Knigge-Kurs für Taxifahrer "Leute, ihr befördert doch Menschen"

Knurriger Ton, fragwürdiger Fahrstil - in Berlin haben Taxifahrer ein schlechtes Image. Eine Schulung soll aus muffigen Kutschern zuvorkommende Chauffeure machen. Doch nicht alle schaffen die Abschlussprüfung.

Von

Sebastian Höhn

"Zwei Drittel haben keine Ahnung vom Autofahren." Es klingt provokant, wie Detlev Freutel, 56, das sagt, ein hartes Urteil über die Berliner Taxifahrer, seine eigenen Kollegen. Aber das entspreche seiner Erfahrung, sagt Freutel, der nicht nur Vorsitzender des Taxi Verbands Berlin-Brandenburg ist, sondern auch regelmäßiger Fahrgast.

Zwanzig der so Gescholtenen sitzen gerade vor ihm. 10 Uhr, ein kleiner Schulungsraum im Hof des Taxi-Zentrums im Berliner Stadtteil Friedrichshain. Für die Kursteilnehmer hat die letzte Sitzung vor der Prüfung begonnen. Das "VIP-Seminar für den Quality Taxi Service", wie der Kursus etwas gestelzt heißt, soll aus ihnen freundliche, hilfsbereite Chauffeure machen, die ihr Auto sauber halten, den Fahrgast sicher durch die vollen Straßen der Hauptstadt befördern, Kartenzahlung akzeptieren und während der Fahrt die Finger von ihrem Handy lassen. Eigentlich alles selbstverständlich? Nicht in Berlin.

Detlev Freutel, der das Seminar leitet, beobachtet den Zustand seines Gewerbes seit langem mit Bauchschmerzen. Es sei höchste Zeit, dass etwas passiere. Die Berliner Taxiunternehmen mit ihren etwa 18.000 Fahrern spürten mehr und mehr den Konkurrenzdruck durch Carsharing, Mietwagen und hochwertige Limousinen-Services. "Schwarzarbeit ist auch ein Riesenproblem", sagt Stephan Müller von Taxi Berlin, als Projektleiter zuständig für die Kurse. Davon wolle man sich abgrenzen.

Fotostrecke

9  Bilder
Deutscher Taxifahrer auf Kuba: Endlich legal
In Berlin werden Schätzungen zufolge etwa die Hälfte der Einnahmen nicht oder falsch versteuert. Noch mehr leidet das Image, wenn schwarze Schafe ausländischen Touristen schon mal 200 Euro für eine Fahrt von zehn Kilometern abknöpfen. Deshalb hat Taxi Berlin den Kurs ins Leben gerufen, zusammen mit mehreren Branchenverbänden.

Das Interesse ist riesig. Bis zum Sommer will Freutel 1500 Taxifahrer durch die Prüfung gelotst haben. Ein ehrgeiziges Ziel: Im Schnitt fallen 20 Prozent der Teilnehmer durch. Als größte Falle erweist sich die nicht unwichtige Prüfungsfrage, ob ein Taxi auf der Busspur halten darf. Die richtige Antwort, nur an der Bushaltestelle, kennt kaum einer. Fehlerquote: 90 Prozent.

Netto- oder Bruttopreis auf dem Taxameter?

Die Teilnehmer an diesem Vormittag - durchweg Männer - sind fast alle langjährige Fahrer. Sie zahlen 40 Euro für das zweitägige Seminar und gehören zu denen, die sich anstrengen wollen. Dennoch hakt es auch hier: Wie war das noch mal mit der Umsatzsteuer und dem ermäßigten Satz von sieben Prozent für Fahrten innerhalb der Gemeinde? Was zeigt das Taxameter an, Netto- oder Brutto-Preis?

Es geht um Haftungsfragen, Abrechnung mit EC-Karte, um Verkehrsrecht und die Punkte in Flensburg. Im Mittelpunkt aber steht an diesem Vormittag der Kunde. "Guten Tag" sagen, wenn der Fahrgast einsteigt, ihm direkt in die Augen sehen. Nicht gleich die ganze Lebensgeschichte erzählen, sobald der Kunde mal eine Frage stellt.

Auch in Sachen Fahrstil klare Ermahnungen: "Leute, ihr befördert Menschen", sagt Freutel. "Auf der Rückbank sitzt ein biologisches System." Vorsichtig Gas geben, sachte bremsen, mit Abstand fahren. Bevor es stressig werde, "einfach mal den Bus vorlassen oder das tiefergelegte Fahrrad". Nicht zufällig gebe der entspannte Fahrgast am meisten Trinkgeld, sagt Freutel. Er saß selbst jahrzehntelang am Steuer eines Taxis.

Mehr Aufträge dank VIP-Kärtchen

Einer der Teilnehmer ist Andreas Krause, 49. Er sei freiwillig hier, sagt er. Dem Seminarleiter kann er nur zustimmen: "Wir sehen ja, wie manche Kollegen mit Fahrgästen umgehen." Handy am Ohr, zu schnelles Fahren, ständige Spurwechsel. "Da würde ich sofort aussteigen."

Die geschulten Chauffeure sind an einem Kärtchen mit der Aufschrift "VIP Quality Taxi Service" erkennbar, das hinter der Windschutzscheibe klebt. Ausgewählte Großkunden können die VIP-Taxen gezielt bestellen. "Ziel ist es, das langfristig für jeden Kunden anzubieten", sagt Stephan Müller. Wer ein freies VIP-Taxi auf der Straße entdeckt, kann es aber schon jetzt zu sich winken. Die Fahrer nehmen jeden mit, zu den üblichen Preisen.

Das Seminar endet an diesem Tag erfolgreicher als sonst. 18 von 20 Taxifahrern bestehen die Prüfung. Unter ihnen ist auch Andreas Krause. Er wird jetzt mehr Aufträge bekommen. Seinen Ausweis, der ihn als Premium-Fahrer legitimiert, hält er schon in der Hand. Wird der VIP-Status nicht auch zu Gerede am Taxistand führen, zu Gruppenbildungen unter den Fahrern? Wahrscheinlich ja, sagt Krause. "Aber ich finde es gut, dass es jetzt einen Pool gibt, der sich abgrenzt."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
blackpride 12.03.2014
1. Keine
Zitat von sysopSebastian HöhnKnurriger Ton, fragwürdiger Fahrstil - in Berlin haben Taxifahrer ein schlechtes Image. Eine Schulung soll aus muffigen Kutschern zuvorkommende Chauffeure machen. Doch nicht alle schaffen die Abschlussprüfung. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/nachhilfe-fuer-taxifahrer-in-berlin-sie-sollen-freundlicher-werden-a-957911.html
Also ich habe noch nie schlechte Erfahrungen mit Berliner Taxifahrern gemacht. Eher gute. Das einzige was manchmal nervt: sie wollen einem ein Gespräch aufdrängen, wenn man einfach nur seine Ruhe haben will. Aber nicht einmal das würde ich als negativen Punkt aufzählen. Eher als eine Eigenart Berliner Taxifahrer.
Altesocke 12.03.2014
2. Steht die Uhr ....
... dan auf 20.00 Euro, oder was? "Noch mehr leidet das Image, wenn schwarze Schafe ausländischen Touristen schon mal 200 Euro für eine Fahrt von zehn Kilometern abknöpfen" Und das kann dann nicht eindeutig erkannt werden? Schon mal daran ngedacht, Euro und Cent besser kenntlich zu machen? "Die geschulten Chauffeure sind an einem Kärtchen mit der Aufschrift "VIP Quality Taxi Service" erkennbar, das hinter der Windschutzscheibe klebt. Ausgewählte Großkunden können die VIP-Taxen gezielt bestellen." Wie waere es, die Nichtbesteher aus dem Verkehr zu ziehen? So fuer 1 Monat, nach der ersten Pruefung, 2 Monate nach der 2ten Pruefung, ganz nach der 3.ten? Wird auch gleich der Konkurrenzdruck kleiner. Und Schwarzfahrer, ob illegal fahrend, oder ohne Uhr: Verhadten, Auto sicherstellen, nie wiedergeben!
waldemar 12.03.2014
3. Überall schlimm ...
... aber in Berlin ganz besonders: Schon ein paar Jahre her, also zu "vor-Navi-Zeiten" musste ich sogar schon mit einem Stadtplan den Fahrer zum Zielort lotsen. Verstehen konnte er mich erst nachdem wir uns darauf geeinigt hatten was rechts und was links bedeutet. Das Entladen von Reisegepäck genau in den Hundehaufen hinein hat ja fast schon Tradition. Fahrer, die trotz mehrfacher Bitte um langsames Fahren der Meinung sind, dass wenn drei Fahrspuren vorhanden sind, diese drei auch zum Überholen verwendet werden müssen braucht niemand. Fahrer, die der Meinung sind, den Fahrgast beleidigen zu müssen, wenn er vor dem Ziel aussteigen möchte (warum wohl) braucht ebenfalls niemand. Über verdreckte und verkehrsunsichere Taxen (ok, war nur eine nicht funktionierende Tür) braucht auch niemand. Ich habe auch gar kein Verständnis, wenn der Fahrer erst noch seinen Hund in die Hundebox im Kofferraum bringen muss, wenn ich einsteige. Gut, nur die Erfahrungen in diesem Jahr, wir haben ja auch erst Mitte März, aber ein Qualitätsmanagement mit Kontrollen und entsprechenden Konsequenzen würden jeder Stadt, ganz besonders der Hauptstadt gut tun ...
lab61 12.03.2014
4.
Zitat von blackprideAlso ich habe noch nie schlechte Erfahrungen mit Berliner Taxifahrern gemacht. Eher gute. Das einzige was manchmal nervt: sie wollen einem ein Gespräch aufdrängen, wenn man einfach nur seine Ruhe haben will. Aber nicht einmal das würde ich als negativen Punkt aufzählen. Eher als eine Eigenart Berliner Taxifahrer.
Meine Sie "Berliner Taxifahrer" oder türkischer Taxifahrer in Berlin? Wieviele deutsche Taxifahrer gibt es eigentlich noch in Berlin. Gerade beim rowdyhaften Fahren muss man leider enorme Unterschiede Feststellen. Da brutale Schneiden von Spuren, wenn ein Fahrgast am Straßenrand winkt. Das absolut rücksichtslose und ignorante Abstellen der Fahrzeuge, egal wo man ist. Selbst in einspurigen Baustellenbereichen. Überfahren von Ampeln selbst, Abbiegen aus Geradeausspuren und dann reindrängeln. Enges Überholen von Radfahrern. Es gibt leider bei bestimmten Gruppen von Mitbürgern ein Fahrverhalten, dass sie bereits als Fahrer verinnerlicht haben, bevor sie den Taxischein machen, und dieses Verhalten dann leider auch hinterm Steuer der Mietdroschke nicht ablegen. Achso. Vergessen habe ich dabei noch die Kraft- und Fäkalausdrücke, die sie dann auch noch gern verwenden, wenn sie mit anderen Verkehrsteilnehmern aneinander geraten.
ellereller 12.03.2014
5. Seltsam
Zitat von Altesocke... dan auf 20.00 Euro, oder was? "Noch mehr leidet das Image, wenn schwarze Schafe ausländischen Touristen schon mal 200 Euro für eine Fahrt von zehn Kilometern abknöpfen" Und das kann dann nicht eindeutig erkannt werden? Schon mal daran ngedacht, Euro und Cent besser kenntlich zu machen? "Die geschulten Chauffeure sind an einem Kärtchen mit der Aufschrift "VIP Quality Taxi Service" erkennbar, das hinter der Windschutzscheibe klebt. Ausgewählte Großkunden können die VIP-Taxen gezielt bestellen." Wie waere es, die Nichtbesteher aus dem Verkehr zu ziehen? So fuer 1 Monat, nach der ersten Pruefung, 2 Monate nach der 2ten Pruefung, ganz nach der 3.ten? Wird auch gleich der Konkurrenzdruck kleiner. Und Schwarzfahrer, ob illegal fahrend, oder ohne Uhr: Verhadten, Auto sicherstellen, nie wiedergeben!
Sie haben offensichtlich ein seltsames Verständnis von Berufsfreiheit. Es handelt sich hier nicht um die Taxi-Fahrer-Prüfung, sondern um einen Zusatzkurs, den ein Taxi-Unternehmer-Verband anbietet. Der Anwaltsverein würde bestimmt auch gerne Kurse zum "VIP-Anwalt" anbieten und jedem Anwalt, der die Prüfung nicht besteht oder den Kurs erst gar nicht besucht, die Kanzlei dichtmachen. "Dann wird auch der Konkurrenzdruck kleiner." Das läuft aber nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.