Peinliche Recruiting-Videos Die Parade des Schreckens

Wenn Unternehmen mit Videos um Mitarbeiter werben, wird es gruselig. Beim Rappen, Tanzen, Schnipsen wirkt die Belegschaft manchmal wie eine Sekte beim Gottesdienst. Fremdschämen für Fortgeschrittene: die Tops der furchtbaren Firmenfilme, gefunden von SPIEGEL-ONLINE-Lesern.

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Schiefe Reime, unterirdische Performance: BMW zeigt, wie man Bewerber abschreckt
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Schiefe Reime, unterirdische Performance: BMW zeigt, wie man Bewerber abschreckt


Liebe Leute bei BMW, Ihr müsst jetzt ganz stark sein. Vielleicht habt Ihr gedacht, das alles wäre schnell wieder vergessen: dieser peinliche Film. Und dann die Auszeichnung zum schlechtesten Web-Video des Jahres auf der Konferenz re:publica.

Aber die KarriereSPIEGEL-Leser erinnern sich noch sehr gut an "Steh auf", Euren bewegenden Rap aus dem vergangenen Jahr. An den Nerv-Refrain, die aufgesetzte Rebellenattitüde, an Textzeilen wie: "Wir sind individuell und nicht Kommerz." Soso, kein Kommerz. Wissen das Eure Aktionäre?

KarriereSPIEGEL hatte die Leser aufgerufen, peinliche Videos zu schicken, mit denen Unternehmen um Bewerber buhlen. Knapp 150 Vorschläge gab es zu sichten - gut jeder vierte zum Video der BMW-Praktikanten. Blogger Kraftfuttermischwerk ätzte: "Ich würde mich nach diesem Unternehmenssong sofort bewerben. Und zwar bei Opel."

Ein Trost: BMW ist nicht allein. Beim Versuch, eine junge Zielgruppe anzusprechen, deren Stil und Codes sich schneller ändern als Quartalszahlen, scheitern Unternehmen regelmäßig.

Und jetzt alle so: YEAH

Ein ähnlich gestricktes Video, mit dem der Lebensmittelhändler Edeka Azubis locken will, verdeutlicht das Problem. Da rappen drei nicht unsympathische Jungs durch eine Edeka-Filiale. Die Bässe rumpeln, aber in den Texten geht's um "Chancen nach der Ausbildung" und um "Ausbildung bei Edeka - yeah".

Das Problem: Die Vorbilder, echte HipHop-Stars, würden nie in der verquasten Chancen-Sprache der PR texten. Daran ändert kein "yeah" etwas, auch kein Tanz auf dem Kassenband. Rapper lieben die Pose des Outlaws und Außenseiters. Zu HipHop passen Textschablonen aus der Marketingabteilung so gut wie Erdbeeren zu Meerrettich.

Peinlich werden kann es auch, wenn nicht gezielt Jugendliche angesprochen werden. Mit Internetvideos werben viele kleine Unternehmen um Fachkräfte und preisen die eigenen Vorzüge. Oder das, was sie dafür halten.

Der Vertriebsdienstleister Econ Tel etwa lässt einen Mitarbeiter davon schwärmen, wie großartig schon der erste Kontakt war: "Ich bin dann zum Vorstellungsgespräch gleich rausgefahren nach Münster-Wolbeck. Das war super, die Verkehrsanbindung ideal: Der Bus fährt alle 20 Minuten. Besser geht's gar nicht." Es folgen elegische Ausführungen über die Firmen-Architektur und die warmen Wandfarben.

Oh happy day: "Denen ist der Auftritt heute sehr peinlich"

Wenn alles - wirklich alles! - total super ist, dann ist das total schrecklich. Solche Filme können leicht Menschen abschrecken, statt begeistern. Ein Leser schrieb über Econ Tel, dass ihm der Film auf DVD geschickt wurde, als Vorbereitung fürs Vorstellungsgespräch: "Nachdem meine Freundin und ich das gesehen hatten, wussten wir auch nicht, ob wir nun lachen oder weinen sollten. Nur eines war uns klar, dort möchte man lieber nicht arbeiten."

Einen ähnlichen Effekt hat das Motivationsvideo von Ernst & Young, das schon seit Jahren auf YouTube zu sehen ist. Ein früherer Mitarbeiter erzählt: "Ich hielt es für einen schlechten Scherz, aber das ist ernst gemeint. Später lernte ich Protagonisten aus dem Video persönlich kennen. Denen ist der Auftritt heute sehr peinlich."

Im Film singen Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft das alte Gospel-Stück "Oh happy day", von einer Sängerin penetrant zum Mitträllern animiert. Gar nicht so leicht, bei dem Text. So wird die Zeile "Oh happy day when Jesus washed my sins away" umgedichtet in "Oh happy day when Ernst & Young showed me a better way". Und ja: Ein bisschen wirkt die Gruppe dabei wie eine Sekte beim Gottesdienst.

Bilder sagen mehr als tausend Worte. Und Recruiting-Videos können gründlich misslingen. Aber sehen Sie selbst: die zehn peinlichsten Recruiting-Videos im Internet.

  • BMW: Der "Steh auf"-Rap
Dieser Spot ist gut fürs Image - von Audi und Daimler. "Siehst du nicht den Sinn, mit 'nem Praktikum bei BMW kannst du nur gewinn'." Urgs. Schwer vorstellbar, dass hier Praktikanten freiwillig mitgemacht haben. Ob sie für ihren Einsatz vor der Kamera wenigstens Schmerzensgeld bekamen?

  • Edeka: Performance im Supermarkt
Schon der Einstieg ein Knüller: "Eigentlich ein cooler Tag heute, oder?" - "Ich muss sagen, ich stimme dir zu." Oder der Showdown vor der Gemüsetheke: "Hier musst du keine Autos waschen", rappt der glückliche Edeka-Praktikant - würde er dazu auch die Lippen bewegen, könnte man glatt denken, er singt wirklich.

  • Econ Tel: Ein Insider packt aus
Der Vertriebsspezialist Econ Tel hat erkannt: In der Ruhe liegt die Kraft. Hier wird mal nicht gesungen, sondern Klartext gesprochen - am Kaffeetisch. Man beachte die geschmackvolle Innenausstattung: dezente Beigetöne, passend zum braungestreiften Hemd. Das persönliche Highlight des Protagonisten: Neuankömmlinge werden in der Firma namentlich "auf einer elektronischen Infotafel begrüßt". Und der Bus kommt auch alle 20 Minuten - also, wenn Sie das nicht überzeugt...

  • Telesales: Ein Krimispäßchen
Ein karierter Umhang um die Schultern und eine Melone auf den Kopf - fertig sind Sherlock Holmes und Dr. Watson "auf den Spuren des Erfolgs". Schnell stellen sie fest: Die Mitarbeiter im Callcenter des Telemarketing-Unternehmens sind "alle cool drauf". Oder? "Annerose, wie steht's mit dir?" Wer ohne Gänsehaut bis hierher gekommen ist, wird kapitulieren.

  • Oberfinanzdirektion Koblenz: Rock im Büro
Das Recruiting-Video der Oberfinanzdirektion Koblenz entzweit KarriereSPIEGEL-Leser. Die einen finden die selbstironische Tanznummer entsetzlich, die anderen genial.

  • Allianz Agency: Grüße aus Fernost
Motivationsvideo eines asiatischen Allianz-Vertriebs - "We are the number one", gesungen und performt von fröhlichen Mitarbeitern. Die glauben, dass sie die Besten sind.

  • Vattenfall: Swing mit Bauhelm
Auch der Stromriese setzt auf eine Gesangsperformance der Mitarbeiter. "Good heat and good electricity" direkt aus dem Atomkraftwerk, da kann man schon mal euphorisch mit den Fingern schnipsen. Klasse auch das Luftgitarren-Solo. Leider sind Rock und Bauhelm keine Idealkombination.

  • Aldi Süd: Managerträume werden wahr
Anrührende Geschichte eines BWLers, der für einen bekannten Arbeitgeber arbeiten und mit 32 Jahren schon Chef sein möchte.

  • Volles Rohr Zukunft
Inszenierung und Darsteller in Kiezkinoqualität. Aber warum auch nicht: Installateure verlegen schließlich Rohre, Sie wissen schon.


  • EU Kommission: It's a Girl Thing
Zwischen den Glaskolben schmiert der Lippenstift, spritzt der Nagellack, stauben Puder und Rouge - mit Schönheiten in kurzen Röcken und Highheels wollte die EU-Kommission junge Mädchen und Frauen für wissenschaftliche Berufe begeistern. Nach lauten Protesten im Internet hat sie das Video zurückgezogen.


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Diskutierender 09.07.2012
1. Was soll's
Immer noch besser als die widerlichen Fangfragen und Psychospielchen charakterlich verkommener Personaler im Vorstellungsgespräch, und wenn sich die Unternehmen dann wundern, dass sie bei einer solchen Behandlung keine vernünftigen Mitarbeiter bekommen.
filmfan 09.07.2012
2. Das Bäckerhandwerk..
hat ebenfalls einen Film, den man in diesem Kontext nicht vergessen darf... http://www.youtube.com/watch?v=WApO6VQ2Dvc
spon-facebook-10000038154 09.07.2012
3. Ihr habt das ganz schlimme Focus-Video vergessen
https://www.youtube.com/watch?v=dxEdoKL_A1M
agirl 09.07.2012
4. Na dann wirds ja mal Zeit für ein Positiv-Beispiel
Bei so vielen peinlichen Videos sollte man auch mal betonen, dass es auch gut gemachte Firmenvorstellungen gibt. Eine Vorstellung eines Münchner Startups zum Beispiel ist sehr sympathisch: http://youtu.be/FMSRmPyyK-E
bolonch 09.07.2012
5. Äppel und Birnen
Zitat von DiskutierenderImmer noch besser als die widerlichen Fangfragen und Psychospielchen charakterlich verkommener Personaler im Vorstellungsgespräch, und wenn sich die Unternehmen dann wundern, dass sie bei einer solchen Behandlung keine vernünftigen Mitarbeiter bekommen.
Kann schon sein: Aber was hat das eine hier mit dem anderen zu tun?
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