Nach Diktat verreist Als der Headhunter goldrichtig lag

Schluss mit dem alten Trott, auf zu neuen Ufern: Das ist die Stunde der Headhunter. Auch Mittelmanager Achtenmeyer vertraut auf den Riecher und die Diskretion von Egon, dem Profi. Zu Recht - und dennoch tritt er voll in den Fettnapf, schreibt Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne.

Achtenmeyers Schreibtisch: Im Hintergrund das Feuilleton der "FAZ"
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Achtenmeyers Schreibtisch: Im Hintergrund das Feuilleton der "FAZ"


Als Achtenmeyer die Sache mit den Reservekanistern las, die so mürbe sind, dass sie jeden Augenblick zerbröseln können, und die trotzdem auf dem Dach des Geländewagens bleiben, weil das so schön pittoresk aussieht, da war es um ihn geschehen. "Jetzt reicht's", murmelte er und klickte auf das Symbol seines Textverarbeitungsprogramms, um sein Kündigungsschreiben aufzusetzen.

Wäre seine Programm-Version nicht veraltet gewesen und hätte Achtenmeyer nicht über der enervierenden Suche nach dem Update seinen Elan verloren, dann wäre er jetzt schon seinen Job los. Und das nur, weil er irgendwo die Geschichte über ein Ehepaar gelesen hatte, das seit mehr als 25 Jahren um die Welt reist und alle bürgerlichen key assets - Job, Haus, Kinder - jederzeit für einen Sonnenuntergang in Papua-Neuguinea stehenlässt.

Fernweh, Abenteuer, Spontaneität - der ganze spirit ungezügelter Freiheit lief da als Film vor Achtenmeyers geistigem Auge ab, und seine allzeit willfährige Ratio lieferte prompt auch noch gute Gründe, warum er jetzt unbedingt auch auf ewige Weltreise gehen müsse: Verhielt sich Dr. Karl nicht in letzter Zeit ihm gegenüber merkwürdig schroff? Wurde seine Abteilung nicht immer häufiger übergangen, bevormundet, gegängelt von dahergelaufenen Controllern und übergeschnappten Produktingenieuren?

Und überhaupt: Saß er nicht schon viel zu lange auf der gleichen öden Position?

"Alles bestens, doch..."

Das Problem ist: Nach einigen Stunden war die Fernweh-Euphorie weg, doch die rationalen Gründe, die sein Gehirn als Rechtfertigung für eine Kündigung produzierte, immer noch da. Doch statt Dr. Karl im ersten Furor und per Mail die Brocken hinzuwerfen, tut Achtenmeyer, was jeder Konzern-Mittvierziger mit jobbedingter Midlife-Crisis tut: Er ruft seinen Headhunter an. "You know, Egon, natürlich läuft es hier total super für mich, key performance indicators alle on track, perspectives bestens, und doch..." Vielsagend lässt Achtenmeyer den Satz schweben, und Egon, der Profi, erkennt das Stichwort sofort: "Du willst was anderes, frischer Wind, neuer Schwung, die ganze Palette, versteh' schon."

Wie es der Zufall will, fährt Egon fort, wobei das Wort "Zufall" natürlich für seine eigene, unvergleichliche Arbeit steht, wie es der Zufall also will, habe er gerade auch an Achtenmeyer gedacht. Ihm liege da nämlich diese Anfrage eines Klienten vor, streng geheim, er selbst kenne noch nicht mal den Firmen- geschweige den Kundennamen, aber keine Sorge, absolut First Tier, Top-Gehalt, für Achtenmeyers Profil wie maßgeschneidert. "Mit dem aktuellen Mann ist mein Klient eigentlich ganz zufrieden", sagt Egon, der Profi. "Aber er will halt, wie soll ich sagen, frischen Wind, neuen Schwung, du verstehst schon."

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Headhunter: Die Kopfgeldjäger der Wirtschaft
Achtenmeyer versteht, und man vereinbart ein erstes Treffen beim Nobel-Sushi-Supplier, hochdiskret, ohne Egon und ohne Klarnamen, nur mit dem "FAZ"-Feuilleton als Erkennungszeichen.

Am bewussten Tag ist Achtenmeyer exakt die zwei Minuten zu früh, die den Wechselkandidaten von Welt kennzeichnen. Sorgsam steuert er auf einen Tisch in einer Nische zu, legt das Feuilleton gewichtig darauf und beginnt, imaginäre Flusen von seiner Krawatte zu zupfen. Nicht zu fassen, mein lieber Achtenmeyer, das erste Bewerbungsgespräch seit fast zehn Jahren, obwohl an Angeboten natürlich kein Mangel war, denkt er. Bevor er aber in selbstgefällige Rückschau verfallen kann, nimmt er im Augenwinkel den "FAZ"-Schriftzug wahr, der draußen vorbeihuscht.

Glasklar, Dr. Karl ist Vollprofi

Die Scheibe ist so verrauchglast, dass Achtenmeyer den Tageszeitungsträger nicht erkennen kann, doch vorsorglich steht er schon mal auf, schließt den obersten Jackettknopf und - sieht Dr. Karl im Windfang stehen, "FAZ"-Feuilleton unterm Arm, suchender Blick. Dann bleibt der Blick seines aktuellen Vorgesetzten an seinem, Achtenmeyers, Feuilleton hängen, geht langsam nach oben und wendet sich sofort wieder ab, als sich ihre Blicke kreuzen. Auf dem Absatz kehrt Dr. Karl um und verlässt das Lokal.

Drei Dinge lassen sich als key take-outs festhalten, denkt Achtenmeyer am nächsten Tag, an seinem alten und zugleich neuen Schreibtisch. Erstens: Die Diskretion seines Headhunters ist kein Marketinggeschwätz, sondern in der Tat äußerst belastbar. Zweitens: Dr. Karl ist ein Vollprofi - Lage binnen eines Wimpernschlags analysiert, seither kein Wort darüber verloren, sie wollten beide etwas Neues und wissen nun das Alte wieder zu schätzen. Und drittens: Das Feuilleton der "FAZ" ist gar nicht schlecht. Hätte er schon früher mal reinschauen sollen.


+++ Lessons learned +++

  • Nicht spontan kündigen: "Ich werf' die Brocken hin!", "Soll der Laden doch sehen, wie er ohne mich zurechtkommt!" - so mancher würde solche Sätze seinem Chef während einer Auseinandersetzung gern ins Gesicht schreien. Doch Wut, Enttäuschung und Frust sind keine guten Ratgeber. Besser: Beobachten, ob der Frust ein Ausrutscher war oder zum Dauerzustand wird. In diesem Fall in Ruhe über Konsequenzen nachdenken.
  • Pull statt Push: Erfolgreich im Beruf ist nicht, wer sich irgendeinen neuen Job sucht, weil ihn der alte nervt. Sondern der, der einen guten Job kündigt, weil er einen besseren angeboten bekommt. Also mehr Anziehung durch neue Perspektiven (Pull) statt Abstoßung (Push) durch alten Trott.

  • Immer eins voraus: Wer den Job wechselt, sollte auch wenigstens grob wissen, wie der übernächste Schritt aussehen könnte. Entpuppt sich der neue Job als kurzfristig attraktiv, langfristig jedoch perspektivlos - besser Finger weg davon.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
schneemann3 07.02.2012
1.
Diskretion hin oder her, sowas darf einem guten Headhunter nicht passieren.
cs01 07.02.2012
2. Sperrvermerke
Zitat von schneemann3Diskretion hin oder her, sowas darf einem guten Headhunter nicht passieren.
Genau dazu gibt es eigentlich Sperrvermerke. Bei einem guten Headhunter kann ich sagen, dass ich bestimmte Firmen nicht möchte, dann bekomme ich diese Angebote nicht und umgekehrt bekommen die auch nicht mein Profil. (Aus dem man vieleicht trotz Anonymisierung schließen kann, wer ich bin.)
Stauss 07.02.2012
3. Na, da kennt aber einer nicht die Rituale des Managements.
Achtenmeyer sollte mehr auf Informationen achten. Und der Schreiber ist wohl eher ein verkappter Chiffrebekanntheitsanzeigenanschreiber.
Gerdd 09.02.2012
4. Do You Like Pina Colada?
Zitat von sysopSchluss mit dem alten Trott, auf zu neuen Ufern: Das ist die Stunde der Headhunter. Auch Mittelmanager Achtenmeyer vertraut auf den Riecher und die Diskretion von Egon, dem Profi. Zu Recht - und dennoch tritt er voll in den Fettnapf, schreibt Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,813688,00.html
Rupert Holmes - Escape (The Pina Colada Song), 1979 - ganz analog. Vielleicht sollte man vorher schon mal miteinander reden.
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