Staatsanwalt für Naziverbrechen Er sucht nach hunderttausendfachen Mördern

Staatsanwalt Jens Rommel fahndet 73 Jahre nach Kriegsende noch immer nach Mittätern aus Konzentrationslagern. Die Zeit wird knapp - alle sind über 90. Was treibt ihn an?

SPIEGEL ONLINE

Von , Ludwigsburg


Er liest Berichte von Zeugen, die beobachtet haben, wie Nazis Säuglinge und Kleinkinder gegen Wände oder Lastwagen schleuderten, um sie zu töten. Schilderungen von Menschen, die mit ansehen mussten, wie ihre Angehörigen brutal ermordet wurden. Er liest von Genickschussanlagen und Gaskammern, von der massenhaften durchorganisierten Vernichtung von Menschen. Das ist seine Arbeit.

Seit drei Jahren leitet Jens Rommel, 46 Jahre alt, braune Locken mit grauen Strähnen, Spitzbart und dunkelgrauer Anzug, die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Eine bürokratische Bezeichnung für eine Behörde, deren Mitarbeiter sich mit den grausamsten Verbrechen der Menschheit beschäftigen.

"Manchmal schaue ich mir zu Hause 'House of Cards' oder 'Suits' an. Das hilft mir, mich in Trance zu versetzen", sagt Rommel. "Manchmal steige ich auch auf mein Fahrrad und fahre eine Runde um Ludwigsburg. Der Verkehr lenkt mich ab", sagt er.

Rommel ist einer der letzten Nazijäger in Deutschland. Mit dem NS-Generalfeldmarschall Erwin Rommel ist er weder verwandt noch verschwägert, wie er nicht müde wird zu betonen. Mit seinen sieben Ermittlern sucht Jens Rommel nach Menschen, die in Konzentrationslagern gearbeitet und sich dadurch an hunderttausendfachen Morden mitschuldig gemacht haben.

Seit dem Urteil gegen John Demjanjuk, einem Wachmann im Vernichtungslager Sobibór, im Jahr 2011, sind nicht nur diejenigen ins Visier der Ermittler geraten, die direkt an den Tötungen beteiligt gewesen waren. Damals hatte das Landgericht München II entschieden, dass auch der Dienst als Wachmann ausreicht, um wegen Beihilfe zum Mord verurteilt zu werden. Der Bundesgerichtshof übernahm diese Argumentation. Seitdem suchen Rommel und seine Kollegen nach all jenen, die dazu beigetragen haben, die Tötungsmaschinerie am Laufen zu halten.

Die Zentrale Stelle
  • SPIEGEL ONLINE
    Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen wurde am 1. Dezember 1958 gegründet. Vorher wurde das Gebäude in Ludwigsburg als Frauengefängnis genutzt. Seit ihrer Gründung hat die Zentrale Stelle mehr als 7600 Vorermittlungen geführt. Der Zentralen Stelle sind Richter, Staatsanwälte und Polizeibeamte zugewiesen, die mit ihrer Zustimmung aus den Ländern nach Ludwigsburg abgeordnet werden.

Rommels Büro ist voll von NS-Literatur: Ein Sammelband zu den Nürnberger Prozessen, Bücher über den SS-Staat, über Hitler, Massenerschießungen, Vernichtungslager. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Aktenberg, den er noch durcharbeiten muss. Und obwohl das Büro recht groß ist, riecht es ein bisschen muffig.

Die Ermittler aus Ludwigsburg haben die KZs unter sich aufgeteilt. Systematisch durchforsten sie Aufzeichnungen von Lagern, in denen die Nazis in einem bestimmten Zeitraum systematisch Menschen getötet haben. Rommel ist für Dachau zuständig. Er und seine Kollegen reisen zu Archiven in Polen, Russland, in die USA, nach Südamerika sowie zu den KZ-Gedenkstätten, um Akten und Beweise zu finden.

Sie durchforsten Gehaltsnachweise, Beförderungs- und Versetzungslisten, Krankmeldungen, Auszeichnungen, Nachweise über Uniformausgaben. Alles, um herauszufinden, wer in welchem KZ wie lange im Einsatz war.

Dabei brauchen sie Geschick, kriminellen Spürsinn und Akribie. Akribisch sein heißt etwa, herauszufinden, wer nach dem Krieg mit dem Schiff oder Flugzeug nach Argentinien ausgewandert ist, alle Passagierlisten anzufordern und Dutzende Kartons mit Einwanderungsunterlagen durchzugehen.

Die Ermittler können zwar keine Durchsuchungen mehr anordnen, keine Telefone mehr abhören, keine Handys orten, kaum noch Zeugen befragen. Aber sie können Informationen auswerten, Zusammenhänge finden, Puzzles zusammensetzen.

Fotostrecke

5  Bilder
Nationalsozialismus: Den letzten Nazis auf der Spur

In Excel-Tabellen listen sie ehemalige KZ-Mitarbeiter auf und überprüfen, ob sie noch am Leben sind, schauen, ob sie Rente bekommen oder in Einwohnermelde- oder Standesämtern auftauchen. Wenn ein möglicher Täter noch lebt, leitet Rommel den Namen an die zuständige Staatsanwaltschaft weiter, die anschließend die Ermittlungen einleiten sollte.

Allerdings dauert dies oft Monate, da sich Staatsanwaltschaften meist zuerst um diejenigen kümmern müssen, die in Untersuchungshaft sitzen. Bis es zu einem Prozess kommt, kann schon mal ein Jahr vergehen. "Zwei Behörden für denselben Fall - das ist sicher nicht der effektivste Weg", sagt Rommel.

Er kämpft nicht nur gegen die Bürokratie, sondern auch gegen die Zeit. Die noch lebenden ehemaligen KZ-Mitarbeiter sind mittlerweile zwischen 91 und 99 Jahre alt, von Tausenden leben nur noch Dutzende. "Wir finden im Jahr ungefähr 30 mögliche Täter, die noch leben", sagt er. "Zu 30 Auschwitz-Verfahren haben die Staatsanwälte fünf Beschuldigte angeklagt - zwei Angeklagte wurden verurteilt."

In den vergangenen Jahren waren das Oskar Gröning und Reinhold Hanning, ein Buchhalter und ein Wachmann in Auschwitz. Beide starben, bevor sie ihre Haft antreten konnten. Schon seit zehn Jahren kam kein Täter mehr ins Gefängnis. "Es ist frustrierend, wenn man sieht, wie viele Personen für eine Strafe in Betracht kommen und wie viele tatsächlich vor Gericht landen."

Verantwortung übernehmen

In seinem Büro hängt ein Bild von Don Quijote. Wie Cervantes' Held ist auch Rommel ein Idealist, der einen Kampf gegen die Windmühlen führt. Doch Rommel geht es gar nicht darum, gegen Riesen zu kämpfen oder alte, kranke Männer ins Gefängnis zu bringen. Es geht ihm darum aufzuklären. Das ist er sich als Staatsanwalt schuldig. Die Beteiligten sollen Verantwortung für ihre Taten übernehmen. "Das ist unsere Verpflichtung", sagt er.

Wie muss einer beschaffen sein, der so einen Job macht, der sich nur selten auszahlt, bei dem es kaum Erfolge gibt? "Ich muss mich ständig motivieren können", sagt Rommel. "Ohne unsere Arbeit hätten nicht so viele Menschen von Stutthof erfahren." Zwei Verfahren haben die Staatsanwälte gegen zwei ehemalige Mitarbeiter des Lagers in der Nähe von Danzig eingeleitet. Das erste hat gerade erst begonnen.

Rommel hatte sich schon im Studium mit Kriegsverbrechen beschäftigt, war in Karlsruhe bei der Terrorismusbekämpfung und zuletzt Staatsanwalt für Tötungsdelikte in Ravensburg, bevor das Justizministerium in Baden-Württemberg ihn fragte, ob er die Zentrale Stelle leiten wollte. Vier Tage lang dachte er darüber nach und entschied sich dann dafür. Er wollte Teil der Geschichte sein - oder besser: Teile der Geschichte wiedergutmachen.

NS-Aufarbeitung: Nazijäger mit Vergangenheit

Als er seinen Dienst in der Zentralen Stelle antrat, wurde er von einigen angefeindet, bekam sogar Morddrohungen. Auch jetzt noch wird er ab und zu bedroht und bekommt Zuschriften, in denen ihm vorgeworfen wird, "das deutsche Volk zu versklaven", "das Völkerrecht zu brechen" oder sich "der Juden-Tyrannei unterworfen" zu haben. "Das heften wir unkommentiert ab", sagt Rommel nüchtern. Angst habe er nicht, nur manchmal ein komisches Gefühl.

Ermittler, die ihre Arbeit abbrechen mussten

Wenn Rommel eine Pause braucht, dann holt er sich am anderen Ende des Gebäudes einen Kaffee. Er sagt, er sei süchtig danach. Auch jeden Nachmittag setzt er sich mit seinen Kollegen zusammen, trinkt Kaffee mit ihnen. Sie reden dann meist über etwas anderes als die Arbeit, über Fußball oder die Politik.

Der Zusammenhalt helfe sehr. Einmal im Jahr machen die Ermittler einen Betriebsausflug, schauen sich Städte an oder gehen wandern. Es gab schon Ermittler, die ihre Arbeit abbrechen mussten und sich wegbeordern ließen, weil sie das Grauen nicht aushielten. Rommel sagt, es sei gut, dass er sich nur Schwarz-Weiß-Bilder ansehen müsste. Das gebe ihm etwas Abstand.

Wenn in den nächsten Jahren irgendwann alle Täter gestorben sein werden, dann gibt es für Rommel nichts mehr zu tun in der Zentralen Stelle. Dann will er zurück zu den heutigen Verbrechen, zu den heutigen Mördern. Vielleicht wird er die Vergangenheit dann hinter sich gelassen haben. Vergessen wird er sie nie.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.