Duale Karriere Morgens Anwältin, nachmittags Profisportlerin

Ich muss noch mal schnell zu Gericht - kein Problem für Anwältin Nadine Hildebrand, denn sie gehört zu den schnellsten Hürdensprinterinnen der Welt. Dieses Wochenende könnte die Juristin bei der Hallen-WM in Sopot Gold holen.

Nadine Hildebrand nimmt jede Hürde - hier bei der Leichtathletik-WM 2013
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Nadine Hildebrand nimmt jede Hürde - hier bei der Leichtathletik-WM 2013


In ihrem Leben geht es um Strecke: Als Anwältin für Transportrecht - und als Hürdensprinterin auf Weltklasseniveau. Nadine Hildebrand wird deshalb auch gerne "Deutschlands schnellste Rechtsanwältin" genannt. Doch eigentlich ist das untertrieben: Zum einen steigerte sie sich in dieser Wintersaison von einer nationalen Größe der deutschen Leichtathletik zur Finalkandidatin bei der Hallen-WM am Wochenende im polnischen Sopot. Und im Februar hielt sie für mehr als drei Wochen die Weltjahresbestzeit über 60 Meter Hürden - für die sie 7,91 Sekunden brauchte.

Die Extra-Meile geht Hildebrandt nicht nur beim Sport - nach dem vollen und nicht gerade leistungssportförderlichen Programm aus Jurastudium, Staatsexamen und Referendariat nimmt sie nun auch juristische Hürden und arbeitet halbtags in einer Stuttgarter Kanzlei. Auf die Frage, wie sie das alles unter einen Hut bringt, sagt Hildebrand nur: "Keine Ahnung. Das kann ich ehrlich nicht sagen. Ich habe es einfach mal versucht."

Duale Karriere - oder großes Verzetteln?

Mit ihrem Werdegang passt die zierliche Athletin des VfL Sindelfingen gerade sehr gut in eine Debatte, die sich schon länger innerhalb der deutschen Leichtathletik regt. Der Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik Verbandes (DLV), Idriss Gonschinska, nennt die Juristin ein "sehr gutes Beispiel" für die vom Verband propagierte duale Karriere, die den Leistungssport mit einem Studium oder einer Ausbildung verbindet. Kritiker wie Diskus-Star Robert Harting dagegen sehen in diesem Modell nur eine permanente Überforderung, bei der man zwei Ziele gleichzeitig, aber keines davon richtig verfolgt.

Nadine Hildebrand könnte sich nun hinstellen und sagen: "Seht her, so geht es", aber das tut sie nicht. Die 26-Jährige spricht ganz offen von einer "großen Belastung" und davon, dass sie in Studium und Beruf "die gleiche Disziplin hinlegen muss wie im Training. Zeitmanagement ist alles für mich", sagt sie. "Sonst geht es nicht." In Hildebrands Kanzlei verdreht niemand die Augen, wenn sie mal wieder zu einem Wettkampf wie der WM oder dem ISTAF Indoor in Berlin muss, wo sie zuletzt Zweite hinter Olympiasiegerin Sally Pearson aus Australien wurde. Im Gegenteil, sagt sie: "Die Kollegen unterstützen mich und drücken mir vor dem Fernseher die Daumen. Sonst könnte ich das alles vergessen."

Für ihren sportlichen Aufschwung gibt es derweil nicht den einen entscheidenden Grund, sondern mehrere. Hildebrand hat 2013 noch einmal den Trainer gewechselt und steht auch nicht mehr im Schatten der dauerverletzten Sprintkollegin Carolin Nytra. Bei aller Belastung durch ihren Beruf verspürt sie im Gegensatz zu anderen Athleten auch keinen Existenzdruck, wie es nach der sportlichen Karriere mit ihr weitergehen soll. "In diese Panik wollte ich nie verfallen", meint Hildebrand. "Mir war immer klar, dass ich nicht bis 60 Leistungssport mache."

In Sopot will sie am Samstag das Finale der besten Sechs erreichen. "Das wäre mein erstes WM-Finale", sagt die deutsche Meisterin. "Dass ich auch mit internationaler Konkurrenz mithalten kann, habe ich schon mehrfach gezeigt. Das gibt mir Sicherheit. Egal, welche Namen neben mir stehen, ich brauche keine Angst zu haben."

In der Weltjahresbestenliste zogen zwar mittlerweile Sally Pearson und vier Amerikanerinnen an ihr vorbei, aber dafür blieb Hildebrand zuletzt regelmäßig unter 8,00 Sekunden. "Das ist eine sehr schöne Entwicklung", lobt Thomas Kurschilgen, der Sportdirektor des DLV. "Sie kann mit großem Selbstbewusstsein in Sopot antreten."

Sebastian Stiekel/dpa/end

insgesamt 10 Beiträge
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digidoctor 07.03.2014
1. Nicht Überfliegerinnen als Maßstab für die Masse nehmen
So funktioniert das nicht mit einer Förderung.
Turin 07.03.2014
2. Profisportler?
Ich dachte immer, dass die Bezeichnung "Profi..." immer dafür steht, dass man admit senen Lebensunterhalt verdient. Alles Andere ist IMHO Amateur-Leistungssport auf Spitzenniveau. Ich möchte die Leistung nicht herabwürdigen, eher im Gegenteil, schließlich verbindet sie den Beruf mit einem Hobby auf Weltklasseniveau, aber es ist nunmal was anderes als ein Profisportler, der 8h am Tag nichts anderes macht, und dafür Geld bekommt.
RainerCologne 07.03.2014
3.
Zitat von TurinIch dachte immer, dass die Bezeichnung "Profi..." immer dafür steht, dass man admit senen Lebensunterhalt verdient. Alles Andere ist IMHO Amateur-Leistungssport auf Spitzenniveau. Ich möchte die Leistung nicht herabwürdigen, eher im Gegenteil, schließlich verbindet sie den Beruf mit einem Hobby auf Weltklasseniveau, aber es ist nunmal was anderes als ein Profisportler, der 8h am Tag nichts anderes macht, und dafür Geld bekommt.
8h Sport am Tag ist äußerst unproduktiv, da man so in absolutes Übertraining gerät. Und scheinbar braucht weder ein Jurastudium noch eine Profisportkarriere die gesamte Aufmerksamkeit. Aber wie bereits erwähnt, man sollte einen Überflieger nicht als Maßstab nehmen.
alpenkraut 07.03.2014
4.
Diesen Bericht nehme ich zum Anlass mein Zeitmanagement zu optimieren, um das letzte aus mir herauszuholen.
FKassekert 07.03.2014
5. Medaille
in Sopot - nur weil die besten fehlen werden!
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