Firmen-TÜV Wie nachhaltig ist mein Unternehmen?

Welche Produkte nachhaltig sind, erkennt man am Siegel. Jetzt gibt es auch in Deutschland Zertifikate für die Unternehmen selbst. Eine Hilfe für Bewerber, die aufs Gemeinwohl achten wollen.

Screenshot der Initiative Gemeinwohl-Ökonomie

Screenshot der Initiative Gemeinwohl-Ökonomie

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Haselnusseis, Salamipizza, auch die Lachsfischstäbchen: Dass das tiefgefrorene Sortiment der Berliner Firma "Ökofrost" allen Bio-Kriterien entspricht, sieht man am sechseckigen grünen Siegel. Nur eines fehlte lange: Ein Zertifikat, das zeigt, dass nicht nur die Produkte nachhaltig sind, sondern das Unternehmen selbst.

"Wir wollen nicht in erster Linie Geld erwirtschaften, sondern uns die Sinnfrage stellen", erklärt Mitgründerin Katharina Gerull die Unternehmensphilosophie. Dass die gesamte Managementkultur darauf ausgerichtet ist, belegt nun ein weiteres Siegel auf der Homepage der Ökofirma: zwei Pusteblumesamen, daneben steht "Gemeinwohlökonomie".

GWÖ ist neben "BCorp" und dem TÜV Rheinland einer der Anbieter im deutschsprachigen Raum, die Unternehmen auf ihre Nachhaltigkeit abklopfen - und Zertifikate ausstellen. Denn auch wenn es mittlerweile Usus ist, unseren Alltag mittels Gütesiegel in Spreu und Weizen zu teilen: Orientierungshilfen wie Blauer Engel, Bio-Logo und allerlei Testurteile sagen nur, was das Druckerpapier, die Milch oder die Zahnpasta taugen. Und nicht, ob die Firmen, die diese Produkte herstellen, selbst nachhaltig sind, geschweige denn, ob man da gerne arbeiten würde.

Zwar haben Bewertungsportale wie "Meinchef", "Kununu" oder "Jobvoting" diese Lücke etwas gefüllt, doch hängt deren Aussagekraft an der Masse der Kommentare, die noch dazu - natürlich - so subjektiv sind wie Buchkritiken bei Amazon.

Welche Managementkultur verfolgen die Chefs?

Kein Wunder also, dass es einen Bedarf an einem Gütesiegel für Firmen gibt, das so nüchtern und unabhängig ist als sei es von Stiftung Warentest: "BCorp", "GWÖ" und der TÜV wollen mit ihren Zertifizierungen Fragen transparent klären wie: Wie nachhaltig ist das Unternehmen wirklich? Welche Managementkultur verfolgen die Chefs, wie investieren sie den Gewinn? Und welche Stellung haben die Arbeitnehmer? Dass immer mehr Menschen ihren Job auf Sinn abklopfen, passt zu diesem Ansinnen, an der Uni Flensburg untersucht sogar schon ein Forschungsprojekt den Gemeinwohlökonomie-Ansatz.

GWÖ steht für Gemeinwohlökonomie, gegründet 2010 vom Österreicher Christian Felber, knapp 2000 Unternehmen haben sich bislang testen lassen. Hinter BCorp steckt die Bezeichnung "Benefit Corporation", was sinngemäß letztlich das Gleiche meint; weltweit sind 40.000 Firmen mit dem Siegel versehen, in Deutschland sind es bislang zwei Handvoll - allerdings hat die US-Initiative auch erst seit 2015 eine deutsche Filiale.

Mit Greenwashing und reiner Imagekorrektur habe ihr Ansatz nichts zu tun, betonen alle drei. "Dafür ist unser Prozess eindeutig zu aufwendig, da die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet wird", sagt BCorp-Mann Simon Berkler. Egal ob Anwaltskanzlei oder Crowdfunding-Plattform: Im Zentrum steht ein Online-Assessment-Tool, zudem Beratung. Um ein Zertifikat zu bekommen, müssen Unternehmen ihre Firmenstatute anpassen und rechtlich verankern, dass sie breitere gesellschaftliche Ziele verfolgen als eine reine Gewinnmaximierung.

Geprüft wird an drei bis 20 Tagen

"Die Kriterien sind streng", sagt Sabine Siehl von der Hamburger GWÖ-Gruppe. Allerdings: Die Unternehmen können sich aussuchen, ob sie sich mit einem Tool selbst abchecken, sich in einer Gruppe gegenseitig bilanzieren oder einen unabhängigen Prüfer bestellen. Über die Punktevergabe werden die Unternehmen vergleichbar. Die veröffentlichten Bilanzen zeigen, in welchen Bereichen eine Firma gut dasteht und wo noch verbessert werden muss.

Die Mitarbeiter vom TÜV haben ein eigenesZertifikat für "Nachhaltige Unternehmensführung" konzipiert. "Bislang konnten Unternehmen das nur selbst von sich behaupten - ohne anerkanntes und neutrales Prüfsiegel." Der Aufwand hängt ab von der Unternehmensgröße: Bei 50 Mitarbeitern, so die grobe Schätzung, kann sich der Prozess über sechs Monate hinziehen, geprüft werde an drei bis 20 Tagen.

Jedoch: "Eine Zertifizierung heißt noch nicht, dass ein Unternehmen super ist, sondern nur, dass das Thema wichtig ist und die Firma sich im Sinne der Gemeinwohls weiterentwickeln will", sagt GWÖ-Frau Siehl. Auch für Simon Berkler, der die deutsche BCorp-Filiale vor einem Jahr mitgegründet hat, steht der Bewusstseinswandel im Vordergrund: "Es geht gar nicht nur um die Punkte, die man erreichen kann - der Prozess selbst steht im Zentrum."

Ben&Jerry's sind dabei und Patagonia

Am radikalsten ist wohl Christian Felbers Gemeinwohlökonomie-Ansatz, da im Hintergrund der Bilanzierung ein umfassenderer politischer Impetus steht. Ihm und seiner Bewegung geht es um eine "neue", eine "erste demokratische Wirtschaftsordnung". Zum Plan gehört auch, dass "Einkommens- und Vermögensungleichheiten in demokratischer Diskussion und Entscheidung begrenzt" werden oder dass bei "Großunternehmen (ab ca. 250 Beschäftigten) Stimmrechte und Eigentum teil- und schrittweise an die Beschäftigten und die Allgemeinheit" übergehen. Dieser ideologische Überbau dürfte einige potenziell an einer Zertifizierung interessierte Unternehmen irritieren, andere trennen ihn klar von der GWÖ-Bilanzierung, fokussieren sich auf die Vorteile des Messinstruments - und sehen über den Rest hinweg.

Das mag auch Grund für die Ausrichtung der Kundschaft sein, die Sabine Siehl für GWÖ feststellt: "Der Zuspruch aus der Ökobranche ist deutlich größer. Etwa 80 bis 90 Prozent der Unternehmen mit Gemeinwohlbilanz kommen aus diesem Bereich."

Da BCorp nicht die ganze Wirtschaftsordnung ändern möchte, kommt der US-gegründete Zertifizierer deutlich niedrigschwelliger daher - junge Startups ebenso wie große Namen wie die Eiscreme-Macher "Ben&Jerry's" oder die Outdoormarke "Patagonia". Die Unternehmen, die zu ihnen kämen, so Simon Berkler, seien schon offen für das Thema, vor allem aber ginge es um Praktisches: "Es sind solche, die sich fragen, wie sie das Prozedere operationalisieren können. Sie wünschen sich Raster, an denen sie sich orientieren können - und den Austausch mit gleichgesinnten Unternehmen."

"Nur gesunde und zufriedene Mitarbeiter sind gute Mitarbeiter"

Egal für welche Ausprägung die einzelnen Anbieter stehen, Franz Liebl, Professor für strategisches Marketing in Berlin, ist skeptisch, was die Vorteile und das Neue an diesem Zertifikatsansatz sein sollen. Viele Punkte, die BCorp und Co. propagierten, seien in vielen Unternehmen "Selbstverständlichkeiten", intelligente CSR-Ansätze liefen längst, würden aber nicht weiter öffentlichkeitswirksam thematisiert.

Und sowieso: "Schon hinter dem Prinzip des Handelsgesetzbuchs steckt das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns. Als normative und juristische Denkfigur müsste das eigentlich reichen", findet er. Die Aussagekraft eines solchen Zertifikats ist seiner Einschätzung nach zudem zweifelhaft: "Auch ein Biosiegel attestiert nur, dass etwas schadstoffarm gefertigt wurde. Ob es auch schmeckt, ist ein anderes Thema."

Was Firmen aber auf alle Fälle davon haben: Sie schärfen ihr Profil, sei es für Investoren oder potentielle Mitarbeiter. "Es gilt nicht nur, soziale Verantwortung für die Fabrik in China zu übernehmen, sondern auch für die eigenen Belegschaft vor Ort", so TÜV-Mann Engst. "Der Arbeitnehmer ist der Kern des nachhaltigen Unternehmensführung" - nur gesunde und zufriedene Mitarbeiter seien auch gute Mitarbeiter.

In anderen Ländern ist das Konzept, Unternehmen unabhängig auf ihre Nachhaltigkeit überprüfen zu lassen schon etablierter. Zudem ist ab 2017 eine EU-Richtlinie auf nationaler Ebene ein Nachhaltigkeitsbericht Pflicht: für alle Unternehmen mit mehr als 500 Angestellten. In USA und Italien ist sogar der Geschäftstypus "Gemeinwohlorientierte GmbH" bereits gesetzlich verankert. Das, findet Berkler, könnte Schule machen, auch in Deutschland.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.
insgesamt 3 Beiträge
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M. Michaelis 26.05.2016
1.
Man sollte Nachhaltig zum Unwort des Jahres wählen. Dieses Modewort wird dermassen strapaziert dass es seiner völligen Sinnentleerung immer näher kommt.
schensu 26.05.2016
2. Tara
Neues aus der Zerti-Welt! Und auch noch vom TÜV... Na, vllt. können die das *nachhaltig* besser als Silikon und Abgase.
lklatt 27.05.2016
3. WIN-Charta
In Baden-Württemberg können KMU sich zur Nachhaltigkeit selbst verpflichten, indem sie die WIN-Charta unterschreiben. Aus 12 Leitsätzen geben sie die Ziele für Ökonomie, Ökologie und Soziales in ihrem Unternehmen an. Dies stellt der Umweltminister ins Netz und die Stakeholder können die Umsetzung überprüfen. Wer mehr wissen will: www.win-bw.com. Das Beste daran: Es koscht nix!
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