Skurriles Mitarbeitergespräch "Ich bin zuversichtlich, gegen Bestechung zu wehren"

Kennen Sie zehn Restaurants in der Nähe der Firma? Haben Sie Ausstrahlung, treiben Sie Sport? Das und mehr wollte der Chef einer asiatischen Firma von allen Mitarbeitern in Deutschland wissen - die waren völlig verblüfft.

Von Silvia Dahlkamp


Die Mail ging an einem Donnerstagmittag über den großen Firmenverteiler an alle Mitarbeiter, vom Lageristen bis zum Manager. Der Sales-Direktor der kleinen Dependance einer asiatischen Firma in Norddeutschland kündigte die jährlichen Mitarbeitergespräche an. Im Anschreiben stand auch ein ungewöhnlicher Satz mit der sprachlich herausfordernden Bitte: "Please fill in this ,Qualikikationsbericht' and give it me back on Monday!"

Es war der Auftakt zu einer Reihe höchst ungewöhnlicher Personalgespräche. Dass diesmal alles anders war, wurde den Mitarbeitern spätestens klar, als sie auf die Word-Datei im Anhang klickten.

Zuvor hatten sich die Jahresgespräche stets sachlich und professionell allein ums Geschäft gedreht - Umsatzsteigerung, Zielvereinbarungen, Bonuszahlungen. Nun aber sollten die Angestellten zwei DIN-A4-Bögen mit 20 seltsamen Fragen ausfüllen, die sich wie ein Charaktertest einer zweifelhaften Dating-Agentur lasen, dazu mit vielen Rechtschreibfehlern.

Ja oder Nein sollten die Mitarbeiter jeweils ankreuzen, und zwar alle: Sekretärinnen, Informatiker, Sachbearbeiter im Innen- und Außendienst, Manager. Die Fragen lauteten zum Beispiel: "Ich bekleide mich stets korrekt & ordentlich." - "Ich kenne mindestens 10 gute Restaurants in der Nähe der Firma."

Und auch das Leben nach Feierabend wurde abgeklopft: Haben Sie Hobbys? Was sind Ihre Lebensziele? Wie viele Zeitungen und Zeitschriften lesen Sie täglich / wöchentlich? Mit einer Frage versuchte der Chef aus Fernost sogar, mögliche kriminelle Abgründe seiner Untergebenen zu ergründen: "Ich bin zuversichtlich, gegen Bestechung und Versuchung zu wehren." Ja oder nein - ein Häkchen galt es zu setzen.

Zwei Arbeitstage blieben der Belegschaft, bis alle Bögen korrekt ausgefüllt auf dem Schreibtisch der Chefsekretärin liegen sollten. Nicht etwa anonym, wie es üblich ist, wenn ein Vorgesetzter die Stimmung in der Firma ausloten will: Auf dem Zettel gab es eine Extrazeile für den Namen, aber keinen Platz für Vorschläge und Kommentare.

Arbeitsrechtlich ist fast keine dieser Fragen erlaubt. "Wie viel Sport jemand macht, wie er sich kleidet, welche Restaurants er kennt - alles, was privat ist, geht den Arbeitgeber nichts an", sagt Michael Tolksdorf, Fachanwalt für Arbeitsrecht in der Dortmunder Kanzlei Himmelmann und Pohlmann. Trotzdem ging der Plan des Chefs auf. Drei Viertel aller Mitarbeiter äußerten sich auch zu ihren privaten Wünschen und Plänen.

"Herzhaft lachen und abhaken"

"Sie hatten Angst, dass sie sonst den Job verlieren", sagt ein Angestellter, der nicht genannt werden will. Er beantwortete nur die dienstlichen Fragen und strich alle anderen einfach durch: "Was hat das Restaurant mit meiner Arbeit zu tun? Wer da einen Zusammenhang herstellt, hat nicht mehr alle Latten am Zaun."

Eigentlich sollen Personalgespräche die Motivation steigern, die Zusammenarbeit verbessern und für ein besseres Betriebsklima sorgen. Doch hier ging der Schuss nach hinten los. Was tun? Managementberater Rüdiger Klepsch rät: "Einmal herzhaft lachen, den Konflikt meiden, zum Schein antworten und abhaken." Offensichtlich seien zwei unterschiedliche Arbeitskulturen zusammengeprallt. Der Fall sei so abstrus, dass sich ein Konflikt nicht lohne.

In der norddeutschen Firma empfing einige Tage später der Chef einen der Rebellen im Büro und schaute übelgelaunt aufs Papier. Sportfrage - durchgestrichen. Kleiderfrage - ohne Antwort. "Ich habe kein gutes Verhältnis zu meinem Chef" - Auskunft verweigert.

Man hatte sich nicht viel zu sagen, nach einer halben Stunde war das Treffen beendet. Über Ziele und Bilanzen wurde nicht gesprochen, schon gar nicht über den Satz hinter Ziffer 9: "Mit Problem gehe ich oft zuerst zu meinem Vorgesetzten, um Rat zu fragen." Diese Frage hatte sich nach all den anderen von selbst erledigt.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.



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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
hapebo 27.02.2015
1. Herr Scheef.....
So etwas nennt man dummdreist.Aber wo kein Klaeger auch kein Richter.Man muss sich nicht alles gefallen lassen.Also Rueckrat zeigen bei solchen Vorgesetzten.
marthaimschnee 27.02.2015
2.
Was hier lustig wirkt, wird sehr schnell ziemlich ernst, wenn die Mitarbeiter aus Angst vor Repressalien oder Arbeitsplatzverlust statt auf das durckmäuserische Beantworten harmloser Fragen Verletzungen von Arbeitsschutz oder Arbeitszeitgesetzen hinnehmen. Und daß letzteres rapide zunimmt, entnehme ich der etwas überraschten Reaktion meiner Hausärztin, als sie sich letztens über meine Schichtarbeitszeiten erkundigte, deren gesetzeskonforme Gestaltung wohl mittlerweile in einigen Unternehmen nicht mehr so ganz selbstverständlich ist. An der Stelle sollte sich die Politik, allen voran die SPD mal fragen, welche Büchse der Pandora sie damit geöffnet haben, den Arbeitnehmern mit ihrem Hartz-Terror Furcht von dem Arbeitsplatzverlust zu machen.
garfield 27.02.2015
3.
Nun ja, ich hätte ebenfalls nur die dienstlichen Fragen beantwortet und irgendwo schon noch Platz für den dezenten Hinweis auf die Unzulässigkeit der anderen Fragen gefunden. Wäre ich aber in einer Situation, wo meine Brötchen partout nur an diesem Job hängen, hätte ich die andern Fragen im Stile von "4x Sport? Aber ja, mindestens", "10 bekannte Restaurants? Aber ja, mindestens" beantwortet. Sollte es zu Nachfragen kommen, weil man ja so ein Hotshot ist, kann man seinen "Irrtum" ja für jeden nachgefragten Punkt sukzessive reduzieren.
garfield 27.02.2015
4.
---Zitat von sysop--- Ich bin zuversichtlich, gegen Bestechung zu wehren ---Zitatende--- Apropos: Wäre bei einer chinesischen Firma nun "Ja" oder "Nein" die falsche Antwort?
comtom 27.02.2015
5.
Kann man mal sehen wie die Wirtschaft und Politik heute wirkt. Alles mitmachen und kuschen nur um den erbärmlichen Job nicht zu verlieren über den man jeden morgen flucht.
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