Kellner auf dem Oktoberfest "Man ist schon fast ein Star"

16 Bierkrüge gleichzeitig tragen und über 20 Kilometer täglich gehen: Der Fotograf Simon Gehr hat einen Wiesn-Kellner begleitet und zeigt, wie hart er arbeitet, wenn andere feiern.

Simon Gehr

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Für manche ist es eine Party, für andere die anstrengendste Zeit des Jahres: die Wiesn. Rund sechs Millionen Gäste besuchen die Bierzelte jedes Jahr. Der Fotograf Simon Gehr hat einen Tag lang einen Kellner begleitet, der sie dort bewirtet.

Seit vier Jahren arbeitet Julian Heilmann auf dem Oktoberfest im Hacker-Festzelt. Er sorgt dafür, dass Bierkrüge und Hähnchen an die Tische kommen. Während der Zeit mietet er mit Kollegen eine kleine Wohnung in München.

Gehr zeigt den Arbeitsalltag des Kellners vom Aufstehen bis zum Feierabend: Er frühstückt morgens mit den Kollegen, dann stellt er mit den anderen Mitarbeitern die Tische auf und putzt sie. Um zehn Uhr öffnet er das Zelt für die ersten Besucher.

Von da an bleibt kaum mehr Zeit für etwas anderes, als Bestellungen aufzunehmen, Pausen gibt es wenige. An jedem der Tische herrscht Hochbetrieb. Abends trinkt Heilmann mit den Kollegen noch ein Bier "zum Runterkommen", fällt nachts müde ins Bett. Der nächste Arbeitseinsatz für die Kellner auf der Wiesn startet dieses Jahr am 22. September und endet zwei Wochen später am 7. Oktober.

Bereits sein Vater war Bedienung beim Straubinger Volksfest, mit 16 Jahren trat Heilmann in dessen Fußstapfen. "Gastronomie macht mir einfach Spaß", sagt er. Was ihm besonders an der Wiesn gefällt? "Es ist eine riesige Party, die ganze Welt ist hier zu Gast." Es sei toll zu merken, wie viel Spaß die Leute haben. Ihm selbst mache es nichts aus, dass er währenddessen arbeiten müsse. "Ich bin ja trotzdem mit dabei."

Viele Welten prallen aufeinander

Spezielle Voraussetzungen brauche man nicht, um als Wiesn-Kellner zu arbeiten. "Es hilft aber wahnsinnig, wenn man fit ist." Heilmann selbst macht regelmäßig bei Triathlon-Wettkämpfen mit. Über 20 Kilometer muss er im Bierzelt täglich gehen, maximal 16 Maßkrüge kann er gleichzeitig tragen. "Das ist hauptsächlich eine Frage der richtigen Technik. Das kann dann auch eine zierliche Frau."

Kellner sollten allerdings nicht schüchtern sein: "Man muss mit vielen Leuten reden und auch mal Konflikte lösen - die passieren immer wieder. Es prallen einfach so viele Welten aufeinander, da lässt sich das nicht vermeiden." In solchen Momenten weiterhin zu lächeln oder schlagfertig zu antworten, sei oft eine Herausforderung.

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Alltag eines Wiesn-Kellners: "Man darf das nicht nur wegen des Geldes machen"

Heilmann sagt, er liebe den Job, freue sich aber auch immer auf den Moment, wenn die Wiesn wieder vorbei sei. Eine Woche brauche er, bis er sich von den Strapazen erholt habe und in seinen normalen Berufsalltag als Vertriebler zurückgehen könne. Trotzdem würde er jedes Jahr wieder dabei sein wollen. "Das ist wie beim Marathon: Bei Kilometer 35 denkt man, wie blöd man eigentlich ist, aber am nächsten Tag will man sich schon wieder für den nächsten anmelden."

Geld spiele natürlich auch eine Rolle. "Aber man sollte es auf keinen Fall nur deswegen machen. Man muss schon auch Spaß daran haben, sonst hält man das nicht durch." Was ihm auch gefällt: "Die Leute feiern die Kellner sehr. Man ist schon fast ein Star." Vor allem bei Touristen sei er ein beliebtes Fotomotiv.

Heilmanns alljährliches Highlight: Wenn die Band das letzte Lied, "Sierra Madre", spielt. Dann geht das Licht aus und alle halten Wunderkerzen in der Hand. Privat würde er allerdings nicht zur Wiesn gehen. Dafür sei das Oktoberfest zu sehr auf "Menschenmassen" ausgerichtet. "Da gibt es gemütlichere Feste", sagt Heilmann.

Im Video: Touristen auf dem Oktoberfest (SPIEGEL TV von 2012)

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