Palituch-Produzenten Endlich wieder made in Palestine

Palästinensertücher kommen schon lange nicht mehr aus Palästina, sondern aus Asien. Zwei Brüder aus Hebron produzieren jetzt wieder das Original.

AFP

Die Brüder Abed und Dschuda Hirbawi lassen es kräftig rattern in ihrer Halle. Ihre 15 Mitarbeiter produzieren an Webstühlen Kefijes, in Deutschland besser als Palitücher bekannt. Als einziger verbliebener Betrieb in den palästinensischen Gebieten weben sie tapfer gegen die Massenware aus Asien an.

Die kleinkarierten Fransentücher, mit denen die Bauern und Beduinen der Arabischen Halbinsel sich seit Jahrhunderten vor Staub und sengender Sonne schützen, zählen längst zum modischen Mainstream. Bei Onlinehändlern und in den Fußgängerzonen dieser Welt gibt es sie in Rastafarifarben oder im grau-pinken Camouflage, als Spucktuch für Babys oder als Kaschmirschick von Lala Berlin, für 300 Euro das Stück.

Das Etikett "Made in Palestine" tragen die wenigsten Tücher, Asiens Textilfabriken haben die Produktion übernommen. Dabei gilt das Kefije in seiner klassischen Variante mit rot-weißem oder schwarz-weißem Würfelmuster als Symbol des palästinensischen Volks - spätestens, seit Palästinenserführer Jassir Arafat sie in den Sechzigerjahren zu seinem Markenzeichen erkor. Ob am Rednerpult der Uno, auf dem Rasen des Weißen Hauses oder bei der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo - nie war er oben ohne zu sehen. Außer palästinensischen Verehrern hüllten sich fortan auch westliche Aktivisten, Künstler, Rucksackreisende in die Tücher.

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Mehr als 1000 Tücher am Tag habe er in den Siebzigerjahren produziert, sein Betrieb habe kaum die Nachfrage stillen können, sagte Yasser Hirbawi, der Vater der Brüder, einmal in einem Interview. Er hatte die Firma 1961 gegründet, damals startete er mit zwei Handwebstühlen.

Nach Arafats Tod war die Kefije kurzfristig von den Fernsehschirmen dieser Welt verschwunden - dann tauchte sie als Accessoire auf den Laufstegen von Paris, London und Berlin wieder auf. Und die palästinensischen Weber bekamen die Wucht der Globalisierung zu spüren. Die begehrten Accessoires wurden massenhaft in China und Indien produziert, landeten schließlich auch auf den Basaren von Hebron und Jerusalem - und kosteten dort nicht mal halb so viel wie die einheimischen Originale.

Traditioneller Stil, neu interpretiert

"Mit diesen Preisen konnten und können wir aufgrund unserer Kosten nicht mithalten", sagt Dschuda Hirbawi. Mangels lokaler Produzenten im Westjordanland müssen sie Garne und Maschinen teuer importieren. In den Tuchfabriken in Gaza und im Westjordanland gingen die Lichter aus, auch im Betrieb der Familie Hirbawi wurden bis auf einen Mitarbeiter alle entlassen, die Webstühle ruhten fünf lange Jahre.

"Heute setzen wir ganz auf Qualität und versuchen, uns dem wandelnden modischen Geschmack der internationalen Käufer anzupassen", sagt Dschuda Hirbawi. "Diese wollen Farbe, also mussten wir den traditionellen Stil neu interpretieren."

Nun produzieren sie neben den klassischen Tüchern auch quadratische Schals, Umhängetaschen und Tunikakleider in Hellblau oder Petrol, Perlweiss oder Zitronengelb und betrieben einen eigenen Onlineshop. Die meisten Bestellungen kommen aus Italien, Frankreich und Deutschland. 30.000 Tücher verkaufen sie im Jahr.

Die Händler im Jerusalemer Altstadtbasar sind dabei wertvolle Marketinghelfer. "Touristen, die das Kefije häufig als Reiseandenken kaufen, sage ich ganz offen: Ihr habt die Wahl zwischen dem aus Asien für sieben Euro oder dem hiesigen Qualitätstuch für 18 Euro", sagt Bassam Barakat, Basarhändler seit 30 Jahren. Gefragt, was er denn selbst trägt, ruft er leicht gekränkt aus: "Meine Kefije kommt natürlich aus Hebron!"

AFP/vet

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