Studie der OECD Die Chancen für Frauen haben sich kaum verbessert

Deutschland hat unter den großen Industriestaaten das stärkste Rentengefälle zwischen Männern und Frauen. Auch in anderen Bereichen werden Frauen benachteiligt.

Frauen am Arbeitsplatz (Symbolfoto)
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Frauen am Arbeitsplatz (Symbolfoto)


Höhere Bildung zahlt sich für junge Frauen in OECD-Ländern nach wie vor nicht aus: Mädchen besuchen im Schnitt zwar länger eine Schule als Jungs, aber gehen als Frauen seltener einer bezahlten Arbeit nach als Männer. Das geht aus einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor.

Die Organisation widmet sich seit einigen Jahren verstärkt dem Thema Geschlechtergerechtigkeit. Gleichberechtigung sei nicht nur ein wichtiges Menschenrecht, sondern auch ein Schlüssel für eine prosperierende Wirtschaft. In der Studie "The Pursuit of Gender Equality: An Uphill Battle" untersucht die OECD, welche Fortschritte in Bereichen wie Bildung, Erwerbstätigkeit und Unternehmertum bereits erzielt wurden.

Die Ausgangslage ist schlecht: Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen vergrößerten sich mit zunehmendem Alter, da sich Mutterschaft oft negativ auf die Gehälter und Aufstiegsmöglichkeiten von Frauen auswirke, so die OEDC. Frauen sind zudem weniger oft selbstständig und in Führungspositionen unterrepräsentiert, sowohl in der Privatwirtschaft als auch im öffentlichen Dienst.

Getan habe sich in den vergangenen fünf Jahren zu wenig, kritisiert die OECD in ihrem Bericht. Kleinere Fortschritte sind aus den Statistiken aber abzulesen.

  • Erwerbsrate bei Frauen über OECD-Durchschnitt

Beim Hochschulabschluss gibt es zwischen Frauen und Männern in Deutschland keinen Unterschied, auch ist der Anteil der Frauen und Männer, die arbeiten könnten, in Deutschland gleich hoch. Doch die Bildung und Kompetenzen von Frauen wird laut der Studie nicht voll ausgeschöpft. Nur knapp 70 Prozent aller Frauen seien zurzeit erwerbstätig. Das seien zwar gut zehn Prozent mehr als im OECD-Durchschnitt, jedoch sei die Erwerbsrate weiterhin acht Prozent niedriger als die von Männern. Darüber hinaus arbeiten knapp 37 Prozent der erwerbstätigen Frauen, darunter viele Mütter, in Teilzeit, verglichen mit 25 Prozent im OECD-Durchschnitt.

  • Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert

Die Aufstiegschancen in Deutschland sind im Vergleich hingegen etwas schlechter. Der Anteil von Richterinnen und Frauen in Führungspositionen liege mit gut 30 Prozent knapp unter dem OECD-Durchschnitt. Allerdings schafften es mehr Frauen auf Aufsichtsratsposten als im OECD-Vergleich.

  • Frauen haben größere finanziellen Risiken

Deutschland hat das größte Rentengefälle zwischen Männern und Frauen in der OECD: Die Renten von Frauen sind demnach nur etwa halb so hoch wie die der Männer. Die Zahlen spiegeln zwar die Erwerbstätigkeit der Frauen in der Vergangenheit wieder, aber noch immer ist die Erwerbsrate bei Frauen geringer. Das heißt, mit einer schnellen Besserung ist nicht zu rechnen. Zudem liege der Lohnunterschied bei Männern und Frauen in Deutschland bei 17 Prozent, was sich ebenfalls bei der Rente niederschlägt. OECD-weit sind es 14,3 Prozent.

Frauen in Deutschland litten zudem unter einer Scheidung finanziell stärker: Ihr Risiko, im Falle der Scheidung mehr als 20 Prozent ihres Einkommens zu verlieren, sei etwa zweieinhalb mal so groß wie das der Männer.

  • Mehr Anreize für Männer bei der Kinderbetreuung

Deutschland ist eines von zehn OECD-Ländern, die Vätern starke finanzielle Anreize bieten, mindestens zwei Monate Elternzeit zu nehmen. Nach der Reform Mitte der Nullerjahre stieg der Anteil der Väter, die Elterngeld beziehen, auf über ein Drittel an. Ein weiterer Anstieg ist laut der OECD notwendig, um den Unterschied in der Erwerbsbeteiligung zwischen Männern und Frauen zu beseitigen

sun



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l_n 04.10.2017
1. Ursachen?
Der Artikel schildert das IST mit Fakten aus einer repräsentativen Studie, konnotiert ist das Ganze aber wieder mal mit dem Mantra der Frauenunterdrückung. Die Studie selbst aber zeigt auf, dass es eben ganz rationale gründe gibt, die eben auch mit der Entscheidung der Frau zu tun haben, u.a. - Mehr Teilzeit jobs bei Frauen, kürzere karriere und das bei gleicher Abschlussrate, frauenquote und einem paygap, der über median berechnet wird. Dieser schrumpft laut studie sogar wenn man das stündliche Einkommen betrachtet und lässt sich auch mindestens teilweise über andere faktoren erklären wie überstunden, arbeitsfeld und mutterzeit. Ich bin ganz dafür dass Frauen die gleichen chancen haben, aber das ständige einnehmen einer opferposition ist ermüdend und intellektuell der Sache schadend. Die Rechtslage ist gender-neutral, wenn Individuen aber Entscheidungen treffen die nicht zu einem 50/50 Ergebnis führen muss es direkt benachteiligung sein.... schade
vitalik 04.10.2017
2.
"Ein weiterer Anstieg ist laut der OECD notwendig, um den Unterschied in der Erwerbsbeteiligung zwischen Männern und Frauen zu beseitigen" Wen interessiert es schon, was das Elternpaar möchte. Die OECD will, auf biegen und brechen, dass es 50/50 ist. Eigene Familienplanung ist nicht vorgesehen. Man ist der DDR näher als man glaubt. "Ihr Risiko, im Falle der Scheidung mehr als 20 Prozent ihres Einkommens zu verlieren, sei etwa zweieinhalb Mal so groß wie das der Männer." Hier sit wohl nicht "ihres" Einkommens, sondern des gemeinsamen Einkommens gemeint. Bei einer Scheidung verliert man nicht das Einkommen, sondern das gemeinsame Einkommen wird in eigene Einkommen aufgeteilt. Wenn der Ehemann in der Ehe mehr verdient, dann wird er nach der Scheidung auch mehr Einkommen haben. Wie will man soetwas lösen?
3-plus-1 04.10.2017
3.
Beim angeblichen "Renten-Pay-Gap" bitte mal nicht die monatliche Auszahlung sondern das Integral über den gesamten Zeitlauf der Rentenzahlung betrachten. Dann liegen Frauen nämlich bei weitem besser als Männer, wenn man die Gesamtsumme der Rentenauszahlung betrachtet. Frauen gehen im Schnitt eher in Rente und leben deutlich länger als die Männer (von denen viele das Rentenalter überhaupt nicht erreichen). Bedenkt man noch, dass massiv mobil für die Renteneintrittsaltererhöhung (70 bis 76 Jahre) gemacht wird, sehe ich absolut überhaupt keinen Handlungsbedarf zugunsten der Frauen, denn dann wird das durchschnittliche Renteneintrittsalter höher als das durchschnittliche Sterbealter für Männer liegen. Klar kann frau sich dann zum Vergleich einen Johannes Hesters oder Helmut Schmidt suchen, der tatsächlich länger und mehr Rente bekommt als sie. Dem gegenüber steht aber eine ganze Manschaft an Männern, die zeitlebens nur Rentenversicherungseinzahler waren und niemals auch nur einen Cent ausgezahlt bekommen haben.
ueberlegdochmal 04.10.2017
4. Wahre Gleichheit ist Chancengleichheit, nicht Ergebnisgleichheit
Es scheint, die Spiegel Leser sind besser informiert oder weniger ideologisch gepraegt, als der/die Verfasser/-in dieses Artikels, die/der aus welchen Gruenden anonym ist oder sun heisst. Ist Ihnen das nordische Gender-Paradigm ein Begriff? Nein? Einfach mal googlen. Ganz kurz dazu - die skandinavischen Laender haben wohl unbestritten am staerksten die Gleichheit von Maennern und Frauen am Arbeitsplatz vorangetrieben. Mit dem Ergebniss, dass heute der Unterschied in den Beschaeftigungsfeldern grosser ist den je. Warum? Weil wahre Gleichheit die Menschen entscheiden laesst und nicht eine politische Argenda darueber bestimmt, was die Menschen zu tun haben. So kann jeder seinen persoenlichen Neigungen nachgehen - etwas was nach gewissen politischen Ideologien nicht gewuenscht ist. Daher - wahre Gleichheit und Freiheit ist Chancengleichheit, nicht politisch erzwungenes gleiches Ergebnis. Aber das versteht die Autorin - der Autor anscheinend nicht.
TS_Alien 04.10.2017
5.
Ungleichheit muss nichts mit Unfairness zu tun haben. Und selbst dann müsste man schauen, ob es nicht in anderen Bereichen genau umgekehrt aussieht. Bei einigen Versicherungstarifen haben die Männer früher weniger bezahlt. Das ist mittlerweile angeglichen worden. Bei der Rente und bei der Pension sind Männer benachteiligt, weil sie statistisch gesehen ein paar Jahre früher sterben. Da wird nichts angeglichen. Logisch ist das nicht. Und solange die Logik nicht beachtet wird, ist die Diskussion um die angeblichen Benachteiligungen von Frauen verlogen und von Ideologien geprägt.
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