Katholisches Dorf Schwuler Lehrer zieht Bewerbung als Rektor zurück

Er ist bestens qualifiziert, erfahren, beliebt. Und er war der einzige Bewerber. Die Stelle als Rektor einer niedersächsischen Grundschule hatte ein Bremer Lehrer schon in der Tasche. Bis Dorfbewohner erfuhren, dass er evangelisch ist - und schwul.

Schwules Paar beim Tanz: In Berlin normal, in Rechterfeld weniger
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Schwules Paar beim Tanz: In Berlin normal, in Rechterfeld weniger


Bürgermeister, Lehrer und Eltern, alle waren sich einig: Dieser Bremer Lehrer ist der ideale Rektor für die Grundschule in Rechterfeld, einem Ort der Gemeinde Visbek im Oldenburger Münsterland. Einige Dorfbewohner aber sahen es offenbar anders, denn der Kandidat ist evangelisch und homosexuell - und im niedersächsischen Rechterfeld sind gut drei Viertel der 1200 Einwohner katholisch. Einige äußerten offenbar Bedenken, daraufhin verzichtete der Bewerber.

Die Grundschule in Rechterfeld ist ein unauffälliger Zweckbau aus Backstein, eine katholische Schule in Trägerschaft der Gemeinde. Alle Kinder des Dorfes gehen hin, egal, welcher Konfession sie angehören. Der Bremer Lehrer war der einzige Kandidat für den Posten des neuen Rektors. Die Gesamtkonferenz der Schule hatte sich bereits für ihn ausgesprochen, auch die Eltern waren einverstanden.

"Riesenschweinerei gegen einen sehr sympathischen Menschen"

Dann aber erhielt der katholische Gemeindepfarrer Hermann Josef Lücker nach eigenen Angaben mehrere Anrufe von Bürgern, die sich über die Nominierung des schwulen Lehrers beschwerten. "Die Anrufer haben Bedenken geäußert, die man respektieren muss", sagte er der "Nordwest-Zeitung". Lücker betonte aber, er selbst habe "keine Probleme mit einem schwulen Evangelen".

Der Zeitung zufolge informierte Lücker den Lehrer über die Anrufe, woraufhin dieser seine Bewerbung zurückzog. "Wir bedauern diesen Schritt sehr", sagt Susanne Strätz, Sprecherin der niedersächsischen Landesschulbehörde. Bei der Auswahl der Bewerber spiele die sexuelle Orientierung keine Rolle, "wir sind froh über jeden geeigneten Bewerber". Die Stelle des Rektors soll nun im Juni neu ausgeschrieben werden, einen Ersatz werde man aber wohl erst im Laufe des neuen Schuljahres finden, so Strätz weiter.

Schützenhilfe vom Schützenverband

Wie der NDR berichtet, soll es am Donnerstagabend ein gemeinsames Gespräch im Visbeker Rathaus geben. Dabei wollen Bürgermeister und Schulvorstand den Pädagogen überreden, die Stelle doch anzutreten. Rechterfelds Schulelternratssprecherin Elke Meyer-Pundsack nannte die Affäre "eine Riesenschweinerei gegen einen sehr sympathischen Menschen". 99 Prozent aller Eltern wollten den Bremer als Schulleiter.

Selbst der Vorsitzende der katholischen Schützenbrüderschaft St. Antonius bekundete seine Solidarität: "Nur, weil ein paar Leute ein Problem damit haben, dass der Bewerber schwul und evangelisch ist, müssen wir nicht auf einen fähigen Schulleiter verzichten", sagte Markus Dorissen-Wesjohann der "Nordwest-Zeitung".

Dass der Bremer doch noch Rektor in Rechterfeld wird, scheint aber unwahrscheinlich. Für eine positive Entscheidung sei mittlerweile zu viel kaputt gegangen, sagte der Lebensgefährte des Lehrers, der in Rechterfeld wohnt - die Affäre schlucke einfach zu viel Energie.

vet/dpa

insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
janne2109 03.05.2012
1.
da regen wir uns über die Amerikaner vom platten Land auf, hier ist es doch genauso.
mangeder 03.05.2012
2.
Rechterfeld? nomen est omen ;)
gruenewiese 03.05.2012
3. Verquere Sicht
Homophobe und religiöse Vorurteile muss man respektieren? Wohl kaum!! Das ist auch im Grundgesetz klar geregelt.
herkurius 03.05.2012
4.
Wenn die nicht wollen, dass ihre Kinder tolerant, aufgeklärt und unter einem guten Rektor aufwachsen, wird der Bewerber sicher woanders auch einen guten Job finden ... lasst sie doch in dem Ort, von dem noch nie jemand gehört hat, so bleiben, wie sie sind und schon im Mittelalter waren!
cs01 03.05.2012
5.
Zitat von gruenewieseHomophobe und religiöse Vorurteile muss man respektieren? Wohl kaum!! Das ist auch im Grundgesetz klar geregelt.
Da kennen Sie aber das Grundgesetz aber nicht. Ich kann so viele Vorurteile haben, wie ich will, auch gegen Religionen und sexuelle Orientierungen. Das ist die Freiheit, die mir das Grundgesetz gibt. Und diese Vorurteile darf ich auch frei äußern. Was ich nicht darf, ist jemanden aus diesen Gründen zu dikriminieren. Das hat hier auch niemand. Der Kirchenvorstand, die Schulkonferenz und die Eltern wollten den Lehrer. Er wäre also eingestellt worden.
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