Karriere mit Cello Sag artig, wie sehr du dich über 1500 Euro freust

Üben, üben, üben, jahrzehntelang. Und dann kämpfen Profimusiker gegen harte Konkurrenz um die kleine Chance auf einen Orchesterjob. Michael Mann zählt zu den deutschen Top-Cellisten, kann aber davon kaum leben - Talent zahlt keine Miete.

Von Silvia Dahlkamp

DPA

Natürlich hat Michael Mann nicht an Geld gedacht, als er mit 15 Jahren Schumanns romantisches Cello-Konzert in A-Moll hörte. Er steckte gerade in einer sentimentalen Phase, die Musik ließ seine Seele vibrieren: 27 Minuten Gänsehaut, es war wie eine Berufung. Als der letzte Ton verklungen war, hatte der Teenager seinen Beruf gefunden: So wollte er auch spielen - ein Leben lang.

Ein Tagtraum wurde wahr. Heute ist Mann (Name von der Redaktion geändert) 29 Jahre alt und spielt als Solo-Cellist in großen Orchestern. Dort steht das Wort Harmonie nur noch auf dem Notenblatt. Orchester sind teuer. Und weil Länder und Gemeinden sparen müssen, werden vor allem kleine Ensembles oft ausgelöscht. In Zahlen heißt das: In Deutschland gibt es nur noch 9000 festangestellte Musiker. Aber jedes Jahr etwa 2000 Absolventen, die sich auf eine von etwa 150 Stellen bewerben.

Die Bläser, Streicher, Paukisten, Harfenisten kämpfen nicht nur gegen die Konkurrenz aus dem Land, sondern gegen Musik-Genies aus aller Welt. Michael Mann sagt: "Ohne Eins mit Auszeichnung hat man keine Chance. Und wer um Geld feilscht, ist lebensmüde."

Tief einatmen, ausatmen, hoffen und bangen

Er hat es trotzdem versucht, vor ein paar Jahren, noch etwas naiver als heute. Gerade war sein zweijähriges Stipendium an einer Orchesterakademie ausgelaufen, wo der Nachwuchs für eine berühmte deutsche Oper ausgebildet wird. Am Ende bekommt von den Besten der Besten nur der Allerbeste ein Engagement - sofern zufällig eine Stelle frei ist. Aber ein Cellist wurde gerade nicht gebraucht. Michael Mann wurmte das wenig: "Ich hatte Top-Noten, einen idealen Lebenslauf, viel Talent und dachte, das reicht für den Musiker-Olymp." Für Hochschüler ist das ein Plätzchen im Orchestergraben der Berliner Philharmoniker, der Münchner Staatsoper oder in einem der Rundfunkorchester.

Es blieb beim Traum, um den er spielte und spielte. Als schließlich ein B-Orchester im Osten einen Solo-Cellisten suchte, freute er sich sehr über die Einladung. Musiker führen kein Vorstellungsgespräch, sondern spielen vor. Allen, nicht nur dem Dirigenten. Es ist ein Wettbewerb in drei Runden: Klassik, Romantik, schwere Passagen aus der Orchesterliteratur. In jeweils fünf Minuten müssen die Musiker zeigen, was sie in 20 Jahren gelernt haben. Reine Nervensache. Nach jedem Durchlauf stimmt das Orchester ab - weiter oder gescheitert.

Erste Runde: Michael Mann hat das Cello zwischen seinen Knien, hinter einem verschlossenen Vorhang, damit Äußerlichkeiten den Klang nicht stören. Volle Konzentration. Tief einatmen, tief ausatmen. Ruhe, bis nur noch die Passagen von Mozart und Haydn in seinem Kopf sind. Die hat er wochenlang einstudiert.

Zweite Runde: Die ersten aussortierten Bewerber packen ihre Instrumente ein. Michael Mann ist weiter im Rennen. Es ist nicht die Zeit für tröstende Worte, hier zählt nur das Ich. Gleich geht der Vorhang auf. Die Konzertleitung will es romantisch. "Schumann: Cello-Konzert A-Moll." Ein Musiker in der ersten Reihe hustet. Mann blendet es aus. Es gibt nur noch sein Cello und

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.
die Melodien in seinem Kopf. Er verbeugt sich, lächelt. Auch das ist einstudiert. Es wirkt echt. Er spielt.

Dritte Runde: Nur noch drei Musiker sind übrig. Michael Mann weiß: Patzt er beim Solo aus dem "Don Juan" oder bei den Fusselstellen aus Smetanas "Verkaufter Braut", fliegt er raus. Der Dirigent gibt ein Zeichen. Der Bogen gleitet über die Saiten.

Am Ende hat er es geschafft. Doch das Glücksgefühl bleibt aus.

Wochen später ein Brief von der Orchesterleitung: Haustarif, ein Jahr Probezeit, 40 Proben und Konzerte im Monat. Michael Mann war entsetzt: "20 Prozent mehr Dienst als normal." Solo-Cellisten müssen sich oft auf schwierige Stücke vorbereiten und werden deshalb von einigen Proben befreit. Darüber wollte Michael Mann reden und bat um ein Gespräch. Vergebens: "Egal was ich fragte, sie sagten immer Nein."

Weihnachten, Ostern, Geburtstag? Klar, ich spiele

Da hat er geschwiegen und artig gesagt, wie sehr er sich freue. "Ich wollte die Stelle nicht riskieren. Die müssen nur mit dem Finger schnipsen und haben sofort Ersatz." Schließlich hatte er eine Sechs-Tage-Woche und am Monatsende 1500 Euro auf dem Konto.

Das war vor drei Jahren. Inzwischen hat Michael Mann im Westen eine Schwangerschaftsvertretung ergattert, für ein Jahr. Wieder Tarif, diesmal ein bisschen mehr Freizeit. Manchmal ruft ein anderes Orchester an, fragt, ob er Zeit habe. Mann hat immer Zeit: zu Weihnachten, zu Ostern, sogar an seinem Geburtstag. Vertretungen werden gut bezahlt: 250 Euro am Tag. Und wenn er über Nacht ein neues Stück einüben muss, legen manche Häuser auch mal einen Hunderter obendrauf.

Bald läuft die Schwangerschaftsvertretung aus, dann muss er wieder antreten - gegen 300 ehemalige Kommilitonen und zahlreiche Top-Musiker aus aller Welt. Er wird wieder um sein Leben spielen, dazu auch gegen die Zeit: Im Sommer wird er 30 Jahre alt. Eine magische Grenze, danach ist es in der Regel mit einer Festanstellung vorbei.

War es das alles wert? Er sagt: "Ja. Was bedeutet schon Geld im Vergleich zum Glücksgefühl, das man nach einer Verdi- oder Wagneroper spürt." Wenn das Adrenalin durch seine Adern pumpt, vergisst Michael Mann, dass er wahrscheinlich bald seine Miete nicht mehr zahlen kann.

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insgesamt 206 Beiträge
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Seite 1
nutella67 30.11.2014
1. Traurig
Ein guter Artikel, der die traurige Realität in einem der wohlhabendsten Länder der Erde beschreibt. Es ist wirklich erbärmlich wie unser "System" mit Kultur (und auch sozialen Berufen) umgeht während gleichzeitig z.B. Banker und Top-Manager auch bei nahgewiesener Erfolglosigkeit Spitzengehälter "verdienen".
Florentinio 30.11.2014
2. nicht familienkompatibel
Die Kunst ernährt selten den Künstler. Hinzu kommen die familieninkompatiblen Arbeitszeiten. Wer Kinder hat sieht diese meist nur am Frühstückstisch vor der Schule. So kann selbst Traum von der Orchesterfestanstellung zum Alptraum werden. Ich habe früher im Chor gesungen und wir sind häufiger mit professionellen Orchestern aufgetreten. Ich habe selten so viele schlecht gelaunte Menschen in einem Raum gesehen.
überlegdochmal. 30.11.2014
3.
Kein Geld für Musiker aber 100derte von Mio Euro für Prachtbauten wie in Hamburg ausgeben. ???????
Pfaffenwinkel 30.11.2014
4. Alle Künstler
in Deutschland - Schauspieler, Maler, Musiker, Schriftsteller - können kaum oder gar nicht von ihren Einnahmen leben. Das ist ein Armutszeugnis und sagt alles über diese Gesellschaft.
rxzlmn 30.11.2014
5.
Man kann es schade finden, dass unsere Gesellschaft nicht viele professionelle Musiker bezahlen will, aber dem ist nicht erst neuerdings so, wie der Artikel zu suggerieren versucht. Jedem der Musik studiert mit der Idee als professioneller Musiker zu arbeiten, weiss dass es extreme Konkurrenz gibt. Das ist für Leute aus musischen Gymnasien nicht wirklich eine überraschende Erkenntnis. Dass man trotz bester Noten nicht der beste ist, ist evtl hart, aber hätte man denn diese besten Noten auch an den besten Musik Colleges international bekommen? Dazu kommt der mehrmals wiederholte Fakt dass die Konkurrenz international ist - nunja, der logische Ausgleich ist sich selbst auch auf internationale Engagements zu bewerben. Es muss ja nicht mal transkontinental bzw. -atlantisch sein, aber sich eine Reputation in Frankreich zu erarbeiten könnte die potenziellen Engagements verdoppeln. Klar, dazu müsste man dort erst mal in kleinen Orchester spielen und französisch lernen. Ausserdem würde ich mich nicht zu sehr beklagen dass man 1500 Euro 'verdient', dem Artikel zufolge ist das wohl netto, und jetzt auch ein 'bisschen' mehr, zudem hat man wohl die extra gigs (ach ehrlich, Musiker müssen wohl eher an Feiertagen spielen? Die armen Kellner müssen wahrscheinlich auch sonntags arbeiten?), sprich da kommen vielleicht 2000 netto rum, frag mal nen geisteswissenschaftler wie es da so ausschaut.
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