Dauerpendler "Beim Gedanken an Berufsverkehr bin ich schweißgebadet"

Montag Brüssel, Freitag Hannover, nächste Woche wieder von vorn: Drei Jahre lang fuhr Claas Tatje beruflich hin und her. Im Interview verrät er, wie man das Pendeln gesund übersteht.

Von Anne Haeming

Morgens halb zehn in Deutschland: Pendler in ihrem natürlichen Lebensraum
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Morgens halb zehn in Deutschland: Pendler in ihrem natürlichen Lebensraum


Zur Person
  • Thilo Vogel
    Claas Tatje (Jahrgang 1979) hat Wirtschaftswissenschaften studiert und war drei Jahre lang EU-Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit" in Brüssel. Er lebt in Hannover und arbeitet seit 2014 in Hamburg. Seine Erfahrungen als Pendler hat er im Buch "Fahrtenbuch des Wahnsinns" aufgeschrieben.
KarriereSPIEGEL: Herr Tatje, Sie fuhren drei Jahre lang zwischen Brüssel und Hannover hin und her - darüber haben Sie nun ein Buch geschrieben. Vermissen Sie die Zeit?

Tatje: Na ja, ich pendele nun munter weiter. Jetzt täglich zwischen Hannover und Hamburg. Aber ich bin froh, dass ich abends bei meiner Familie bin und keine Koffer packen muss. Das Leben als Wochenendpendler ist anstrengend, ich lebte zwischen zwei Welten. Unter der Woche konzentriert man sich auf die Arbeit, das Wochenende ist dann überfrachtet mit Erwartungen, führt in Beziehungen zu Frust und Streit.

KarriereSPIEGEL: Aber der Arbeitgeber freut sich.

Tatje: Das stimmt. Eine Pendlerin erzählte mir, wie super ihr Chef es fände, dass sie werktags kein Privatleben hat. Doch die Arbeitgeber unterschätzen, dass diese Angestellten nicht glücklich sind. Man weiß immer, man lässt Familie und Freunde im Stich, und wenn Kind oder Partner krank werden, ist man nicht in der Nähe, um sich zu kümmern. Es ist erwiesen, dass das ständige unterwegs sein oft zu Burnout führt.

KarriereSPIEGEL: Wie unterscheidet sich die deutsche Pendel-Kultur von der in anderen Ländern?

Tatje: Vor allem gehen Deutsche wohl weniger gelassen damit um, wenn etwas schiefläuft. Sonst gibt's vor allem Gemeinsames: Eine internationale Studie hat gerade gezeigt, dass die Menschen, egal ob in der Elfenbeinküste oder den USA, im Schnitt eine Stunde am Tag unterwegs sind - alles, was länger dauert, ist offenbar nicht hinnehmbar.

KarriereSPIEGEL: Es gibt 30 Millionen Berufspendler in Deutschland - bilden die mit ihrem Doppelleben eine Art Parallelgesellschaft?

Tatje: Ja, kann man sagen. Aber seltsamerweise haben sie keine starke Lobby. Sonst würde der Bundesverkehrsminister dafür kämpfen, dass es einen gut getakteten Bahnfahrplan gibt. Doch statt die Mobilität in Deutschland zu verbessern, setzt er seine Arbeitszeit seit Monaten für eine Maut ein, die niemand braucht.

KarriereSPIEGEL: Zumal die Pendlerzahlen steigen - dabei müssten in der digitalen Ära doch mehr Menschen auf Home Office umsteigen, oder?

Tatje: Dachte ich auch, aber es ersetzt das Reisen nicht. Man muss sich im realen Leben treffen, man verpasst relativ viel, wenn man nicht im Büro ist, etwa wann ein guter Moment ist, um mit dem Chef über das neue Projekt zu sprechen. Dazu kommt, dass in Deutschland die Präsenzkultur immer noch wichtiger ist als das, was man leistet.

KarriereSPIEGEL: Sie haben für Ihr Buch auch andere Pendler interviewt. Gab es einen gemeinsamen Nenner?

Tatje: Das Erstaunliche: Anfangs erzählten alle, dass ihnen das Hin-und-Her nichts ausmache - und sagten dann: Sie wollen damit aufhören, bald. Aber nach zehn Jahren Pendeln ist die Hürde eben hoch, sie müssen entweder auf den Job oder die Beziehung verzichten. Sie haben in ihre Karriere investiert und sich perfekt in ihren Routinen eingelebt. So sehr, dass sie alle am Bahnsteig exakt an jener Stelle stehen, an der die Tür zum Bahn-Comfort-Abteil aufgeht.

KarriereSPIEGEL: Das klingt alles furchtbar anstrengend.

Tatje: Ja, die Taktung des Lebens ist anstrengend: Wenn mir in Köln einfiel, dass ich den Brüsseler Wohnungsschlüssel vergessen hatte, musste ich die drei Stunden zurückfahren. Darum hatte ich auch drei, vier, fünf Rasierer, unzählige Zahnbürsten und Kopfhörer, möglichst in jeder Tasche ein Exemplar. Ich habe das unterschätzt, gerade die körperliche Belastung, die dieses Leben mit sich bringt. Diese kognitive Dissonanz gehört zur Schizophrenie des Pendelns.

KarriereSPIEGEL: Woran haben Sie es gemerkt?

Tatje: Ich konnte mich am Wochenende nur noch schwer entspannen, schon am Sonntagmorgen hatte ich schlechte Laune und immer das Gefühl: Ich bin nicht da, wo ich sein sollte. Irgendwann fing ich an zu laufen. Man muss sich zwingen, sich zu bewegen, der körperliche Ausgleich ist wichtig.

KarriereSPIEGEL: Und wieso haben Sie mit dem Pendeln weitergemacht?

Tatje: Gerade Wochenendpendler, wie ich auch, können sich nicht entscheiden zwischen Familie und einem spannenden Job. Sobald Kinder ins Spiel kommen, muss das vorbei sein, das war auch bei mir so. Sonst blockiert man den Partner in der Lebensplanung - einen Wochenendpapi nimmt heute keine Frau mehr hin. Jörg Asmussen ist das beste Beispiel, der seinen EZB-Direktorenposten aufgab und als Staatssekretär nach Berlin zurückging.

KarriereSPIEGEL: Können Sie eigentlich die verstehen, die das Ganze jeden Tag mit dem Auto absolvieren?

Tatje: Ich komme mit dem Zug besser durchs Leben. Hätte ich das alles mit dem Auto gemacht, wäre ich längst in der Burn-out-Klinik. Schon beim Gedanken an den Berufsverkehr bin ich schweißgebadet! Wenn mir im Großraumabteil Prosecco trinkende Kegelclubs oder Schulklassen begegnen oder sich einer eine Chinapfanne gönnt, gehe ich eben einfach einen Wagen weiter...

KarriereSPIEGEL: ...und arbeiten die erste Runde.

Tatje: Nein, bloß nicht. Ich trinke Kaffee, lese Zeitung, diese Ruhepausen sind wichtig. Mein Tipp an alle, die anfangen müssen zu pendeln: Sie sollten die Strecke probefahren. Ohne Zeitpuffer und Gelassenheit funktioniert es nicht. Nur Anfänger legen sich wichtige Meetings auf den Morgen. Wenn der Zug zu spät ist, bringt es nichts, sich aufzuregen - besser man macht die Augen noch mal zu.

KarriereSPIEGEL: Sie haben auch bei der Bahn recherchiert. Wenn Sie danach wieder mal festhingen - waren Sie dann gelassener?

Tatje: Absolut. Wenn man weiß, wie viele Meter Kabel da täglich geklaut werden, wie oft es Bombenalarm gibt oder Suizide auf der Schiene, hat man mehr Verständnis. Aber die Bahn muss dennoch lernen, dass Pendler Planbarkeit brauchen: Nichts ist schlimmer als die Zeile an der Fahrplananzeige: "...wird um wenige Minuten später eintreffen". Daraus werden erst fünf, dann zehn, irgendwann 30 Minuten. Wenn man das gleich weiß, kann man Termine umlegen, noch mal den Laptop aufklappen.

KarriereSPIEGEL: Manche lassen sich teure Ohrstöpsel anfertigen, reisen nur mit aufblasbarem Kissen. Haben Sie solche Utensilien auch?

Tatje: Nein, ich habe mir aber geräuschdämpfende Kopfhörer zugelegt, damit ich mich besser konzentrieren kann.

KarriereSPIEGEL: Und was ist Ihr Soundtrack für unterwegs?

Tatje: Ich höre meist Musik, bei der ich wegdämmern kann, Air, The National oder Fleet Foxes. Deren Songs sind für mich mit Zugfahren verbunden. Und natürlich "Telegraph Road" von den Dire Straits: Ich weiß, wenn ich das Lied in Celle anmache, bin ich in Hannover, wenn es zu Ende ist - zu Hause.

KarriereSPIEGEL: Es ist jetzt elf Uhr vormittags - und Sie sind noch nicht im Büro. Wie kommen Sie hin?

Tatje: Diese Woche bin ich ausnahmsweise ganz in Hamburg. Ich muss jetzt nur in die U2 steigen, in zehn Minuten bin ich da. Ich könnte mich daran gewöhnen.

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insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
!!!Fovea!!! 21.08.2014
1.
...und im Radio wird gerade durchgesagt, dass die Lokführer wieder einen Streik planen, wieder zur Herbst- und Winterzeit und wen wird es wieder treffen? Richtig: Die Pendler. Ergo, die Fahrpreise werden wieder teurer, während der Service gleich bleibt bzw. schlechter wird. ..und da soll man nicht ungehalten sein? Da muss man sich in diesem Interview anhören, dass der Deutsche alles über 60 Min. Verspätung als Belastung ansieht. Man hätte sicher kein Problem mit Verspätungen und Ausfällen, wenn das Preis-Leistungsverhältnis stimmen würde.
Stefan_G 21.08.2014
2. Wieso ...
... hat die Titelzeile nicht das Geringste mit dem Inhalt des Artikels zu tun?
Spiegelleserin57 21.08.2014
3. wohl bekannt!
die Erfahrungen von Herrn Tatje sind vielen Arbeitnehmern wohl bekannt. Viele Ehen gehen daran kaputt. Welche Frau möchte nur eine Wochenendbeziehung? Alee dinge die man zu zweit tun möchte funktionieren entweder gar nicht oder nur am Wochenende. Auch die Freunde werden sich zurückziehen, kein Wunder. Dass die arbeitnehmer nicht leistungsfähiger werden dürfte wohl jedem Arbeitgeber klar sein. Sie sollten eher Bedenken haben solche Pendler unter Vertrag zu nehmen.
jens-o-mat 21.08.2014
4. Was bleibt in der Rückschau?
Stress. Ganze Monate die im Auto oder der Bahn verbracht wurden. Wichtige Momente an denen man nicht präsent war. Ich habe deshalb immer versucht dort zu wohnen wo ich arbeite. Egal ob allein oder mit Familie. Einer der Partner muss dann eben zurückstecken. Das dürften in Zukunft deutlich mehr Männer sein als bisher. Wir sollten uns dran gewöhnen.
sangundklanglos 21.08.2014
5. Pendlerschmerz
Guter Artikel in dem ich mich wiedererkenne. Ich pendele seit 3 Jahren allerdings per Flugzeug in die Schweiz und es ist sehr anstrengend, da ich noch viele Extraflüge habe. Routinen sind wichtig und wenn ich jetzt sehe, daß die Lufthansa den Schalter in Hamburg schließen will und Swiss und Austrian schon outgesourced hat, treibt es mir die Schweißperlen auf die Stirn, weil dies in Zukunft das ganze morgendliche Timung zerstören kann. 30 Minuten mehr Familie sind viel wert.
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