Älterwerden im Beruf Gehirnjogging? Bringt nix

Manche gehen mit Mitte 50 in die mentale Frührente, andere drehen auf. Neuropsychologe Martin Meyer erklärt, wie man im Job fit bleibt, warum Motivation viel bewirkt - und Gehirntraining wenig.

Ein Interview von Bärbel Schwertfeger


Zur Person
  • Martin Meyer (Jahrgang 1968) ist Professor am Psychologischen Institut für Lernen und Plastizität des gesunden Alterns an der Universität Zürich.
KarriereSPIEGEL: Plötzlich fällt einem das Passwort für den Computer nicht mehr ein, oder der Name des neuen Kollegen ist weg. Sind das schon Anzeichen dafür, dass das Hirn altersmäßig abbaut?

Meyer: Nein, das muss nicht unbedingt altersbedingt, sondern kann auch eine Folge von Stress sein. Nur das weiß man eben nicht. Tatsache ist, dass die Gehirne von gesunden Menschen ab dem 60. Lebensjahr zum Teil erhebliche Anzeichen des Abbaus von Gehirnsubstanz und andere degenerative Spuren aufweisen. Das gehört einfach zum normalen Alterungsprozess. Dennoch treffen wir bei unseren Studien auf viele ältere Menschen, die bemerkenswerte kognitive Leistungen zeigen.

KarriereSPIEGEL: Wie lässt sich das erklären?

Meyer: Man weiß heute, dass das Gehirn kein statisches Gebilde ist, sondern sich bis ins hohe Alter verändert und umbaut, um einem drohenden Leistungsabbau entgegenzuwirken. Es gibt also so etwas wie eine kognitive Reserve, um unsere geistigen Fähigkeiten noch länger zu erhalten. Denn unser Gehirn ist kein Computer, sondern ein neuronales Netzwerk. Man kann das mit dem S-Bahn-Netz von Berlin vergleichen: Da gibt es stark befahrene Hauptverbindungen, langsame Nebenstrecken und etliche Umsteigebahnhöfe. Solche Knotenpunkte haben wir auch im Gehirn. Dort werden die Informationen verteilt. Mit zunehmendem Alter beginnen sich jedoch einige dieser Verteilerknoten aufzulösen. Die Informationen müssen sich daher andere Wege suchen. Manchmal dauert es dann länger, um ans Ziel zu kommen.

KarriereSPIEGEL: Man braucht also mehr Geduld?

Meyer: Vor allem mehr Gelassenheit und weniger Hysterie. Wir sind nun mal Menschen, keine Maschinen, die man einfach reparieren kann, indem man ein Ersatzteil einbaut. Wir reagieren psychologisch. Wir stellen fest, dass etwas nicht mehr funktioniert, und bekommen Angst. Die wirkt dann oft wie eine zusätzliche Bremse. Wenn mir eine Telefonnummer nicht mehr einfällt, sollte ich daraus keinen Staatsakt machen, sondern das akzeptieren und sie eben auf einen Zettel schreiben.

KarriereSPIEGEL: Können wir dank kognitiver Reserve künftig alle länger arbeiten?

Meyer: Nein, Unternehmen müssen sich vom Gedanken verabschieden, dass man alle mitziehen kann. Es gibt keine allgemein gültige Regel. Mit zunehmendem Alter geht die Schere innerhalb einer Altersgruppe immer weiter auf. Manche verabschieden sich schon mit Mitte 50 in die mentale Frühpension, die kann man auch nicht mehr zurückholen. Andere blühen mit 65 erst richtig auf und promovieren oder lernen eine neue Sprache.

KarriereSPIEGEL: Es kommt also auch auf die Motivation an?

Meyer: Die Bedeutung von Motivation, Neugier und persönlicher Identifikation mit dem Beruf kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. In unseren Studien zum gesunden Altern hatten wir mit einem 80-Jährigen zu tun, der beim Tempo der Informationsverarbeitung - also einem klassischen Indikator für kognitives Altern - viel besser abschnitt als manche unserer Master-Studierenden. Als Grund dafür gab er an, dass ihn Lernen und Neues immer noch fasziniere. Motivation und ein höheres Selbstwertgefühl können sich unmittelbar positiv auf die kognitiven Leistungen auswirken und damit zur Fitness des Gehirns im Alter beitragen.

KarriereSPIEGEL: Was ist mit einem Gehirntraining - hilft das?

Meyer: Mittlerweile erhärtet sich die Erkenntnis, dass die kommerziellen Gehirnjoggingangebote immer nur bestimmte kognitive Leistungen verbessern. Wer Sudokus trainiert, kann danach besser Sudokus lösen - mehr nicht. Das überträgt sich nicht auf andere kognitive Fähigkeiten wie Gedächtnisleistungen, Problemlösefähigkeiten oder logisches Denken. Viel besser ist es, wenn man sich immer wieder neuen Situationen und Herausforderungen stellt. Das Leben ist das beste Training.

KarriereSPIEGEL: Profitieren Ältere nicht auch stärker von ihrer Erfahrung?

Meyer: Viele Tätigkeiten im beruflichen Alltag erfordern Konzentrations- und Willensstärke und die Fähigkeit, aus vorhandenen Fakten abstrakte Schlüsse ziehen zu können, um möglichst rational und sachlich zu entscheiden. Das alles entspricht jedoch nicht unbedingt den Stärken des Gehirns, das sich in seinen Urteilen oft von Gefühlen, subjektiven Interpretationen und individuellen Erfahrungen leiten lässt. Ältere profitieren von ihren beruflichen Erfahrungen, da ihr Gehirn Parallelen und Vergleiche zu ähnlichen Situationen in der Vergangenheit ziehen kann.

KarriereSPIEGEL: Welche Rolle spielt körperliche Bewegung für gesundes Altern?

Meyer: Das Hirn braucht Sauerstoff und Nährstoffe, dazu ist es auf einen guten Kreislauf angewiesen. Studien zeigen, dass ein Training Einfluss auf die kognitive Fitness im Alter hat. Die beste Prophylaxe ist dabei eine körperliche Betätigung auf moderatem Level, also zum Beispiel Nordic Walking, Radfahren oder Tanzen. Kurz: Alles, was für das Herz gut ist, tut auch dem Gehirn gut. Allerdings sind wir alle Sklaven unserer Gene. Wenn ich eine Veranlagung zu neurodegenerativen Erkrankungen habe, hilft mir das Training nur wenig. Dann bin ich mit Mitte 70 vielleicht körperlich total fit, aber dement.

KarriereSPIEGEL: Das klingt ernüchternd.

Meyer: Ich mag einfach diese Altersverherrlichung nicht. Es hilft doch niemandem, wenn man so tut, als sei das Altern eine tolle Herausforderung, die man mit viel Freude annehmen muss. Das kann vielleicht für eine Minderheit gelten, aber nicht für die Mehrheit der Berufstätigen.

  • Helga Kaindl
    Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Bärbel Schwertfeger. Sie ist freie Journalistin in München.



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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
spiegelleser-wissen-wenig 12.02.2015
1.
Leider scheint der Interviewpartner auch etwas dement. Er vergisst, die externen Faktoren zu erwähnen, die sehr stark negativ auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns auswirken, wie z.B. Schwermetalle(Quecksilber aus Amalgam, Blei) oder Lösungsmittel. Vielleicht verschweigt er diese jedoch auch absichtlich und schiebt alles auf die Gene. Auf jeden Fall sollte er sich mit den Begriffen 'Ursache' und 'Wirkung' beschäftigen. Für hohe Motivation ist sicher ein gesundes Gehirn notwendig.
Kal-El 12.02.2015
2. Alt werden
Ich bin 45 Jahre alt und finde jetzt schon, dass Altwerden der allerletzte Scheiß ist. Eben nix für Feiglinge, wie Joachim Fuchsberger sagte. Zipperlein werden immer mehr. Eine falsche Bewegung und schon fährt es einem in den Nacken, in den Rücken oder wohin auch immer. Ein permanentes Abschiednehmen von liebgewonnenen Gewohnheiten. Ich kann da nichts Tolles dran erkennen...
scottbreed 12.02.2015
3. Ja stimmt
alt werden ist nix erstrebenswert. nur wenn man nen haufen Geld hat und sich jeden Tag im eigenen Haus das rundumsorglos pflegepacket leisten kann B-) dann ja.. aber für die Masse an Menschen endet es meist ins pfegekz.. wo man totgepflegt und abgezockt wird..
Yoroshii 12.02.2015
4. Der Frühling steht vor der Tür!
Und ihr interviewt einen Zeralterungsexperten, der uns das sagt, was wohl zutrifft. An anderer Stelle zerstört man mir in SPON, mein gutgehegte Hoffnung, dass Alkohol mein Gehirn zerstöre - unweigerlich. Eine Forschergruppe habe herausgefunden, dass das, was andere Forschergruppen herausgefunden haben, Nonsense sei. Der Winter ist auch nicht mehr das , was er mal war. Er sieht immer älter aus. Bald hat er als Synonym für den Tod ausgedient. Angeblich hat Goethe damals gerufen: "Mehr Licht!" Ich werde rufen: "Mehr Wein!"
nettes Gespräch 12.02.2015
5.
Zitat von spiegelleser-wissen-wenigLeider scheint der Interviewpartner auch etwas dement. Er vergisst, die externen Faktoren zu erwähnen, die sehr stark negativ auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns auswirken, wie z.B. Schwermetalle(Quecksilber aus Amalgam, Blei) oder Lösungsmittel. Vielleicht verschweigt er diese jedoch auch absichtlich und schiebt alles auf die Gene. Auf jeden Fall sollte er sich mit den Begriffen 'Ursache' und 'Wirkung' beschäftigen. Für hohe Motivation ist sicher ein gesundes Gehirn notwendig.
vielleicht liegt es auch daran, dass sich der Interviewpartner im Gegensatz zu Ihnen TATSÄCHLICH mit dem Thema auskennt und weiß, dass diese Stoffe zwar auf das Gehirn wirken WÜRDEN, wenn man in HOHEM Maße mit ihnen in Kontakt käme, was aber bei den meisten Menschen nicht der Fall ist. Wer weiß...
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