Sozialer Aufstieg in Deutschland Sechs Generationen lang arm

Kinder aus armen Familien verdienen oft später kaum mehr als ihre Eltern. Die OECD hat nun berechnet, wie lange es dauern kann, die Hürde Herkunft zu überwinden.

Großvater und Enkel: Der soziale Status wird über Generationen vererbt
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Großvater und Enkel: Der soziale Status wird über Generationen vererbt


Wer unten ist, bleibt unten. Wer oben steht, bleibt oben. So lässt sich die Misere des hiesigen Sozialgefüges zugespitzt zusammenfassen. Studien haben wiederholt gezeigt, dass der soziale Aufstieg in Deutschland schwieriger ist als in vielen anderen Industrieländern.

Im März verkündeten zum Beispiel das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) und die Universität Madrid, dass Bildungsgrad und Berufsstand der Urgroßeltern noch heute auf den Status ihrer Nachfahren in der vierten Generation schließen lassen.

Laut Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind die Auswirkungen sogar noch dramatischer: "In Deutschland könnte es sechs Generationen dauern, bis die Nachkommen einer einkommensschwachen Familie das Durchschnittseinkommen erreichen", heißt es in einem Bericht, der am Freitag veröffentlicht wurde.

Sechs Generationen, das sind in der Regel mehr als 150 Jahre. Deutschland steht damit schlechter da als der Durchschnitt der OECD-Länder, der bei viereinhalb Generationen liegt.

Es spielt dabei natürlich eine Rolle, wie weit Geringverdiener und Spitzenverdiener finanziell auseinanderklaffen. Denn davon hängt ab, wie viel die untersten zehn Prozent der Bevölkerung, die die Forscher der OECD in diesem Fall betrachten, aufholen müssen.

Daran gemessen hat Deutschland allerdings gute Voraussetzungen: Die Ungleichheit der Einkommen ist hierzulande nur etwas größer als in den skandinavischen Ländern. Doch die schneiden beim Thema soziale Mobilität deutlich besser ab. Dort dauert es laut OECD nur zwei bis drei Generationen bis zum Erreichen des Durchschnittseinkommens.

Die Forscher führen das unter anderem auf Deutschlands mehrgliedriges Schulsystem, den zögerlichen Ausbau der Ganztagsschulen und den Mangel an Kitaplätzen zurück. "Diese Faktoren verringern die Chancen für Kinder aus bescheideneren Verhältnissen, eventuelle Bildungsrückstände aufzuholen", schreiben sie.

Eine Rolle spiele auch die relativ hohe Langzeitarbeitslosigkeit und die hohe Quote an Teilzeitjobs in Deutschland. "Ein Arbeitsplatz allein ermöglicht oftmals keine großen Schritte auf der Einkommensleiter", heißt es.

Video: Kinderarmut in Deutschland

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lov



insgesamt 169 Beiträge
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dr.eldontyrell 15.06.2018
1. Zwei Dinge:
Erstens: Es ist so gewollt. Zweitens: Umgekehrt geht es ungleich schneller... ende der kommunikation mcp
icheb66 15.06.2018
2. Deutschland will es so....
.....denn die Mehrheit wählt immer wieder KONSERVATIV. Und die primäre Prämisse dieser Denkweise ist; Alles so so bleiben wie es ist. Erstaunlicherweise trägt sogar der Großteil derer, die eigentlich eine Änderung herbeiführen möchten dazu bei, indem Sie z.B. gar nicht wählen. Und die die oben sind, haben ja keinen Grund etwas ändern zu wollen. Es sei denn die Umverteilung von unten nach oben, oder besser aus der Mitte nach oben, noch zu forcieren. Und auch die Mitte ist nicht in der Lage zu erkennen, dass sie für alles zahlt. Sowohl die Subventionen und Steuergeschenke der Reichen, wie auch die Leistungserbringung für die untere Gesellschaftsschichten. Schließlich hat man der Mitte erfolgreich eingeredet, dass das Problem der Gesellschaft unten liegt und nicht oben steht.
m.sc. 15.06.2018
3. Studium
Studieren ist ohne Unterstützung der Eltern kaum möglich. Das BAföG reicht kaum, um sich die Miete eines Zimmers zu leisten, teure Fachbücher sind nicht immer in der Bibliothek und müssen gekauft werden. zusätzlich landen Nachwuchswissenschaftler an Unis in der Regel auf halben Stellen, was auch kaum reicht. Im Studium habe ich daher sehr selten Kommilitonen getroffen, deren Eltern nicht auch studiert haben.
SPONU 15.06.2018
4. Herkunft überwinden...
Meine Grosseltern (Kriegsgeneration) starteten mit NICHTS. Weder mütter- noch väterlicherseits. Erzogen insgesamt vier Kinder und arbeiteten Tag- und Nachtschichten in der Metallindustrie. Auf kleinem Raum wohnte man in einer wenig privilegierten Gegend einer hessischen Industriestadt. Meine Eltern? Sachbearbeiter, von den Grosseltern nichts geerbt. Sparsamkeit und kluges Wirtschaften mit dem Familieneinkommen ermöglichten zuerst Hauskauf, dann ein weiteres Haus. Durch meine ununterbrochene Berufstätigkeit und Sparsamkeit war ich inzwischen auch selbst in der Lage, Vermögen aufzubauen. Weder meine Grosseltern noch meine Eltern, noch ich waren jemals irgendwo auf einer Behörde und haben die Hand aufgehalten. Niemals wäre es meiner Familie in den Sinn gekommen, Sätze zu sagen wie "Der Staat soll...der Staat muss". HartzIV? ALGII? Stütze? Gab es damals nicht und man wäre auch zu stolz gewesen, Almosen zu akzeptieren. Man erschaffte (im wörtlichen Sinne) sich selbst etwas. Nichts verachte ich mehr als heute Habenichtsgeneration, die mit ihrem fetten Hintern nicht hochkommt, nicht hochkommen will sondern nur Forderungen stellt. Der Staat (d.h. ich als voller Steuerzahler) soll doch bitteschön! Keine Arbeit? Der Staat muss. Kinder? Teuer, aber egal...der Staat soll doch bitteschön. Keine Bildung? keine Zeit zum Lernen. Der Staat soll doch bitte das Niveau absenken. Und JA, ich akzeptiere natürlich dass es vereinzelt Menschen gibt die unverschuldet wegen z.B. Krankheit in eine Notsituation geraten. Alle anderen aber, physisch und psychisch fit sollen gefälligst für sich selbst sorgen und nicht darauf warten, dass ihnen der Vorstands posten bei einem Dax-Konzern auf dem Silbertablett serviert wird.
dasfred 15.06.2018
5. Immer nur die einfache Erklärung
Als ob vor einer Generation alle Bessergestellten in die Kita gingen. Vielmehr hat die ganze Lebenssituation von Kindern mit dem Aufstieg zu tun. Angehörige ihrer Schicht leben jeweils mehr oder weniger eng zusammen und verkehren fast ausschließlich untereinander. Die Schule vorort, der Sportverein und andere Freizeitgestaltungen sind den Kindern ihrer Schicht vorbehalten. Wenn Konstantin und Maximilian zum Feldhockey oder Segeln gehen, toben Kevin und Murat auf dem Bolzplatz. Musikalische Früherziehung ist ein Thema der Oberschicht, Playstation eher ein Thema im Wohnsilo. Die Kinder lernen noch vor der Grundschule, wo ihr Platz ist und verinnerlichen es.
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