rückruf zu versäumen (darum greift er gleich zum Telefon, zwischendurch), eine Branchen-Nachricht zu spät zu erfahren (darum springt er immer wieder auf Homepages, zwischendurch) und eine Antwortfrist in einer E-Mail zu verpassen (darum checkt er seine E-Mails nicht alle fünf Stunden, sondern alle fünf Minuten, zwischendurch).

Multitasking ist Selbstverteidigung gegen Überforderung. Aber sie funktioniert nicht. Die Abwehr verstärkt die Angriffe. Wer die E-Mail seines Chefs in zehn Minuten beantwortet, hat damit ein kleines Problem weniger, denn die E-Mail ist vom Tisch, aber ein großes Problem mehr: Wenn er beim nächsten Mal elf Minuten für seine Antwort braucht, wird der Chef das als langsam empfinden. Wer einmal auf eine SMS während eines Meetings antwortet, kann seine verspätete Antwort nicht mehr mit seiner Anwesenheit in einem Meeting erklären. Und wer Handy-Gespräche zu jeder Zeit anzunehmen pflegt, muss damit rechnen, dass ihn seine Firma für tot erklären lässt, wenn er einmal nicht rangeht, und sei es um 21.45 Uhr.

Wie Einbrecher dringen Chefs in Arbeitsabläufe ein

Das Direktionsrecht der Chefs wirkt aufs Multitasking wie der Funke aufs Dynamit: Alle Arbeiten, die sie ihren Mitarbeitern zuweisen, sind mit hoher Priorität zu behandeln, nicht weil sie wichtiger als andere wären, sondern weil sie von ihnen, den Chefs, kommen. Wie Einbrecher dringen Vorgesetzte in die Arbeitsabläufe ihrer Mitarbeiter ein, oft mit Nichtigkeiten, dabei zerstören sie den Arbeitsfluss und die Motivation.

Zum Beispiel ist der Leiter einer Personalabteilung berüchtigt dafür, dass er in die Einzelbüros seiner Mitarbeiterinnen einfällt und einfach losredet, auch wenn die Angesprochene gerade telefoniert. Die Mitarbeiterin muss sich dann beim Telefonpartner entschuldigen, eiligst das Gespräch beenden und sich ganz dem Chef widmen, der natürlich nur um eine "kleine Gefälligkeit" bittet - auch wenn die Zusatzarbeit, die er ablädt, weder klein ist noch der Mitarbeiterin gefällt.

Der moderne Mitarbeiter, dem alle Freiheit nachgesagt wird, nähert sich tatsächlich seinem Urahnen, dem Lohnsklaven der Industrialisierung, der seine Handgriffe vom Fließband diktiert bekam. Was für den Fabrikdirektor das Fließband war, sind für den heutigen Chef die modernen Medien: Mit ihnen lässt sich der Mitarbeiter dirigieren und kontrollieren. Doch während das Fließband in der Fabrikhalle endete, greift diese Kontrolle übers Firmengelände hinaus.

Nicht der moderne Mitarbeiter bestimmt über die Medien, sondern die Medien bestimmen über ihn. Ein digitaler Taylorismus breitet sich aus, und die Ausbeuter sind klug genug, den Ausgebeuteten das Multitasking als erstrebenswerte Fähigkeit zu verkaufen. Dabei ist es nur eine Notwehr - gegen die Zumutungen der modernen Arbeit.

Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Martin Wehrles Buch "Bin ich hier der Depp? - Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen". Mehr davon demnächst auf KarriereSPIEGEL.

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
grommeck 09.04.2014
1. Selbst schuld....
wer sich das gefallen läßt - Pech gehabt. Wer mich am Wochenende nervt bekommt Ärger - so einfach ist das. Nein sagen und nicht ständig den Schwanz einziehen.
zoli8oy 09.04.2014
2. ...
die heutige gesellschaft redet immer mehr über arbeit, statt sie zu tun. deshalb sind wir alle manager, director, advisor, vice und mice presidents usw.
Jom_2011 09.04.2014
3. .
---Zitat--- Multitasking: Arbeitnehmer unter Dauerfeuer ---Zitatende--- Das ist Quatsch, mit dem Arbeitnehmer. Die Bequemlichkeit der Verteilerlisten bei E-Mails und ähnlichem und daraus resultierendem Info-Massenansturm nervt doch alle, egal als was er arbeitet.
Dr. Kupferlackdraht 09.04.2014
4. Vorhölle Großraumbüro
Eine wirkliche Pest ist das Großraumbüro. Der Schallpegel macht jede Konzentration zunichte. Die permanente Beobachtung ist ein Manifest des Misstrauens.
grimboldunfried 09.04.2014
5. Unfug!
Hier wird wieder einmal der Konzerner zum Allgemeinplatz erklärt! Das ist unsinnig, usachlich und faktisch falsch! Bei den ganzen dummen unterbezahlten mittelständisch, oder in Kleinbetrieben Beschäftigten läuft es jedenfals nicht so und die Leute in den Konzernen, also die, die bis zu 50% mehr Gehalt bekommen, als die anderen in den kleineren Firmen, müssen das wohl aushalten... Ich halte zudem vieles übertrieben, was hier geschrieben wurde, mal ehrlich, ein Vorgesetzter, der in ein Büro reinplatz und einfach loslabert ist ein Vollpfosten, der sich offensichltich nicht benehmen kann, aber doch nicht der typische Vorgesetzte (auch nicht in großen Konzernen).... Un wer in seiner Freizeit noch Firmenmails beantwortet, oder auf geschäftliche Anrufe reagiert (sicher gibt es Ausnahmen, aber die bekommt man sicher auch in der einen oder anderen Form vergütet), ist ohnehin selber schuld... Ich empfinde zudem das Mail erheblich weniger Stress machen, als der Telefonterror, den man früher hatte...schließlich kann man (ausser in der Welt der Autors hier) ja selbst entscheiden, wann man eine mail beantwortet...
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