Neue Studie Viele Migranten arbeiten für Niedriglöhne - trotz hoher Qualifikation

Wer zuwandert, hat Arbeitsmarktprobleme - und die sind umso größer, je besser qualifiziert jemand ist. Das zeigt eine neue Studie. Ganz besonders hakt es bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse.

Zuwanderer bei der Ausbildung am Schweißbrenner in Ingolstadt (Archivbild)
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Zuwanderer bei der Ausbildung am Schweißbrenner in Ingolstadt (Archivbild)

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128 Millionen Menschen leben als Migranten in den 36 OECD-Staaten, innerhalb der EU sind es rund 58 Millionen. Auf dem Arbeitsmarkt müssen sie im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung massive Nachteile in Kauf nehmen: höhere Arbeitslosigkeit, weniger staatliche Unterstützung - und wenn es Jobs gibt, dann sind es häufiger welche im Niedriglohnsektor.

Die Qualifikation der Zuwanderer ist dafür nur teilweise eine Erklärung. Denn tatsächlich sind mehr als ein Drittel der Migranten hoch qualifiziert - und damit ist der Anteil höher als in der einheimischen Bevölkerung. Das zeigt eine Integrationsstudie der EU und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die beim Uno-Migrationsgipfel in Marrakesch vorgestellt wurde.

Details zur Integrationsstudie
Was wurde untersucht?
Für die Studie wurde die Situation von Migranten und Zuwanderern in den Staaten der EU und der OECD untersucht. Im Mittelpunkt standen dabei die sozioökonomischen Lebensumstände, die Arbeitsmarktsituation, die soziale Integration sowie die Frage, wie sich Geschlecht und Alter bei der Lebenssituation bemerkbar machen.
Sind die Ergebnisse repräsentativ?
Die Studie basiert auf Daten der nationalen Statistikbehörden. Die Ergebnisse gelten wegen der breiten Datenbasis als repräsentativ, auch wenn die Autoren schreiben, dass der Vergleich nationaler Daten "eine echte Herausforderung" sei.
Wer hat die Studie erstellt?
Die Integrationsstudie ist ein gemeinsamer Bericht der Europäischen Union (EU, 28 Mitgliedstaaten) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD, 36 Mitgliedstaaten). Beide Organisationen haben sie zusammen in Auftrag gegeben.

In Deutschland arbeiten dem Bericht zufolge deutlich mehr Migranten in Jobs für gering Qualifizierte als im internationalen Vergleich. Während im Durchschnitt der EU und der OECD ein Viertel dieser Jobs von Zuwanderern ausgeübt wird, sind es in Deutschland 40 Prozent. Das entspricht auch den Werten von Österreich, Schweden und Norwegen. Noch höher ist der Anteil mit über 60 Prozent in der Schweiz und in Luxemburg.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:

  • Die Zahl der gut und sehr gut qualifizierten Migranten liegt im Schnitt der 36 OECD-Staaten bei 37 Prozent - und damit höher als bei der einheimischen OECD-Bevölkerung (32 Prozent). Beide Gruppen sind in den vergangenen zehn Jahren um sieben Prozentpunkte gewachsen.
  • Innerhalb der OECD sind 38 Prozent der Migranten gering oder gar nicht qualifiziert; für die einheimische Bevölkerung liegt dieser Wert mit 33 Prozent etwas niedriger.
  • 56 Prozent der neu Zugewanderten besuchen in den OECD-Staaten einen Sprachkurs. Der Wert liegt in den nordeuropäischen und in den deutschsprachigen Ländern deutlich höher, nämlich bei 70 Prozent. Dass Deutschland insbesondere Flüchtlingskinder besonders gut fördert, hatte zuletzt auch der Unesco-Weltbildungsbericht festgestellt.
  • Zuwanderer haben öfter Angst um ihren Job (48 Prozent im Vergleich zu 42 Prozent bei einheimischen Arbeitnehmern). Und auch gesundheitlich werden sie benachteiligt: "In allen Europäischen Ländern besteht für Migranten, unabhängig von ihrer Qualifizierung, ein höheres Risiko als für Einheimische, einen Job zu bekommen, der gesundheitsgefährdend ist", schreiben die Autoren der Studie.

Die schlechteren Jobchancen von Zuwanderern führt der Bericht auf strukturelle Gründe zurück: "Fast jeder Arbeitsmarkt innerhalb der OECD benachteiligt fremde Abschlüsse", heißt es in der Studie. So sei innerhalb der EU die Beschäftigungsrate von Migranten mit Nicht-EU-Zeugnissen noch einmal 14 Prozentpunkte niedriger als von Zuwanderern, die einen EU-Abschluss mitbringen.

Studie: Zahl der Fachkräfte aus dem Ausland steigt langsam an

EU-weit seien 2,9 Millionen hochgebildete Migranten für ihre aktuellen Jobs überqualifiziert. Weitere 2,4 Millionen aus dieser Gruppe sind demnach sogar von Arbeitslosigkeit betroffen. Damit schaden sich die aufnehmenden Länder letztlich selbst, heißt es in dem Bericht.

OECD-Generalsekretär Angel Guerría forderte die Mitgliedsländer auf, die Qualifikation von Zuwanderern gezielter zu nutzen und ihnen damit neue Chancen zu eröffnen: "Es bleibt viel zu tun, wenn es um die Erschließung des bisher ungenutzten Potenzials von Migranten für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den Aufnahmeländern geht."

Im Video: Flüchtlinge bei Porsche

SPIEGEL TV

mit Material von AFP



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hansriedl 10.12.2018
1. Qualifikation
Um welche hoch qualifiziert Migranten geht es bei Menschen die, aus den Mittelalterlichen Afrika kommen. Die meisten im Alter zwischen 20u. 30 müssen erstmal die Sprache lernen. Viele Schulbildung nachholen. Danach für Jahre in die Lehre. Wenn sie es schaffen und gut qualifiziert sind haben gerade noch ein paar Jahre den Beruf auszuüben, dann sind sie im Alter wo Firmen anfangen zu kündigen weil zu alt. Migranten die gut qualifiziert sind und gewillt sind gute Arbeit zu leisten werden sicherlich nicht so schnell gekündigt. Firmen die Leute entlassen tun es meist um die Spreu vom Weizen zu trennen. Keine Firma wird gute Mitarbeiter kündigen, ohne das es nötig ist.
MichaelundNilma 11.12.2018
2. Qualifikation und Anspruch
Die Frage muß erlaubt sein, ob die in einem anderen Land erlangte Qualifikation unsere Ansprüche erfüllen kann. Ein Jurist aus einem anderen Land hat dort zwar eine hohe Qualifikation, hier ist er aber vollkommen unnütz. Ein Arzt welcher nicht Deutsch spricht, kann schwerlich hiesige Patienten behandeln. Unser Berufsausbildungssystem unterscheidet sich elementar von der Ausbildung in anderen Ländern. Neben der schulischen Ausbildung gehört die praktische Ausbildung nicht nur dazu, sondern sie hat auch den größten Anteil an der Ausbildungszeit. In Frankreich wird eine Technikerausbildung an der Uni absolviert. In Deutschland bedarf es dazu zunächst einer Facharbeiterausbildung, anschließend 5 Jahre Praxis und danach 3 Jahre Technikerschule. Welche Qualifikation ist nun in diesem Fall höher. Der Uniabschluß oder der Abschluß ohne Unibesuch ? Allein aus diesem Grund gibt es keine vergleichbaren Abschlüsse. Baccelor – und vergleichbare Masterabschlüsse sollten zwar der gleichen Qualifikation entsprechen, aber es fehlen die fachspezifischen Sprachkenntnisse.
wolfabc 11.12.2018
3.
Der Studie nach sind mehr als ein Drittel der Migranten hoch qualifiziert und EU-weit sollen 2,9 Millionen hochgebildete Migranten in Jobs stecken, für die sie überqualifiziert sind. Aha, das wusste ich nicht. Vor allem aber kann ich das für Deutschland nicht nachvollziehen. Unsere Flüchtlinge kommen hauptsächlich aus Ländern wie Iran, Irak, Syrien und Afghanistan, deren Ausbildungs- und Bildungssysteme nicht das beste und mit den unseren nicht zu vergleichen sind. Die Güte der Abschlüsse würde ich deshalb von vorn herein anzweifeln. Und dass diese angeblich hoch gebildeten und hoch qualifizierten Flüchtlinge keine oder keine der Qualifikation angemessenen Arbeit finden, ist eher ein Hinweis darauf, dass es mit diesen Abschlüssen nicht weit her sein kann. Denn gerade gut ausgebildete Fachkräfte werden hierzulande händeringend gesucht. Wenn Unternehmer diese Menschen nicht einstellen, muss das also einen Grund haben, der nicht nur in mangelnden Sprachkenntnissen zu finden sein dürfte. Und selbst wenn es stimmen sollte, dass da mit dem einen Drittel lauter Facharbeiter und Ingenieure zu uns gekommen sind, denen man nur aus lauter Boshaftigkeit oder wegen dummen Bürokratismus die Anerkennung verweigert, verbleiben zwei Drittel, die kaum etwas Brauchbares mitbringen. Die Studie zeigt somit Potenziale, die in Wahrheit gar nicht zu finden sind.
max-mustermann 11.12.2018
4.
Immer wieder putzig wie naiv die Deutschen doch sind. Als die Wirtschafft damals über die Flüchtlinge jubelte war absolut jedem der eins und eins zusammen zählen kann klar das es ihr ausschließlich um billige Arbeitskräfte ging. Lohndrückerei ist nun mal das Kerngeschäft der deutschen Unternehmen.
ostseekuestenbewohner 11.12.2018
5. Fachkräftemangel?
Prinzipiell würde ich Studienabschlüsse aus Syrien oder Iran nicht, wie ein Vorredner" per se als minderwertig einschätzen. Das Problem ist in meinen Augen die (u.a. durch die OECD geforderte) Akademisierung. Was in Deutschland fehlt sind Handwerker, d.h. Facharbeiter oder billige Arbeitskräfte. Lokal mag es Mangel an Studierten, was aber z.T. auch an schlechter Bezahlung bzw. schlechten Arbeitsbedingungen liegt. Der berühmt berüchtigte Fachkräftemangel ist (wie in dem gestrigen SPON-Artikel zum Jobprotokoll eines Headhunters) eher Gerede. Um nochmal auf die Qualifikation zurückzukommen. Nach einigen Jahren an Berufserfahrung tritt der eigentliche Abschluß (es sei denn er ist gesetzlich gefordert - Ärzte, Anwälte ..) in den Hintergrund. In meinem Bereich (Maschinenbau-Konstruktion) ist es nach ein paar Jahren Berufserfahrung unerheblich, ob man einen Techniker-Abschluß hat oder an Uni oder FH studiert hat.
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