Cybercop-Ausbildung Nerds mit Dienstwaffe

Cybercops suchen Verbrechensspuren im Netz, doch die Handschellen legen die Beamten von der Kripo an. Bayern will nun Schluss machen mit dieser Aufgabenteilung: Computerfachleute lernen dort klassische Polizeiaufgaben. Auf der Akademie sind sie die Ältesten - und müssen ins Judo-Training.

Florian Meyer-Hawranek

Von Florian Meyer-Hawranek


So sieht es aus, wenn aus Nerds Polizisten werden: Ein Mann mit schwarzem T-Shirt und weiter Trainingshose schlägt auf sein Gegenüber ein. Doch der packt den Arm, dreht sich, wirft den Angreifer elegant über die Hüfte. Laut ächzend landet der Angreifer auf der Matte. "Wenn wir den Störer am Boden abgelegt haben", ruft der Judo-Trainer den beiden zu, "gehen wir mit unserem ganzen Gewicht nach." Ein Knie bohrt sich in einen Oberarm, das Ächzen und Stöhnen wird lauter.

Hier in der Judohalle des Polizei-Ausbildungszentrums Sulzbach-Rosenberg, tief in Bayerns Provinz, trainieren die neuen bayerischen Netzpolizisten. Extra für sie hat die Polizei eine Sonderlaufbahn eingerichtet. 24 Männer und eine Frau, alle IT-Experten, absolvieren seit etwa einem Jahr einen Schnellkurs für "Computer- und Internetkriminalisten", wie die Cybercops in der Amtssprache heißen. Die Bewerber müssen technisch versiert sein und einige Jahre Berufserfahrung als Informatiker oder Systemadministratoren mitbringen. So stand es in der Ausschreibung, die 2011 an Informatiklehrstühlen verteilt wurde und im Internet kursierte.

IT-Spezialisten aus der freien Wirtschaft hat die bayerische Polizei zwar schon vorher beschäftigt. Jetzt sollen die Quereinsteiger aber verbeamtet werden und Polizei-Aufgaben übernehmen. Dazu gehört auch, dass sie Handschellen, Pfefferspray und eine Dienstwaffe bekommen. Und weil die zukünftigen Internetpolizisten als Kommissare auch außerhalb des Webs ermitteln werden, müssen sie zum Training - wie Siniša, ein sportlicher Mann Anfang 30 mit Glatze.

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Seinen vollen Namen will Siniša nicht in den Medien lesen, so wie seine Kollegen auch. Nach einem Informatikstudium hat er als Dozent an einer Hochschule gearbeitet. Irgendwann hatte er genug davon, immer Einführungsveranstaltungen zu halten, und wechselte er zur Polizei. Jetzt muss er in seiner Ausbildung regelmäßig in die Judohalle. "Unser Werkzeug ist zwar letztlich unser Computer", erklärt Siniša, "aber wir sind Vollzugsbeamte. Deswegen üben wir Selbstverteidigung und lernen auch zu schießen." Außerdem bekommen die ehemaligen Informatiker eine juristische Grundausbildung.

Die Rolle als Internetermittler in den Reihen der Polizei reizt Siniša, "weil wir mehr sein wollen und mehr sein werden als die üblichen tastaturklimpernden Beamten". Als Online-Fahnder will Siniša helfen, Netzganoven zu jagen. Dabei kommt ihm seine IT-Ausbildung zugute. Er ist technisch versiert und mit dem Internet aufgewachsen. Das Netz begreift er als Teil seines Lebens und nicht als rechtsfreie Tauschbörse, wie manche seiner Polizei-Kollegen. "Mit unserer Denkweise können wir neue Ermittlungsansätze in unsere Dienststellen einbringen", sagt Siniša. Ein ehemaliger Informatiker könne Vorgehensweisen vorschlagen, auf die ein normaler Polizist mangels Fachkenntnis nicht kommt.

Immer mehr Verbrecher betreiben ihr Geschäft im Netz

Dass Netzermittler wie Siniša gebraucht werden, zeigt der Bericht "Cybercrime 2010" aus dem Bundeskriminalamt. Denn je mehr sich der Alltag vieler Bürger ins Web verlagert, desto attraktiver wird es auch für Kriminelle: Dem Bericht zufolge ist die Zahl der Straftaten im Netz 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent gestiegen. Fast die Hälfte der Fälle betrifft Betrügereien wie das Ausspähen von Online-Datenbanken. Mehr als 60 Millionen Euro erbeuteten Internetkriminelle demnach; den gesamten Schaden schätzt das Bundeskriminalamt noch viel höher.

Polizisten auf Streife gehören in Deutschland zum Straßenbild. Im Internet dagegen fahnden bislang wenige Beamte nach Verbrechern: Im Bayerischen Landeskriminalamt suchen gerade einmal elf Kommissare nach Hackerangriffen, extremistischen Websites oder Anleitungen zum Bombenbau. Jetzt bekommen sie neue Kollegen. Eingesetzt werden die Spezialisten aber nicht nur im Landeskriminalamt, sondern im ganzen Freistaat: zur Abwehr von Industriespionage, wenn die Seiten der Staatsregierung angegriffen oder Bankdaten geklaut werden, nicht zuletzt im Kampf gegen Kinderpornographie.

Auf dem Polizeicampus in der bayerischen Provinz fallen Siniša und seine neuen Kollegen auf: Die Cybercops tragen keine Uniform und sind älter als die anderen Polizeianwärter. Alle haben sie schon einige Jahre gearbeitet - wie Stefan, der sich um die IT-Sicherheit einer Behörde gekümmert hat. Er warnt, dass Verbrechen im Netz immer einfacher werden: "Heute gibt es viel mehr Programme, die auch Leute ohne informatikspezifisches Wissen bedienen können." Deshalb müsse die Polizei reagieren.

Anfang Juli wird es ernst, dann gehen die neuen Netzermittler in ihre Dienststellen in ganz Bayern. Danach entscheidet sich, ob die Polizei das Pilotprojekt fortsetzt und bald noch mehr Informatiker im Crashkurs zu Kommissaren macht. Gebraucht werden sie bestimmt.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Florian Meyer-Hawranek (Jahrgang 1982) arbeitet als Münchner Journalist für Print und Online, Radio und Fernsehen. Seine Themen sind Politik, Netzkultur, Lateinamerika. Einen Informatikkurs hat er während seiner Schulzeit auch belegt, aber bereits nach der ersten Stunde entnervt aufgegeben.
  • Mehr auf www.meyerhawranek.de

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Seite 1
prontissimo 20.06.2012
1. Dass aber noch niemend vor ihm zu dieser bahnbrechenden Erkenntnis
Zitat von sysopFlorian Meyer-HawranekCybercops suchen Verbrechensspuren im Netz, doch die Handschellen legen die Beamten von der Kripo an. Bayern will nun Schluss machen mit dieser Aufgabenteilung: Computerfachleute lernen dort klassische Polizeiaufgaben. Auf der Akademie sind sie die ältesten - und müssen ins Judo-Training. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,839988,00.html
gelangt ist: ""Heute gibt es viel mehr Programme, die auch Leute ohne informatikspezifisches Wissen bedienen können." Deshalb müsse die Polizei reagieren. Das kann ja heiter werden wenn solche Koniferen jetzt auf die Cyberkriminellen losgelassen werden.
mindcrime 20.06.2012
2.
Zitat von prontissimogelangt ist: ""Heute gibt es viel mehr Programme, die auch Leute ohne informatikspezifisches Wissen bedienen können." Deshalb müsse die Polizei reagieren. Das kann ja heiter werden wenn solche Koniferen jetzt auf die Cyberkriminellen losgelassen werden.
Sie meinen die Nadelhölzer der griechische Tragödie? ;)
Spiegelwahr 20.06.2012
3. Ressourcenverschwendung
Das ist Ressourcenverschwendung, wenn man 24 IT-Spezialisten für ganz normale Polizeiaufgaben einsetzen will. Man könnte auch sagen, das Bayern die Internetkriminalietät für nicht so ernst hält, dass man IT-Spezialisten für ganz normale Festnahmen einsetzen will und damit deren wertvolle Zeit verschwenden will. Bekommen jetzt die Streifenpolizisten eine IT Spezialausbildung, damit sie mehr können als die normalen Computernutzer. Wenn Entscheider keine Ahnung haben von Computern, Internet und deren Funktionen und Aufbau, dann kommen eben wunderliche Entscheidungen und Anweisung heraus. Es wär besser, diese Entscheider sich erst mal kundig machen über die Arbeit der IT-Spezialisten bevor sie ihre Arbeit so geringschätzen. IT-Spezialisten sind keine Supermännner und wollen auch keine sein. Ihr wichtigstes Werkzeug ist ihr Gehirn und nicht die Schusswaffe, dass kann man den anderen Polizisten beruhig überlassen.
m--s--g 20.06.2012
4.
Zitat von mindcrimeSie meinen die Nadelhölzer der griechische Tragödie? ;)
Nein, er wollte uns nur mit seinem Fremdwortschatz imprägnieren ;-)
maros 20.06.2012
5. Ein IT Fuzzi pro Dienststelle
Zitat von sysopFlorian Meyer-HawranekCybercops suchen Verbrechensspuren im Netz, doch die Handschellen legen die Beamten von der Kripo an. Bayern will nun Schluss machen mit dieser Aufgabenteilung: Computerfachleute lernen dort klassische Polizeiaufgaben. Auf der Akademie sind sie die ältesten - und müssen ins Judo-Training. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,839988,00.html
Mindestens ein IT Fuzzi je Dienstelle wäre von Nöten, wenn das mal nennenswerte Effekte haben soll. Die ITler würden nicht selbst direkt ermitteln sondern Hand in Hand mit den eigentlichen Bul.. äh. Dings, wie heißen die? :-) sowie als Gutachter und Berater im entsprechenden Fachbereich sowie Schnittstelle zu Providern, Telco´s, Staatsanwaltschaft etc. Damit wäre deren Know How wohl am besten eingesetzt. Anstelle mit einer Waffe umherzuballern. Alleine durch den x-%igen einzusparenden externen Beratungsbedarf würde sich das sogar ordentlich rentieren.
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