Arbeiten in der Paketbranche "Sklavenbedingungen wie im Mittelalter"

Schuften bis zum Umfallen für einen Hungerlohn, so beschreibt Günter Wallraff die Arbeitsbedingungen beim Paketzusteller GLS. Gewerkschafter sind wenig überrascht: In der Paketbranche würden Mitarbeiter seit langem systematisch ausgebeutet. Mehr als die Hälfte der Zusteller arbeite zu Sklavenbedingungen.

RTL

Täglich zwölf bis 14 Stunden lang Pakete schleppen, Hektik, Schlafmangel, keine Pausen - und am Monatsende doch nur 1200 Euro brutto. Mit seinem Undercover-Einsatz beim Paketzusteller GLS hat Enthüllungsjournalist Günter Wallraff bundesweit Empörung über die Arbeitsbedingungen in dem Konzern ausgelöst. Bei der Gewerkschaft Ver.di ist man wenig überrascht: Was Wallraff beschreibe, sei Alltag in der wachsenden Paketbranche. "Wir haben es mit der Prekarisierung einer Branche zu tun. Von 50.000 Beschäftigten arbeiten 35.000 zu Sklavenbedingungen wie im Mittelalter", sagt Ver.di-Experte Wolfgang Abel.

Wallraff hat die GLS mit falscher Identität von innen und in Hunderten Gesprächen mit Beschäftigten oder ehemaligen Mitarbeitern von außen durchleuchtet. Er beschreibt Dumpinglöhne unter fünf Euro, rechtswidrig lange und gesundheitsschädigende Arbeitszeiten, Drangsalierung - und ein cleveres System, das auch viele andere in der Branche gerne nutzen: Die Zusammenarbeit mit Subunternehmern, an die Risiko und Verantwortung ausgelagert werden. GLS wies den Bericht als "einseitig und verkürzt" zurück.

Fünf Prozent Umsatzwachstum

Der Paketmarkt boomt, vor allem wegen wachsender Einkäufe via Internet. 2011 hatte die Branche ein Volumen von 7,3 Milliarden Euro, ein Umsatzwachstum von je fünf Prozent für die nächsten Jahre wird prognostiziert. Die Post ist auf dem stark umkämpften Markt die Nummer eins mit einem geschätzten Anteil von 40 Prozent. "Von den 60.000 Zustellkräften, die bei uns Pakete ausliefern, sind weniger als zwei Prozent bei Subunternehmern beschäftigt", sagt Unternehmenssprecher Dirk Klasen. Die ganz große Mehrheit habe eine tariflich vereinbarte Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden und erhalte Tariflohn - mit einem Einstiegslohn von elf Euro. Er halte aber die von Wallraff geschilderten "krassen Fälle" für absolut zutreffend - bei der Konkurrenz.

Zu den fünf Großen gehören auch die Otto-Tochter Hermes, UPS, DPD und GLS. Ver.di-Experte Abel ist vor allem über die Zustände bei GLS entsetzt. "Die mit Abstand skandalmäßigsten Arbeitsbedingungen herrschen bei GLS." Auch die Verhältnisse bei Hermes und DPD seien nicht akzeptabel. "Dagegen hat UPS zu 70 Prozent eigene Zusteller, die tariflich bezahlt werden. Bei der Deutschen Post sind es zu über 90 Prozent eigene Leute." Seine Einschätzung: "Nur 15.000 Paketboten, nämlich die von der Post und von UPS - sind zu sauberen Arbeitsbedingungen beschäftigt und werden fair bezahlt. Für die anderen 35.000 müssen dringende Verbesserungen kommen."

Hermes kündigt Verbesserungen an

Die GLS-Deutschlandzentrale im hessischen Neuenstein sieht das anders: "Wir legen Wert auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die im Rahmen der Gesetze gestaltet wird." Das ebenfalls ins Visier geratene Unternehmen Hermes kündigt dagegen Verbesserungen für die Paketfahrer an.

Den Gewerkschaften sind die Bedingungen für die Paketzusteller schon lange ein Dorn im Auge. Ver.di verlangt eine Selbstverpflichtung aller Branchenführer, die Flächentarifverträge in den jeweiligen Bundesländern einzuhalten. Öffentlicher Druck helfe, glaubt Abel. Zwei Berichte Ende 2011 beim NDR über die "Paketsklaven" im Hamburg hätten Erfolge gebracht: "Nach den geschilderten unzumutbaren Zuständen bei der Logistikfirma HFL hat die Deutsche Post die Zusammenarbeit mit HFL gekündigt und die 150 Beschäftigen in den eigenen Konzern übernommen."

Auch der Verbraucher ist gefragt, meint Wallraff: Wer dem europäischen GLS-Konzern Einhalt gebieten wolle, solle nicht unbedacht "online, schnell und billigst" bestellen, denn: "Den Preis zahlt der Paketbote." Gerd Billen, Chef der Verbraucherzentrale, fordert überprüfbare Infos darüber, wie Unternehmen mit ihren Mitarbeitern umgehen. "Hierzu muss der Gesetzgeber eine Informationspflicht für Unternehmen festlegen." Und Ver.di-Mann Abel betont: "Die Macht der Konsumenten ist nicht zu unterschätzen."

Yuriko Wahl-Immel, dpa/vet

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insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
ganta 31.05.2012
1.
Ja und das alles haben wir Hartz4 zu verdanken. Hat die SPD mal wieder super gemacht. Ich frag mich echt, wie die noch auf 27% kommen können, bei dem Bockmist den die immer machen. Union ist auch net viel besser aber so krass treiben sie es dann auch wieder nicht.
crocodil 31.05.2012
2. schaut
mal in die Türkei, dort arbeiten die Männer und Frauen 12-16 Stunden täglich - und das bei 400 €. Wenn es so weiter geht in Deutschland, sind wir auch bald auf diesem Niveau.Eins ist doch wohl klar, die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer, Wenn ich gelesen habe, dass eine Garage in New York für 1 Mio $ versteigert wird, dann ist doch was nicht in Ordnung.
kioto 31.05.2012
3. Kehrseite des Monopol Wegfalls
Hallo, Das gefeierte Ende des Postmonolpols hat natürlich mehrere Schattenseiten. Abgesehen von Großkunden, hat der normale Kunde wenig Voreile, manchmal sogar, wie abgelegen wohnende sogar Nachteile. Okölogisch sogar der Supergau, den während früher ein Postauto alle Pakete brachte, kommen jetzt ev. 3-4 verschiedene Boten am selben Tag. Dies wird zum Glück durch vermehrte Zusammenarbeit der Dienste etwas entschärft. Hauptnachteil ergeben sich für die Boten selber. Klar, dass da, wo vorher einer gearbeitet hat, nicht vier zu selben Geld werkeln können. Das ganze geht nur mit Dumpinglohn.Denn schließlich muß mehr Sprit, mehr Material als bei zentraler Versorgung bezahlt werden, und die Anteilseigener wollen auch noch ein Stück vom Kuchen. Deutschland weit gesehen wahrscheinlich sehr unwirtschaftlich, allenfalls eine ABM. mfg Kioto
dig 31.05.2012
4. Warum die ganze Aufregung?
Zitat von gantaJa und das alles haben wir Hartz4 zu verdanken. Hat die SPD mal wieder super gemacht. Ich frag mich echt, wie die noch auf 27% kommen können, bei dem Bockmist den die immer machen. Union ist auch net viel besser aber so krass treiben sie es dann auch wieder nicht.
Sorry, aber gerade die Union war es, die im Vermittlungsausschuß das Hartz4-Gesetz verschlimmbessert hat. Aber, das ist jetzt schon der dritte oder vierte Artikel, der sich mit den Arbeitsbedigungen bei GLS beschäftigt. Ehrlich gesagt, ich verstehe die ganze Aufregung über GLS nicht. Das gab es doch schon alles bei Hermes, teilweise bei DHL, bei den Postagenturen oder bei PIN (dem Briefzustelldienst von Springer). Und, was hat sich geändert? PIN ist Pleite. Aber sonst?
Europa! 31.05.2012
5. Die Paketzusteller machen einen tollen Job
Zitat von sysopRTLSchuften bis zum Umfallen für einen Hungerlohn, so beschreibt Günter Wallraff die Arbeitsbedingungen beim Paketzusteller GLS. Gewerkschafter sind wenig überrascht: In der Paketbranche würden Mitarbeiter seit langem systematisch ausgebeutet. Mehr als die Hälfte der Zusteller arbeite zu Sklavenbedingungen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,836276,00.html
Online-Bestellungen sind ein Megatrend, und das bedeutet auch, dass Pakete zugestellt werden müssen. Dass es junge Leute gibt, die diese schwere Knochenarbeit machen und mit einem freundlichen Lächeln ein sperriges 22-kg-Packstück bis in den zweiten Stock bringen (ohne Aufzug), finde ich großartig. Das ist (auch) praktizierte Nächstenliebe. Eine bessere, staatlich und gewerkschaftlich überwachte Entlohnung ist aber dringend geboten. Den Paketzustellern ist deshalb zu raten, sich zu organisieren. Mit Trinkgeld allein kann man das nicht entgelten.
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