Sanitäterin auf dem Oktoberfest "Plötzlich schlägt neben uns ein Maßkrug ein"

Während andere feiern, versorgen sie Verletzte und Betrunkene: Mehr als 600 ehrenamtliche Sanitäter leisten auf dem Oktoberfest Schwerstarbeit - und werden dafür sogar attackiert oder beleidigt.

Tobias Lill

Von , München


Die Attacke kam aus dem Nichts. Für Ursula Beirer war es ein Routine-Einsatz: Per Funk wurden sie und ihre Kollegen vom Wiesn-Sanitätsdienst in der ersten Oktoberfestwoche ins Hacker-Pschorr-Zelt gerufen. Ein Mann war beim Tanzen von einer Bierbank gestürzt.

"Als unser Team mit der Liege eintraf, lag er am Boden", erinnert sich die Rettungs-Assistentin. Der Mann hatte eine blutende Platzwunde am Kopf. "Wir mussten erst einmal abklären, ob er überhaupt transportfähig war", erzählt sie.

Ein Schädel-Hirn-Trauma oder ein Wirbelsäulenschaden seien bei schweren Stürzen von Bierbänken keine Seltenheit. "Wir knieten, hatten die Augen auf den Patienten gerichtet - plötzlich schlägt einen Meter neben uns ein Maßkrug auf dem Boden ein", erinnert sich Beirer.

Das Geschoss sei irgendwo aus der Menge gekommen. "Das war ein Riesenschock". Schließlich musste die 29-Jährige selbst schon Opfer von Maßkrug-Schlägereien behandeln. "So ein Wahnsinn ist lebensgefährlich", ärgert sie sich.

Häufig angepöbelt

Beirer ist eine von mehr als 600 Sanitätern, die ehrenamtlich auf dem Oktoberfest arbeiten. In ihrem Hauptjob unterstützt sie den Notarzt, auf der Wiesn ist die junge Frau die medizinische Leitung eines Tragen-Teams. Schon mit 16 Jahren war die Münchnerin dort im Einsatz. Während ihre Freunde feierten, half sie mehrere Jahre im Volksfest-Getümmel Verletzten und Betrunkenen.

Fotostrecke

12  Bilder
Sanitäterin auf dem Oktoberfest: Ehrenamtliche Hilfe für die Bierleichen

"So lernte ich gleich mal die stressigsten Situationen in meinem späteren Job kennen", sagt Ursula Beirer. Nach einigen Jahren Pause ist sie dieses Jahr wieder auf der Wiesn - an 14 von 16 Tagen. "Im Vergleich zu früher haben die Aggressionen und die Gewalt gegen die Helfer zugenommen", sagt die blonde, kleine Frau im weißen Sanitäterhemd.

Wenn Beirer mit der Trage in den Zelten und der Menschenmenge unterwegs ist, werde sie viel häufiger als früher angepöbelt, oft massiv. "Da beschimpfen einen wildfremde Leute und Patienten als Hure oder Schlampe." Auch werde man schon mal geschubst. Beirer kam bislang glimpflich davon.

Andere Kollegen hatten weniger Glück. Ulrike Krivec, Sprecherin der Aicher-Ambulanz, die die Wiesn-Sanitätsstation in diesem Jahr betreibt, berichtet von mehreren Attacken gegen Helfer: "Eine junge Amerikanerin schlug einem Kollegen mit der Faust ins Gesicht." Eine andere Betrunkene trat einem Sanitäter von der Liege aus ins Gesicht, er musste sogar kurz in die Klinik.

Bis zu 500 Einsätze am Tag

Die Aicher-Ambulanz bietet deshalb Deeskalations- und Selbstverteidigungstraining für die Wiesn-Retter an. Angst habe sie bei den Einsätzen aber nicht, sagt Ursula Beirer. Sie wolle einfach dort helfen, "wo Menschen Hilfe brauchen". Gelegenheiten dazu gibt es viele: Selbst an normalen Festtagen unter der Woche zählt der Wiesn-Sanitätsdienst 200 bis 300 Einsätze - an Samstagen können es auch einmal gut 500 sein.

Oft rücken Beirer und ihre Kollegen wegen Schnittverletzungen mit Glasscherben oder Alkoholvergiftungen aus. Viele Feiernde trinken gern auch schon um neun Uhr morgens die erste Maß Bier. "Theoretisch kann es bei jedem Einsatz um Leben und Tod gehen", sagt Beirer - etwa bei Herzinfarkten, Stürzen und in diesem Jahr auch bei einer Prügelei. Ein Mann starb Ende September nach einem Schlag auf seinen Kopf.

Fotostrecke

14  Bilder
Oktoberfest: So sieht's in den Zelten aus - vorher und nachher

Während die Kapellmeister in den Zelten in regelmäßigen Abständen zum "Prosit der Gemütlichkeit" aufrufen und die Bedienungen die kiloschweren Maßkrüge durch die Reihen schleppen, eilen die Sanitäter von einem Einsatz zum nächsten. Ein Mann verspottet die Retter als "Wiesn-Taxi". Ein anderer Besucher findet es lustig, mit einer Bierflasche in Richtung des Teams zu spritzen.

Dennoch sagt Ursula Beirer, dass ihr die Arbeit auf der Wiesn nach wie vor "große Freude macht". Sie ist mitfühlend zu ihren Patienten. Da ist etwa der italienische Tourist, der unweit des Augustiner-Zelts auf dem Boden liegt. Beirer beugt sich zu dem hilflosen Mann hinunter. Sie nimmt seine Hand, streicht ihm die langen Haare aus dem dreckigen Gesicht. Sie redet ruhig auf ihn ein. "Das Wichtigste ist, nicht bedrohlich zu wirken", sagt sie. Nach ein paar kurzen Untersuchungen ist klar: Der Betrunkene wird wieder auf die Beine kommen.

Zehn-Stunden-Schichten - ehrenamtlich

Anders als die Ärzte bekommen die Sanitäter kein Gehalt für ihre Arbeit beim Oktoberfest. Die Schichten dauern sieben bis zehn Stunden. "Einzelne Sanitäter arbeiten aber freiwillig auch von 9 Uhr bis zum späten Abend", sagt Krivec. Dies sei gesetzlich zulässig, weil bei Ehrenamtlichen das Arbeitszeitgesetz nicht greife. Dafür gibt es eine Aufwandsentschädigung von 65 bis 100 Euro pro Schicht.

Das ist deutlich mehr als das, was das BRK bislang zahlte. Arbeitnehmervertreter würden sich natürlich eine noch höhere Vergütung wünschen. Wer mit Sanitätern auf der Wiesn spricht, merkt allerdings schnell: Den Freiwilligen geht es nicht ums Geld. Manche nehmen sogar extra Urlaub, so wie Nicolai Wöhe. Zwölf Jahre sei er nun schon dabei, sagt der 28-jährige Sanitäter. Er sei "stolz mitzuhelfen, damit in München die Wiesn gefeiert werden kann".

Doch er weiß auch um die dunklen Seiten des Massenbesäufnisses. Das Schlimmste am Wiesn-Dienst, sagt er, seien die Vergewaltigungen. "Solche Einsätze nehmen einen schon mit." Manchmal werden auch die Sanitäterinnen sexuell belästigt. "Da landet dann etwa die Hand eines Patienten auf dem Hintern", sagt Ursula Beirer.

Doch was treibt die Mitarbeiter an? Nicolai Wöhe sagt, er habe vor einigen Jahren einen Mann Mitte 50 erfolgreich reanimiert. "Das vergisst man nie und ist Belohnung für alles."

insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hans Dümpel 06.10.2018
1. Das nenne ich
Alltagshelden. Selbstlos anderen unter so einer Gefahr zu helfen und dafür noch nichtmal Geld zu verlangen!
mucman 06.10.2018
2. Saufende Prols ohne Grenzen
Ich bin Münchner.Meine Frau und ich gehen schon seit Jahren höchstens noch auf die "oide Wiesn". Dort entkommt man den Rotten bis zur Bewusstlosigkeit saufender Prols aus aller Welt, die in keinerlei Hinsicht irgendwelche Grenzen kennen. Vielleicht sollte man sie einfach sich selbst überlassen. Polizei zur Bekämpfung der ausufernden Wiesn-Kriminalität - ansonsten basta. Das würde hoffentlich doch eine stattlich Zahl der Sauftouristen abschrecken und die Wiesn wieder in zivilisierte Bahnen lenken. Und die Stadt München müsste weniger für Sicherheit etc. draufzahlen.
xees-ss 06.10.2018
3.
Schon sonderbar, die Aicher Ambulo, die Privatwirtschaftlich mit Gewinn arbeitet, hat das BRK immer kritisiert dass die, weil mit Freiwilligen arbeitet, die Vergabekriterien nicht stimmen. Jetzt hat der Aicher also das Rote Kreuz nach Jahrzehnten abgelöst auf der Wiesn, arbeitet aber genauso was sie jahrelang kritisierten.
OhMyGosh 06.10.2018
4.
Die Aufgabe des Rückenmarks besteht darin, Informationen vom Gehirn zum Körper und vom Körper zum Gehirn zu übertragen. Wenn aber der Cortex cerebri, auch als graue Substanz bezeichnet, bei Säufern nicht mehr antwortet, kommt es eben zu steinzeitlichen Aktivitäten wie den im Bericht geschilderten. Und dazu kommt halt noch die besondere Qualität des bairischen Frontallappens...
_derhenne 06.10.2018
5.
Ehrenamtlich? Da bleibt einem ja die Spucke weg! Wärend sich also die einen bewusst in die Bewusstlosigkeit saufen und die Wirte sich Millionen in die Taschen stopfen, sind dort Sanitäter EHRENAMTLICH unterwegs? Das muss wohl der "Idealismus" sein, den sich die CDU/CSU-Heinis wünschen, wenn sie sabbernd von ihrer neuen Dienstpflicht träumen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.