Legendärer Hallig-Bote Fiede Nissens letzte Post

37 Jahre lang brachte Fiede Nissen Briefe und Pakete mit dem Boot auf die Halligen. Nun geht er in Rente. Sein Nachfolger muss sich erst mal ein Handy zulegen - nur für den Notfall.

DPA

Ein bisschen Wehmut ergreift Marianne Nahmsen in diesen Tagen, wenn sie mit ihrem gelben Postauto den Fähranleger Schlüttsiel in Schleswig-Holstein ansteuert: Fiede Nissen, 64, die Postschiffer-Legende, geht Ende des Monats in Rente. Nach 37 Jahren und sechs Monaten. 20 Jahre davon hat Frau Nahmsen ihn als "Hallig-Postzubringerin" begleitet, ihm Pakete und die gelben Kisten mit Briefen an Bord seines Schiffes gereicht.

"Der Abschied fällt schon schwer", sagt sie. Zeit für einen Schnack über Nissens Kinder und Enkel habe es öfter gegeben. Jetzt wünsche sie ihm mehr Zeit für seine Hobbys.

1977 hat Nissen seine erste Hallig-Tour für die Post gefahren. An sechs Tagen pro Woche versorgt er noch bis kommenden Dienstag die Halligen Langeneß, Oland, Gröde und Habel mit Briefen und Paketen, die er vom Festland holen musste. Warum er Postschiffer wurde? "Ich hatte gerade geheiratet und da war nichts anderes frei." Die Post fragte an und Nissen sagte zu. Die erhoffte Festanstellung bekam er nicht, stattdessen einen Werkvertrag. Seither arbeitet er als selbstständiger Transportunternehmer.

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Um die 11.600-mal hat Nissen die Tour grob geschätzt absolviert, nur etwa hundert Fahrten mussten wegen Sturm ausfallen. Im Laufe der Jahre wurde er von vielen Journalisten begleitet, darunter Fernsehteams aus Japan oder von der BBC. Und einmal kam Rudi Carrell samt TV-Team zum Überraschungsbesuch nach Schlüttsiel. Carrell sprang aus einem Paket heraus: "Moin, Fiede." Nissen ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. "Auf einmal springt der Kerl aus dem Deckel raus und hält mir ein Mikrofon vor das Gesicht", sagte er später in einem Interview.

Nissens Nachfolger ist zwar 17 Jahre jünger als der angehende Rentner - mit seinem wettergegerbten Gesicht und dem Rauschebart könnte man Johann Petersen, 47, aber für Nissens Bruder halten. Dem Vater von sechs Kindern ist der Respekt vor der Arbeit anzumerken. Nissen sei schon einzigartig, sagt er. Etwa wie er Schnee und Eis weggeschoben habe, um die Post auch dann zu den Halligen zu bringen, wenn mit dem Schiff kein Weiterkommen war.

"Ich hab's im Kreuz, da passt die Rente ganz gut"

Wie Nissen ist Petersen ein Hallig-Bewohner, er stammt von der Marschinsel Oland. Mit seiner Frau Irina, mit der er seit 28 Jahren verheiratet ist, bewirtschaftet Petersen 65 Hektar auf Langeneß und vermietet Ferienwohnungen. Außerdem pflegt er seinen Onkel. Irina Petersen freut sich, dass ihr Mann Postschiffer geworden ist. "Die Arbeitsmöglichkeiten auf Langeneß sind rar gesät."

Ein bisschen mulmig werde ihr aber vermutlich schon werden, wenn ihr Mann bei Wind und Wetter auf dem Meer unterwegs sei, sagt die gebürtige Schwäbin. Ihren Mann ficht das Wetter nicht so sehr an. "Daran sind wir Hallig-Bewohner gewöhnt." Dennoch, ein Handy werde er sich jetzt wohl zulegen müssen, sagt Petersen. Für den Notfall, denn Funk hat sein umgebauter Kutter "Robbe" nicht.

Fiede Nissen hat sich derweil für sein Rentnerdasein viel vorgenommen. "Ich werde Hausmeistertätigkeiten machen, wir vermieten an Feriengäste." 20 Kühe sind zu pflegen, und dann sind da noch Tourismus- und Bauausschuss. Den Friesenverein leitet Nissen und die Theatergruppe auch.

Traurig sei er nicht, dass er jetzt in Rente gehe, sagt er, auch wenn er natürlich den Kontakt zu den Bewohnern der anderen Halligen vermissen werde. "Ich hab's im Kreuz, ich hab's am Herzen, so gesehen passt das jetzt ganz gut."

Birgitta von Gyldenfeldt,dpa/ant

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
fort-perfect 28.09.2014
1. Das Beste
Das Beste ist, dass sich sein Nachfolger Johann Petersen erstmal ein Handy zulegen muss.... Daran kann man sehen, dass ein Leben ohne Handy bisher wohl möglich war.....
hooverphonic 28.09.2014
2. Ich hätte noch einen sowohl lukrativen als auch bewegungsarmen Job für ihn
Er könnte wunderbar als "Käpt'n Iglo" in der Werbung auftreten. Vielleicht kommt ja Iglo auf die gleiche Idee wie Ferrero, sein Konterfei dann für die neuen Fischstäbchen-Packungen zu verwenden (inkl. bundesweiter Aufschrei wie bei der kinder-Schokolade). Wer weiß...
m.w.r. 28.09.2014
3. Postwertzeichen
Vorschlag. Friede Nissen auf ein Postwertzeichen.
ketzerei 28.09.2014
4. Das Ende einer Aera.
Dem alten und dem neuen Schiffer Gesundheit, Glueck und allzeit ne Handbreit Wasser unterm Kiel!
georg_lm 28.09.2014
5. Das ist lebensgefährlicher Unsinn!!!
Zitat: "Dennoch, ein Handy werde er sich jetzt wohl zulegen müssen, sagt Petersen. Für den Notfall, denn Funk hat sein umgebauter Kutter "Robbe" nicht." Bitte nicht solche gefährlichen Ansichten weiterverbreiten! Ein Mobiltelefon ist im Seenotfall ungeeignet: Erstens funktioniert ein Mobiltelefon nicht überall, sondern nur innerhalb einer Funkzelle. Zwar kann es in Landnähe noch eine gewisse Abdeckung geben, aber darauf kann man sich nicht verlassen. 2.: Bei einem Seenotfall ist es wichtig, daß die in der Nähe befindlichen Schiffe alarmiert werden. Die bekommen aber (zunächst) nichts davon mit, wenn jemand mit Mami zuhause (oder meinetwegen der Seenotleitung in Bremen) per Handy telefoniert. 3.: Selbst wenn man z.B. wegen Motorschadens so weit abtreibt, daß sogar UKW-Funk nicht mehr zur Küste reicht, hat man mit einem Seefunkgerät immer noch die Möglichkeit, andere Schiffe zu erreichen. Immerhin ist die Deutsche Bucht eines der am meisten befahrenen Seegebiete der Welt. 4.: Ein Mobiltelefon kann SEHR viel schlechter als UKW-Seefunk und nur mit großem technischen Aufwand angepeilt werden. 5.: Selbst wenn eine Rettungsaktion noch im Einzugsbereich einer Funkzelle stattfinded ist es besser, wenn man den Havaristen per UKW-Seefunk erreichen kann. (Ansonsten müßte jeder Helfer erst mal die Telefonnummer des Verunglückten übermittelt bekommen.) Außerdem ist es besser, wenn ALLE möglichen Helfer ALLE ausgetauschten Informationen mithören und so automatisch immer auf dem neuesten Stand sind. 6. Wenn man möchte, daß es im Notfall schnell und ohne Mißverständnisse geht, dann sollte man sich an die INTERNATIONAL für Seenotfälle festgelegten Prozeduren halten. Mobiltelefone kommen dabei aus gutem Grund nicht vor. 7. Es gibt mobile UKW-Seefunkgeräte, die nicht nur wasserdicht, sondern sogar schwimmfähig sind. So etwas ist für den rauhen Einsatz in kleinen Booten mit Sicherheit besser geeignet als die meisten Handies. Fest eingebaute Geräte haben andererseits den Vorteil, daß sie über das Stromnetz des Bootes versorgt werden, also im Zweifelsfall länger durchhalten (und mit höherer Leistung funken können). 8. Ein halbwegs neuzeitliches UKW-Seefunkgerät kann auf Knopfdruck einen digitalen, international genormten Notruf aussenden, der Uhrzeit, eine Kennungg zur Identifikation des Schiffes und vor allem die aktuelle, per GPS ermittelte Position enthält. Ein solcher Notruf löst bei allen empfangenden Funkgeräten automatisch Alarm aus. Damit hat jedes Schiff in Funkreichweite auch gleich die Koordinaten der Unfallstelle - ohne daß diese umständlich, zeitraubend und möglicherweise fehlerhaft mündlich durchgesagt werden müssen. Selbst z.B. ein Einhandsegler, der gerade mit Segelmanövern beschäftigt ist und deshalb bei Alarm nicht sofort ans Funkgerät gehen kann, kann einige Minuten später die Position der Unfallstelle auf dem Display seines Funkgerätes ablesen; die empfangenen Daten bleiben dort automatisch gespeichert. Also: Ganz dringende Bitte: Funkschein (mindestens SRC) machen und UKW-Funke anschaffen! Solche Funkgeräte kosten WENIGER als ein durchschnittliches Smartphone...
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