Mythen der Arbeit Das Normalarbeitsverhältnis verschwindet - stimmt's?

Minijobs, Befristungen und Leiharbeit - der Job, der über Jahrzehnte Sicherheit gibt, scheint vom Aussterben bedroht. Ein falscher Eindruck, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller, die Mehrzahl der Stellen sei stabil. Aber die Arbeitswelt spaltet sich auf in Gewinner und Verlierer.

Geradlinig wie 'ne Dachlatte: Viele Arbeitnehmer vermissen die Sicherheit stabiler Stellen
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Geradlinig wie 'ne Dachlatte: Viele Arbeitnehmer vermissen die Sicherheit stabiler Stellen


Der Arbeitsmarkt scheint immer bunter und schnelllebiger zu werden. Begriffe wie "beschleunigter Strukturwandel", "Turbo-Arbeitsmarkt" oder "Patchwork-Biografien" fallen häufig. Und dann immer wieder der Satz: "Das Normalarbeitsverhältnis ist ein Auslaufmodell."

Der Begriff Normalarbeitsverhältnis meint dabei eine ungeförderte, sozialversicherungspflichtige und unbefristete Vollzeitbeschäftigung außerhalb der Leiharbeit. Aber stimmt die Aussage überhaupt? Verschwindet das Normalarbeitsverhältnis tatsächlich?

Viele wird es überraschen, dass sich die durchschnittliche Beschäftigungsdauer in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert hat. Sie liegt immer noch bei rund zehn Jahren. Die große Mehrheit der Arbeitnehmer erfreut sich weiterhin langer Betriebszugehörigkeiten und stabiler Arbeitsplätze.

Umso stärker wird der Kontrast von denen empfunden, deren Beschäftigungsverhältnisse mit einer höheren Unsicherheit verbunden sind. Die Arbeitswelt driftet auseinander, oder besser gesagt: An den Rändern bröckelt es. Auch wenn wir bislang keine Veränderungen bei der durchschnittlichen Dauer des Beschäftigungsverhältnisses insgesamt sehen: Speziell bei den jungen Leuten hat sich etwas verändert.

Die Beschäftigungsverhältnisse der Unter-30-Jährigen dauerten früher durchschnittlich zwischen 800 und 900 Tagen. Seit der Geburtskohorte 1969 sinkt die durchschnittliche Beschäftigungsdauer jedoch, also für alle diejenigen, die nach 1969 geboren wurden. Für die 1977 Geborenen liegt die durchschnittliche Beschäftigungsdauer nur noch bei 600 Tagen.

Eine Rolle spielt dabei die befristete Beschäftigung, denn sie hat deutlich zugenommen. Vor zehn Jahren war weniger als jede dritte Neueinstellung befristet, mittlerweile ist es fast jede zweite. Man muss aber hinzufügen: Jeder zweite der zunächst befristet Eingestellten wird später in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen.

Nicht nur die befristete Beschäftigung, auch andere der sogenannten atypischen Beschäftigungsformen sind häufiger geworden. So hat sich die Zeitarbeit seit 1994 mehr als verfünffacht. 2004 hatten wir rund 140.000 Leiharbeiter, 2008 knapp 800.000, mittlerweile nähern wir uns der Million. Die Zahl der Selbständigen ist seit 1994 ebenfalls stark angestiegen - um rund 900.000 auf gut 4,1 Millionen. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass der Zuwachs allein durch die deutliche Zunahme der Solo-Selbständigen ohne Mitarbeiter zu erklären ist.

Unterm Strich: Vor 15 Jahren lag der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse an allen Erwerbstätigen bei zwei Dritteln, heute liegt er noch bei 60 Prozent.

Obwohl angesichts dieser Entwicklung ein weiterer Bedeutungsverlust des Normalarbeitsverhältnisses in der Zukunft nahe liegt, möchte ich vor Hochrechnungen dieser Art warnen. Beispielsweise sollten die Marktkräfte nicht unterschätzt werden, die bereits jetzt zu erkennen sind.

Bedrohliches Gefühl der Unsicherheit

Die in der Tendenz rückläufige Arbeitslosigkeit und zukünftige Fachkräfteengpässe können aus dem Arbeitsmarkt zunehmend einen "Arbeitnehmermarkt" machen, so wie wir ihn in den sechziger Jahren schon einmal hatten. Unter solchen Marktbedingungen sitzen die Arbeitnehmer am längeren Hebel, so dass Arbeitgeber, die keine "gute Arbeit" anbieten, Rekrutierungsprobleme haben werden. Solche rosigen Aussichten zeichnen sich allerdings eher für qualifizierte Kräfte ab, während Geringqualifizierte weniger gut dastehen.

Und noch einen Punkt möchte ich betonen: Der Rückgang der Normalarbeitsverhältnisse ist sehr stark von der zunehmenden Verbreitung der Teilzeitarbeit geprägt. Der Effekt ist bei Frauen daher deutlich ausgeprägter als bei Männern. Bei Männern sind heute noch zwei Drittel in einem Normalarbeitsverhältnis tätig, bei den Frauen liegt der Anteil dagegen nur bei 50 Prozent. Die Teilzeitarbeit wird von den Beschäftigten häufig auch gewollt. Man darf den Rückgang des Normalarbeitsverhältnisses also nicht einfach mit einer Prekarisierung der Arbeitswelt gleichsetzen.

Das Fazit lautet: Das Normalarbeitsverhältnis ist zwar weniger vorherrschend als früher, jedoch kein Auslaufmodell. Das weit verbreitete Gefühl der zunehmenden Unsicherheit muss trotzdem sehr ernst genommen werden. Von den geschilderten Phänomenen sind keineswegs nur kleine Randgruppen betroffen.

Wir stellen eine zunehmende Segmentierung in der Arbeitswelt fest. Die Mehrheit der Beschäftigten ist zwar nach wie vor im sogenannten Normalarbeitsverhältnis tätig, aber es wächst die Zahl derer, die nur befristete Stellen oder Tätigkeiten in der Leiharbeit finden. Das spiegelt sich dann auch im Empfinden der Betroffenen wider: Sie fühlen sich weniger in die Gesellschaft integriert.



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olymp666 08.06.2011
1. Koan Titel
Zitat von sysopMinijobs, Befristungen und Leiharbeit - der Job, der über Jahrzehnte Sicherheit gibt, scheint vom Aussterben bedroht. Ein falscher Eindruck, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller, die Mehrzahl der Stellen sei stabil.*Aber die Arbeitswelt spaltet sich auf in Gewinner und Verlierer. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,767232,00.html
Die Zeiten der "goldenen Uhren" zum Jubiläum sind eben vorbei. Gewinner sind die flexiblen und gut ausgebildeten. Je eher man das schnallt, umso besser. Erfolgreiche Firmen müssen sich der Globalisierung stellen, das gilt auch für die Angestellten und Arbeiter. Es gibt immer weniger unbefristete Arbeitsverhältnisse. Das ist auch auf die starken Schwankungen innerhalb der Wirtschaft zurückzuführen. Früher hatte man die Konkurrenz im eigenen Land, heute sitzt der Wettbewerb in China oder Indien. Durch diese Schwankungen kann man es sich als Mittelständler kaum noch leisten, längerfristige oder unbefristete Verträge einzugehen. Man kann darüber schimpfen, sollte sich aber irgenwann auch der Realität stellen. Sonst droht das Abstellgleis. Die besten Chancen haben die, die sich ständig weiterbilden. Denn die werden gesucht. Und wer gesucht wird, kann auch die Bedingungen diktieren.
Bayerr, 08.06.2011
2. Globaler Frisör
Zitat von olymp666Die Zeiten der "goldenen Uhren" zum Jubiläum sind eben vorbei. Gewinner sind die flexiblen und gut ausgebildeten. Je eher man das schnallt, umso besser. Erfolgreiche Firmen müssen sich der Globalisierung stellen, das gilt auch für die Angestellten und Arbeiter. Es gibt immer weniger unbefristete Arbeitsverhältnisse. Das ist auch auf die starken Schwankungen innerhalb der Wirtschaft zurückzuführen. Früher hatte man die Konkurrenz im eigenen Land, heute sitzt der Wettbewerb in China oder Indien. Durch diese Schwankungen kann man es sich als Mittelständler kaum noch leisten, längerfristige oder unbefristete Verträge einzugehen. Man kann darüber schimpfen, sollte sich aber irgenwann auch der Realität stellen. Sonst droht das Abstellgleis. Die besten Chancen haben die, die sich ständig weiterbilden. Denn die werden gesucht. Und wer gesucht wird, kann auch die Bedingungen diktieren.
Jaja, ich hab schon überlegt, ob ich eine Filiale meines Frisörsalons in Mumbay oder Bejing aufmache. Man muss sich ja auf die Globalisierung einstellen.
MarkusK124 08.06.2011
3. Sinkendes Arbeitsangebot
Da kann man ja nur hoffen, dass die der weniger werdende Nachwuchs dazu führt, dass die verfügbaren Arbeitskräfte so knapp werden, dass die Arbeitnehmer wieder die Bedingungen diktieren können. Dazu ist es allerdings auch nötig, dass die Wirtschafts- immigration nach Deutschland aufhört bzw. nicht verstärkt wird (dies gilt natürlich nicht für politische Flüchtlinge, da deren Leben und Gesundheit natürlich geschützt werden muss). Aber vielleicht ist nicht mal dies möglich. Wenn die Bevölkerungszahl in Deutschland mit jeder Generation um ein Drittel abnimmt bei einer Geburtenrate von ca. 1,4, dann geht das vielleicht ganz automatisch.
MarkusK124 08.06.2011
4. Sinkendes Arbeitsangebot
Da kann man ja nur hoffen, dass die der weniger werdende Nachwuchs dazu führt, dass die verfügbaren Arbeitskräfte so knapp werden, dass die Arbeitnehmer wieder die Bedingungen diktieren können. Dazu ist es allerdings auch nötig, dass die Wirtschafts- immigration nach Deutschland aufhört bzw. nicht verstärkt wird (dies gilt natürlich nicht für politische Flüchtlinge, da deren Leben und Gesundheit natürlich geschützt werden muss). Aber vielleicht ist nicht mal dies nötig. Wenn die Bevölkerungszahl in Deutschland mit jeder Generation um ein Drittel abnimmt bei einer Geburtenrate von ca. 1,4, dann geht das vielleicht ganz automatisch.
olymp666 08.06.2011
5. Koan Titel
Zitat von MarkusK124Da kann man ja nur hoffen, dass die der weniger werdende Nachwuchs dazu führt, dass die verfügbaren Arbeitskräfte so knapp werden, dass die Arbeitnehmer wieder die Bedingungen diktieren können. Dazu ist es allerdings auch nötig, dass die Wirtschafts- immigration nach Deutschland aufhört bzw. nicht verstärkt wird (dies gilt natürlich nicht für politische Flüchtlinge, da deren Leben und Gesundheit natürlich geschützt werden muss). Aber vielleicht ist nicht mal dies nötig. Wenn die Bevölkerungszahl in Deutschland mit jeder Generation um ein Drittel abnimmt bei einer Geburtenrate von ca. 1,4, dann geht das vielleicht ganz automatisch.
Wenn Sie darauf hoffen wollen..... Da aber der Arbeitsmarkt für EU-Bürger geöffnet wurde, sehe ich da auch keine Chance. Die Polen und Rumänen bestehen ja nicht nur aus "Niedriglöhnern". Da kommen auch Ingenieure, Facharbeiter, Handwerker, Ärzte, etc. Der Wettbewerb um Arbeitsplätze wird eher noch verschärft. Aussitzen ist also keine besonders kluge Idee. Es hilft nur, sich dem Wettbewerb zu stellen und einfach besser zu sein als andere. Und den AG auch davon zu überzeugen. Wir haben ja schon den Vorteil der deutschen Sprache mächtig zu sein und in DE ausgebildet worden zu sein.
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