Fakten zum Azubi-Markt Jetzt mal Tacheles, lieber Lehrling!

Alle wollen Tierpfleger werden, niemand Koch. Die Hälfte der Hauptschulabgänger hat nach 15 Monaten keine Lehrstelle. Und in welchen Jobs gibt es die einsamsten Azubis? Das Lehrjahr hat begonnen - die wichtigsten Fakten.

Von Helene Endres und Pauline Schinkels

Friseur-Ausbildung: Immer noch das Schlusslicht beim Gehalt
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Friseur-Ausbildung: Immer noch das Schlusslicht beim Gehalt


Pünktlich zum Ausbildungsstart jammern sie wieder alle. Die Firmen, weil es nicht genügend passende Bewerber gibt. Und die jungen Bewerber, weil noch immer viele von ihnen leer ausgehen.

Um bei dem ganzen Hin und Her den Überblick zu behalten, haben wir für Sie die wichtigsten Fakten zur dualen Berufsausbildung in Deutschland zusammengetragen.

  • 80.000 Azubis fehlen

2013 blieben im Industrie- und Handelsbereich 80.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Von den Betrieben, die nicht alle Lehrstellen besetzen konnten, lagen jedem fünften überhaupt keine Bewerbungen vor.

  • 214 Euro Lohn - oder doch lieber 877?

Die Lehrlinge, die am wenigsten verdienen, sind Friseure im Osten: Im ersten Lehrjahr bekommen sie laut Tarifvertrag 214 Euro brutto - im Westen immerhin 374 Euro. Besser verdient man in körperlich besonders fordernden Berufen: beispielsweise als Maurer, als Fliesen-, Platten- und Mosaikleger. Sehr gut verdienen auch Elektroniker, 877 Euro im ersten Lehrjahr.

  • Qual der Wahl

330 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe von Änderungsschneider bis Zweiradmechatroniker gibt es aktuell.

  • Frisch ausgestorben

Und die hier gibt es seit dem 1. August 2014 offiziell nicht mehr: die Ausbildungsberufe Kaufmann oder Fachangestellter für Bürokommunikation sowie den Bürokaufmann. Und wer soll die ganze Arbeit jetzt machen? Alle drei Berufe werden zukünftig vom Kaufmann für Büromanagement übernommen - so die Bezeichnung des offiziellen Nachfolgeberufs der Ausbildungsgänge. 2010 wurde der Emailschriftenmaler zu Grabe getragen (bei dem ging es nicht darum, elektronische Briefe kunstvoll zu verzieren, sondern um das Bemalen von Schildern mit Ornamenten, Bildern und Schriften), 2013 der Fotolaborant.

  • Stehvermögen

Jeder vierte Ausbildungsstarter löste 2012 vorzeitig seinen Vertrag auf. Das Risiko sinkt aber mit der Größe des Betriebs - je mehr Kollegen der Azubi hat, desto eher schließt er seine Ausbildung regulär ab.

  • Bitte haben Sie noch etwas Geduld

Besonders lange suchen Jugendliche mit maximal einem Hauptschulabschluss nach einem Ausbildungsplatz. 15 Monate nach Abschluss hat die Hälfte von ihnen noch immer keine Lehrstelle gefunden.

  • Klein-, Groß- oder mittlere Betriebe - wer bildet am meisten aus?

Klassischerweise waren es immer Großbetriebe, die in Deutschland die Mehrheit der Ausbildungsplätze gestellt haben, also Unternehmen, die mehr als 250 Mitarbeiter beschäftigen. Bis 2011. Da drehte sich das Verhältnis, wenn auch nur knapp. In dem Jahr bildeten deutschlandweit erstmals mittelgroße Betriebe (50 bis 249 Beschäftigte) die meisten Azubis aus.

  • Die einsamsten Azubis

Drahtwarenmacher, Schleifer, Silberschmied, Wachszieher - das sind nur Beispiele für Ausbildungsberufe, in denen man als Lonesome Rider unterwegs ist. Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag wurde in diesen Berufen 2013 bundesweit jeweils nur eine Person ausgebildet.

  • Von der Hauptschule in die Lehre

Drei von vier Ausbildungsanfängern im Handwerk hatten 2012 einen Hauptschulabschluss.

  • Irgendwas mit Tieren

Besonders stark nachgefragt: der Ausbildungsberuf zum Tierpfleger. Auf 100 freie Azubi-Stellen kamen 2010 im Schnitt 217 Bewerber. Händeringend gesucht wird hingegen bei Köchen. Auf 100 freie Stellen kamen hier nur 82 Bewerber.

  • Erfolglos trotz Abi

2013 hatten 17,5 Prozent der Lehrstellensuchenden in den ostdeutschen Bundesländern Abitur und fanden trotzdem keinen Ausbildungsplatz. In den westdeutschen Bundesländern waren es sogar 26,1 Prozent. Allein in Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der erfolglosen Bewerber mit Abi im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent.

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insgesamt 74 Beiträge
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Kometenhafte_Knalltüte 16.09.2014
1. *Schenkelklopfer*
"... Die Ausbildungsberufe Kaufmann, Fachangestellter für Bürokommunikation sowie den Bürokaufmann gibt es nicht mehr. ... Alle drei Berufe werden zukünftig vom Kaufmann für Büromanagement übernommen..." *Lach* Na DAS ist ja mal eine notwendige Änderung gewesen. Hauptsache im Name kommt jetzt irgendwas mit Management vor! Klingt so hip, modern, englisch und wichtig.
chris4you 16.09.2014
2. Jetzt mal Tacheles
zu den offenen Stellen, meine Damen! Wäre das nicht der ideale Zeitpunkt die gut dotierten Stellen von unten von Mädchen aufrollen zu lassen? Frauen an die Lehrlingsfront, statt für ein paar Damen die gut bezahlten Quotenjobs. Wieso nicht jetzt Werbung machen, meine Damen, auch die Damen vom Wohlfühlministerium... Köchin und Elektrikx sollten wohl drin sein, und allemal besser bezahlt als Friseuse... Nicht immer Rosinen picken, Lehrligx (Er/Sie/Es), oder wie erklären Sie die 80.000 offenen Stellen und (diesmal in % angegebenen?) Zahl der Lehrlingxse ohne Ausbildungstelle...
nixkapital 16.09.2014
3. Dass...
...in den "blühenden Landschaften" sich noch jemand für EUR 214,00 zur Friseurin ausbilden läßt, kommt einem Wunder gleich. Klar - Lehrjahre sind keine Herrenjahre, aber muss man die Leute gleich verhungern lassen? Dann nach der Lehre gleich zum Aufstocken: EUR 7,50 als Mindestlohn locken. Macht EUR 1,200 brutto. Macht z.B. in Greifswald ca. EUR 920,00 netto (Single, keine Kinder) Bei einer Miete von 370 EUR gibt's dann noch EUR 75,00 vom Amt dazu, damit man sich bei einem Vollzeitjob über Wasser halten kann.
zerr-spiegel 16.09.2014
4. Abiturienten
Und was hatten die vorher gemacht? Schon mal ein oder auch zwei Ausbildungen und/oder Studiengänge abgebrochen? Klar, das die keiner will. Erinnert mich an die Ausbildungskollegin meiner Bekannten. Abi, Studium 1 (abgebrochen), ein paar Monate Entspannung, Ausbildung 1 (abgebrochen), wieder etwas Selbstverwirklichung, Ausbildung 2 (abgebrochen), Europatrip zur Selbstfindung, Studium 2 (abgebrochen), dann Ausbildung 3 (keine Ahnung, ob die noch dabei ist, habe meine Bekannte schon einige Zeit nicht mehr gesehen). Die "junge" Dame war zu Beginn ihrer 3. Ausbildung schon 28, verheiratet und hatte Kinder. Immerhin hat's Abi dafür gereicht.
cabeza_cuadrada 16.09.2014
5. ja seltsam....
Zitat von nixkapital...in den "blühenden Landschaften" sich noch jemand für EUR 214,00 zur Friseurin ausbilden läßt, kommt einem Wunder gleich. Klar - Lehrjahre sind keine Herrenjahre, aber muss man die Leute gleich verhungern lassen? Dann nach der Lehre gleich zum Aufstocken: EUR 7,50 als Mindestlohn locken. Macht EUR 1,200 brutto. Macht z.B. in Greifswald ca. EUR 920,00 netto (Single, keine Kinder) Bei einer Miete von 370 EUR gibt's dann noch EUR 75,00 vom Amt dazu, damit man sich bei einem Vollzeitjob über Wasser halten kann.
und obwohl das ja nun seit Jahren bekannt ist, wollen immer noch sehr viele diesen "brotlosen" Beruf ergreifen.
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