Nachtschicht Die im Dunkeln sieht man nicht

Schichtbeginn, wenn Büroangestellte längst schlummern: Um Nachtschaffende zu porträtieren, fuhr Christian Fuchs mit dem Pizza-Express durchs dunkle Berlin - er traf einen Barmann und Charité-Schwestern, sah Nerds und eine Ministerin auf dem Weg zur Spätschicht.

Barmänner: Frühstück um 19 Uhr - und Freundschaften drohen zu verkümmern
Christian Fuchs

Barmänner: Frühstück um 19 Uhr - und Freundschaften drohen zu verkümmern


Berlin - Was sind das für Menschen, die mit der Arbeit beginnen, wenn es dunkel wird in Deutschland? Um die Nachtschichtler kennenzulernen, haben wir uns an ein Expertengremium gewandt: an Mitarbeiter jenes Pizzadienstes, der Berlin nachts am längsten mit Pizza, Lasagne und Eis beliefert.

Mohrenstraße, Berlin-Mitte: Cem Eyili und zwei Mitarbeiter stehen hinter dem roten Tresen der kleinen "Call-a-Pizza"-Filiale. Die ersten Bestellungen des Abends trudeln ein, der Pizza-Ofen bollert kräftig. Pizzabäcker Cem Eyili kennt die Kunden, die nachts bei der Arbeit hungrig werden - "bei uns bestellen Werber genauso wie Ministeriumsmitarbeiter und Prostituierte".

Eyili und seine zehn Fahrer sind so etwas wie die Gelben Engel des Berliner Nachtlebens. An die 100 Essen werden sie heute ausfahren. In der Vergangenheit haben sie bereits Mark Medlock im Krankenhaus satt und glücklich gemacht, den Sänger Gentleman nach einem Konzert - und sogar Michael Jackson im Hilton-Hotel. Sie sind die Nummer gegen Hunger.

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Nachtschicht: Mit dem Pizza-Express durch Dunkelberlin
Während die Pizzaiolos zum Start der Spätschicht Ofenbleche sortieren und Teig für die ersten Pizzabrötchen kneten, hält ein schwerer Mercedes vor ihrem Geschäft. Fünf Meter von Cem Eyili entfernt steigt eine blonde Frau mit schwarzem Kostüm und rosa Bluse aus und quert im Stechschritt die Straße - ins Arbeits- und Sozialministerium. Es ist Ursula von der Leyen. Auch für sie beginnt jetzt eine Spätschicht.

18.51 Uhr, noch ist es hell. Die erste Fahrt - eine Pizza, ein Salat - bringt uns zur Cocktailbar "Reingold", nahe des Oranienburger Tors. Barchef Tino Hiller beginnt seine Nachtschicht. Er trägt einen gegelten Scheitel, Fliege, Hosenträger, Ärmelhalter am Hemd und einen penibel gepflegten Zwanziger-Jahre-Schnauzer im Gesicht. "Der Salat wird mein Frühstück, ich bin eben erst aufgestanden", sagt er. Seine Schichten gehen meist bis fünf Uhr morgens. "Manchmal sitzen hier um die Zeit noch Geschäftsleute, die dann beginnen, nach Russland oder Indien zu telefonieren." Sie haben an der Bar mit einem Cocktail gewartet, bis ihr Geschäftspartner in anderen Winkeln der Welt ins Büro kommt.

Hilfsarbeit in der Glamourwelt

In der golden schimmernden Edel-Bar läuft Berliner Swing, 100 Jahre alt. Tino Hiller putzt den nicht enden wollenden Tresen, will sich danach seinem Salat widmen. Bevor die Gäste eintreffen, möchte er aber auch noch einen neuen Likör ansetzen, der wird im "Reingold" selbst gemacht.

Hiller ist nicht irgendein Barkeeper. Vergangenes Jahr war er bei den "Bar Awards" einer von fünf Kandidaten für den "Newcomer des Jahres", er gibt auch Kurse an einer Barschule. "Das ist aber auch das Problem: Weil ich seit vier Jahren so im Barleben drinstecke, habe ich bald keine normalen Freunde mehr", sagt Hiller. Die nehmen gerade ihren Morgenkaffee, wenn er ins Bett geht. Jetzt kommen die ersten Gäste, die Arbeit ruft, Tino Hiller mixt einen Salbei-Mojito.

"Callapizzaberlinmittehallo?" 20.32 Uhr, Anrufe im Minutentakt, per Fax landen Online-Bestellungen in der Filiale. Mehl klebt an den Unterarmen der drei Pizzabäcker. Als Eyili gerade einen schnellen Pizza-Burger verdrücken will, stakst eine junge Texanerin in den Laden. Sie kauft einen Wein, ein Vanille-Brownie-Eis - und bleibt spontan auf eine Margarita.

Eigentlich sollte sie jetzt ein paar hundert Meter weiter bei einer Foto-Vernissage ihrer Freunde aus Prag herumstehen, dafür ist sie gemeinsam mit tschechischen Kommilitonen extra nach Berlin gekommen. Aber dort gab es nichts zu essen, also flüchtete die Künstlerin.

Während sie sich eine Pause von der steifen Eröffnungsfeier gönnt, beginnt ein anderer Künstler gerade sein Nachtwerk. Thomas Fuchs schlurft die Friedrichstraße entlang. Der Berliner klebt eigentlich Streetart-Poster und bastelt an Installationen; mit Freunden betreibt er zudem den Indie-Club "Sisyphos" in einer ehemaligen Tierfutterfabrik an der Spree in Berlin-Lichtenberg. Ein typischer Projektarbeiter des Kreativ-Proletariats der Stadt. Einer, der subkulturell zum Berliner "Arm, aber sexy"-Image beiträgt.

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Tom1869 11.04.2011
1. Ich net.......
Von wegen Büroangestellte schlafen Nachts..... Ich schaffe Nachts im Büro mehr als unterm Tag, deshalb arbeite ich Nachts. Unterm Tag wird man nur laufend von unnützen Anrufern von der Arbeit aufgehalten......
hilfloser, 11.04.2011
2. Guter Artikel,
hab bei Phillips in der Nachtschicht Dioden sortiert für Radios, Fernseher etc. stand da an einer Maschine und mußte den Ausschuß kontrollieren. Es war ein Höllenjob! besonders zwischen 00:00 Uhr und 03:00 Uhr geht der Geist dermaßen in die Knie das man jede Minute abzählt an der Riesenuhr im hellbeleuchteten Fabriksaal. Das hat mehr geschlaucht als jede körperliche Arbeit tagsüber. Nachtschicht zu arbeiten und dabei noch konzentriert sein zu müßen ist eine ganz taffe Angelegenheit. Hut ab vor den Polizisten und Krankenschwestern die Nacht für Nacht ihr Bestes geben und dabei noch mies behandelt und bezahlt werden. Für mich wär das auf Dauer ganz und gar nichts!
P-Berg, 11.04.2011
3. Saubere Recherche, Respekt!
*"In der golden schimmernden Edel-Bar läuft Berliner Swing, 100 Jahre alt."* Schon 1911 unterm Kaiser schwoofte janz Berlin also zum Swing (http://de.wikipedia.org/wiki/Swing_(Musikrichtung) ...
Cortez72 11.04.2011
4. carpe noctem
Nicht zu vergessen, alle Linienfahrer der KEP-Branche sowie der anderen Logistiksysteme, die Nachts auf Deutschlands Autobahnen unterwegs sind. carpe noctem!
bonbox 11.04.2011
5. Und
bitte nicht vergessen , alle Selbständigen , die einen Abgabe Termin haben , und Nächtelang durcharbeiten müssen . Gut selbst ausgesucht , aber oft zu Lasten der Familie und Freunde . Gruß BB
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