Moderne Top-Manager "Wer bist du? Und wofür brennst du?"

Eckraum-Büro mit bester Aussicht? Passt nicht mehr zu ihrem Führungsstil. Fünf Chefs erzählen, was sie als ihre Aufgabe begreifen - und was sie jungen Talenten heute bieten müssen.

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Flache Hierarchien, Vorgesetzte, die sich wie Mentoren verhalten, und stetige persönliche Weiterentwicklung: So wünschen sich junge Arbeitnehmer ihr Arbeitsumfeld. Doch nicht nur die Ansprüche der Mitarbeiter ändern sich, auch die Chefs befinden sich im Wandel.

Herkömmliche Insignien der Macht wie fette Dienstwagen und Eckraumbüros mit feinster Ledergarnitur gibt es zwar noch, aber vor allem junge Führungskräfte setzen nicht mehr darauf. Stattdessen teilen sie sich Büros oder verzichten sogar ganz auf feste Arbeitsplätze.

Hier erzählen Chefs, wo sie arbeiten, wie sich der Umgang mit den Mitarbeitern verändert hat - und was sie jungen Talenten bieten müssen, damit diese ihnen treu bleiben.

Frank Jorga, CEO des Fintech-Unternehmens WebID Solutions

Frank Jorga
SPIEGEL ONLINE

Frank Jorga

"Ein großes Auto und ein großes Büro - das waren mal Statussymbole für Top-Manager. Aber damit kann ich gar nichts anfangen. Ich bin extrem viel unterwegs. Hätte ich ein eigenes Büro, würde das die meiste Zeit leer stehen. Deshalb setze ich mich zum Arbeiten mit meinem Laptop einfach in die Konferenzräume. Unsere Firma hat vier Standorte in Deutschland, und wir haben sie danach ausgewählt, dass sie leicht mit der Bahn zu erreichen sind.

Ich glaube, Top-Manager sind generell sehr viel uneitler geworden. Natürlich gibt es immer noch Firmen, in denen es undenkbar wäre, dass der Chef mitten zwischen den Mitarbeitern sitzt. Aber in modernen Unternehmen wird das völlig akzeptiert und vielleicht sogar schon erwartet. Denn auch die Anforderungen an Manager haben sich verändert.

Früher galt es, ein Unternehmen möglichst zugeknöpft zu repräsentieren. Je größer das Büro, desto größer das Ansehen. Heute beziehen Manager ihr Ansehen aus dem, was sie zu sagen haben. Wir sitzen auf Panels, diskutieren, streiten - und dabei spielt auch das Alter keine Rolle mehr. Ein 30-Jähriger kann Schlaueres zu sagen haben als jemand, der schon seit 30 Jahren im Geschäft ist. Die Digitalisierung hat alte Rollenmuster überholt. Und mir selbst ist es viel wichtiger, in solchen Diskussionsrunden einen wertvollen Beitrag zu leisten, als mit einem teuren Wagen vorzufahren oder Besucher in einem schicken Büro zu empfangen.

Neue Ideen entstehen nicht hinter verschlossenen Türen. Mir sind die besten Einfälle bisher immer unterwegs gekommen. Ich arbeite weitgehend papierlos, brauche weder Aktenschränke noch Büroklammern. Und wenn ich telefoniere, dann nur im Gehen - der Fitness wegen. Da lege ich an einem Tag im Konferenzraum schon mal bis zu acht Kilometer zurück. Das macht auch den Kopf frei."

Stephan Derr, Vorstand des Büromöbelherstellers Steelcase

Stephan Derr
Steelcase

Stephan Derr

"Das Streben nach traditionellen Statussymbolen nimmt ab, das beobachte ich schon seit einiger Zeit. Jungen Bewerbern ist es wichtiger, den neuesten Rechner zu kriegen als einen Dienstwagen oder ein großes Einzelbüro. Auch für mich zählen andere Aspekte bei der Arbeit: Ich möchte die Wahl haben, ob ich gerade auf einem Drehstuhl sitzen will, am Tisch stehen oder lieber auf der Couch liegen. Es gibt ja viele verschiedene Arbeitssituationen - warum sollte man also zum Beispiel bei einem Telefonat nicht auch mal die Füße hochlegen dürfen? Dafür haben wir hier Rückzugsräume, die allen Mitarbeitern offenstehen.

Ich teile mir mit den Geschäftsleitungskollegen ein Büro im ersten Stock. Klar, ganz oben wäre es heller und die Aussicht schöner, aber dafür senden wir so ein wichtiges Signal an unsere Mitarbeiter: Wir sind ansprechbar. Und wenn ich von einem Mitarbeiter erwarte, dass er in einem Großraumbüro arbeitet, muss das auch für mich als Führungskraft gelten."

Annett Polaszewski-Plath, Deutschlandchefin der Ticketing- und Eventplattform Eventbrite

Annett Polaszewski-Plath
Matti Hillig/ Eventbrite

Annett Polaszewski-Plath

"Die Tech- und Start-up-Branche ist häufig millennialfreundlicher als die alte Industrie. Aber auch bei uns reichen freie Snacks, Obst und Süßigkeiten, Chill-out-Areas, Team-Catering und Wellness-Voucher am Arbeitsplatz längst nicht mehr aus, um Mitarbeiter zu halten. Das Wichtigste ist mittlerweile: Es braucht ein Umdenken im Führungsstil - weg von Hierarchien, hin zu Führung als Coaching, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt und fragt: Wer bist du? Wohin möchtest du? Wofür brennst du? Da steht Deutschland noch am Anfang.

Ich habe zum Beispiel kein eigenes Büro, sondern sitze im Team. So bin ich räumlich anwesend und sende das Signal: Kommt gern vorbei und sprecht mich an. Mit Kontrolle hat das nichts zu tun, im Gegenteil: Es geht eben nicht darum, ob meine Mitarbeiter Überstunden machen oder früher gehen oder sich abends noch mal zu Hause hinsetzen - der Output ist wichtig, und nicht die Zeit, in der man seine Aufgaben schafft."

Andreas Bierwirth, CEO T-Mobile Österreich

Andreas Bierwirth
Marlena König/T-Mobile Austria

Andreas Bierwirth

"Wir teilen uns in der Geschäftsleitung zu viert ein Büro - und zwar nicht im obersten Stock des Gebäudes, sondern in der Mitte. Da treffen wir die meisten Mitarbeiter, und das passt zu unserem Stil der flachen Hierarchien und der Agilität. Die Zeiten, in denen Chefs nur in Einzelbüros in der höchsten Etage mit dem schönsten Blick anzutreffen waren, sind vorbei. Die Geschwindigkeit des heutigen Arbeitens ist auch zu hoch, um verträumt aus dem Fenster zu schauen.

Natürlich gibt es Situationen, in denen es wichtig ist, einen Rückzugsraum zu haben. Aber dafür gibt es Besprechungszimmer. Ein freies muss man erst suchen - das ist der Nachteil. Aber das ist mir zehnmal lieber, als isoliert von den anderen zu sitzen. Wir schreiben zum Beispiel kaum noch E-Mails. Das ist nicht mehr nötig, wenn man direkt beisammensitzt.

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Auch bei den jüngeren Mitarbeitern haben Einzelbüros ihren einstigen Stellenwert längst verloren. Flexible Arbeitszeitmodelle und das neueste Smartphone sind für sie wichtiger - und die Herausforderung ist, sie überhaupt noch ins Büro zu kriegen. Die meisten wollen am liebsten im Café oder im Homeoffice arbeiten."

Thomas Becker, Goldschmied aus Hamburg

Thomas Becker
Saskia Giebel, Hamburg

Thomas Becker

"Wenn Goldschmiedinnen schwanger sind, werden sie normalerweise sofort freigestellt, da in unserem Beruf mit fruchtschädigenden Chemikalien gearbeitet wird. Ich habe mich jedoch dazu entschieden, meinen Betrieb so umzustellen, dass keiner der Mitarbeiter zu keinem Zeitpunkt einem Risiko ausgesetzt ist. Ich bin seit 1997 selbstständig, habe derzeit sechs Mitarbeiterinnen. Seit ungefähr zehn Jahren verfolge ich eine familienfreundliche Personalpolitik, dafür wurde mein Atelier schon von der Stadt Hamburg ausgezeichnet.

Eine Mitarbeiterin brachte ihren Sohn, als er noch Säugling war und sie noch keinen Kita-Platz hatte, mit zur Arbeit. Und wenn wir außerhalb der Arbeitszeit Besprechungen oder Termine haben, bezahlt die Firma den Babysitter, und auch unseren Steuerberater dürfen Mitarbeiter mit jungen Familien kostenfrei nutzen. Ich unterstütze es zudem, wenn meine Mitarbeiter Sabbaticals machen oder sich nebenher weiterbilden möchten.

Natürlich sind das erst mal Kosten für den Betrieb, aber was ist die Alternative? Ein gutes Arbeitsklima ist mir wichtig, und ich möchte, dass sich die Leute weiterentwickeln und nicht nur Dienst nach Vorschrift machen. Meine Mitarbeiter schätzen das, sind loyal, und ich vertraue ihnen - was in einem Geschäft mit Edelmetallen und Edelsteinen überaus wichtig ist. Und wir haben kaum Krankheitsausfälle, zwei bis drei Tage pro Jahr und pro Mitarbeiter sind viel."



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Barças Superstar 01.03.2018
1. Uneitel ?
SPON-Zitat: "Top-Manager sind generell sehr viel uneitler geworden." Wo ist denn generell? Im Zeitalter höherer Mediendichte ist es ja auch ratsam, nicht so sehr zu protzen. Wenn weniger Eitelkeit auch zu besseren Ergebnissen führt, dann ware das ja ein Schritt in die gewünschte Richtung. Das ist aber Theorie! Auch wenn Selbstoptimierung einen nachweislich negativen Gesamtnutzen erzeugt, solange es den eigenen Nutzen mehrt, wird verantwortungslos gehandelt. Der Mensch handelt immer nach den Konsequenzen für sich selber, die er hinter seinem Handeln vermutet. Ein Blick in die Tierwelt zeigt, dass Alphatiergehabe nicht verschwinden wird. Es kommt also auf wirksame Kontrollmechanismen an, nicht auf den Glauben an Verantwortung.
bidebotchi 01.03.2018
2. Auf dem richtigen Weg
Grundsätzlich alles gute Ansätze. Leider flächendeckend aber immer noch die Ausnahme, auch wenn die genannte Entwicklung spürbar ist. Hoffen wir dass diese nun schnell voranschreitet, auch wenn sich Deutschland als masochistische Malocherhochburg im Vergleich zu anderen Ländern immer noch relativ schwer damit tut.
Nordstadtbewohner 01.03.2018
3. Vorsicht Eigenwerbung!
Ich denke, dass viele der Chefs, die sich im Artikel zu den Veränderungen der Arbeitswelt machen, hauptsächlich Eigenwerbung machen. Wer wirklich mit solchen Unternehmen zu tun hat, wird schnell merken, dass zwischen der Kommunikation nach außen und dem Handeln im Unternehmen selbst oft große Unterschiede bestehen. Das trifft meines Erachtens besonders bei Frau Annett Polaszewski-Plath hervor. Zum Artikel: Ich denke, man kann auch heute noch einen großen Dienstwagen fahren, aber dennoch mit einfachen Beschäftigten an einem Tisch sitzen und diskutieren.
t_mcmillan 01.03.2018
4. Sie stellen es als Fortschritt dar...
Aber in Wirklichkeit klingt das alles nur nach mehr Stress. Was glauben sie denn, warum die Leute lieber im Homeoffice arbeiten? Weil sie da Ruhe haben. Der Goldschmied und seine Ansätze beeindruckt mich.
j2011 01.03.2018
5. Und was wird aus den jungen, dynamischen Mitarbeitern
wenn sie denn mal über 55 Jahre alt sind? Sind die dann immer noch so smart und innovativ, wie sie jetzt tun? Es gibt Talente und nicht so talentierte Leute, aber alle müssen für ihr Brot arbeiten. Das Sofa neben dem Schreibtisch macht noch keine Idee, auch wenn sich noch so viele Besserwisser darauf lümmeln. Für Ideen braucht es helle Köpfe, egal ob hinter verschlossenen Türen oder als Team im Großraumbüro.
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