Kirmes-Pastor Der Pfarrer segnet das Riesenrad

Wenn Conrad Herold eine Taufe abhält, dann riecht es oft nach Popcorn und gebrannten Mandeln. Als Schaustellerpfarrer hält er Messen in Fahrgeschäften und betet das Schaustellergebet - mit einer überraschend gläubigen Gemeinde.

Sebastian Höhn

Früh am Morgen ist es ruhig zwischen dem Riesenrad und den Schießständen, den Losbuden und der Achterbahn. Erst am Nachmittag geht es rund auf der Magdeburger Herbstmesse, einer Kirmes mit tausendjähriger Tradition. Conrad Herold läuft durch die Gassen dieser bunten Stadt des Vergnügens, schüttelt Hände, scherzt mit einem Mann in Arbeitshose, der an einem Kinderkarussel schraubt. In einer halben Stunde beginnt der Gottesdienst, und Herold möchte, dass viele kommen.

Conrad Herold, groß, mit dichten grauen Locken, ist evangelischer Pfarrer. Schausteller- und Zirkuspfarrer, um genau zu sein. Einer, dessen Gemeinde weit verstreut ist über Deutschland. Der immer auf Reisen ist, bis zu 120 Festplätze pro Jahr besucht. Der die religiöse Botschaft an grellen und bunten Orten überbringt, die nach Popcorn und Zuckerwatte riechen. Drei Schaustellerpfarrer gibt es in der Evangelischen Kirche in Deutschland, einen in der Katholischen.

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Die Gläubigen, für die sie da sind, ziehen den größten Teil des Jahres von Stadt zu Stadt, von Festplatz zu Festplatz. Schausteller leben mehr im Campingwagen als in der eigenen Wohnung. "Da ist es schön, dass die Kirche zu uns kommt", sagt Sven Engelbrecht, 48, ein Schausteller aus Schwerin. Er hat Conrad Herold an diesem Sonntagmorgen den Raum für den ökumenischen Gottesdienst zur Verfügung gestellt. Den größten, den er hat: seinen Autoscooter. Ein wenig sakral anmutender Ort zwar, dafür mit einem Namen, der irgendwie passt: "Stardrive".

Die Kirchenband spielt bereits, als der Pfarrer sich umzieht und die mit Riesenrad und Zirkuszelt bestickte Stola um seinen Hals legt. Die Musiker stehen neben dem Altar, einem Biertisch mit Kerze, Kreuz und aufgeschlagener Bibel. Umlaufende Lichter erhellen den Raum, rot, blau und weiß. Darüber wölbt sich ein stilisierter Sternenhimmel mit Diskokugeln.

Während der Messe im Autoscooter fährt einer los

"Lassen Sie sich einladen, nach vorn zu kommen", sagt Herold mit ausladender Geste in Richtung der Besucher, die überwiegend hinten Platz genommen haben - in den sportlichen Schalensitzen der Autoscooter-Flitzer, die Hände am Lenkrad, die Füße am Gaspedal. "Das sind neue Modelle", preist der Pfarrer. "Man sitzt viel besser, hat mehr PS und sogar eine Hupe." Es sind größtenteils Schausteller und ihre Kinder da, rund 40 Besucher insgesamt. Der Kirmes-Gottesdienst, heißt es, sei immer gut besucht.

Besonders streng geht es hier nicht zu. "Ich mache einen ganz offenen Gottesdienst", sagt der 57-Jährige, der in Erfurt lebt und davor 19 Jahre lang Gemeindepfarrer in Magdeburg war. Wer eine hochliturgische Messe wolle, gehe besser in den Dom. Einmal, erzählt er, sei ein älterer Herr mit seinem Auto während der Messe plötzlich losgefahren. Der Pfarrer nahm es mit Humor. "Ich hatte vorher Fahrchips verteilt, damit die Besucher später eine Runde drehen können", sagt er.

In seiner Predigt widmet sich Conrad Herold der Bedeutung von Äußerlichkeiten und der Frage, ob sich andere Menschen nach Aussehen und Gesichtsausdruck beurteilen lassen. Das ziemlich irdische Ambiente des Autoscooters wirkt da als harter Kontrast. Mit Stars and Stripes und Schriftzügen wie "Hollywood" oder "Rodeo Drive" verkündet die Wand hinter dem Altar den American Way of Life. Am Ende sprechen alle das Schaustellergebet. "Lass mich bedenken mein Vorrecht, als Schausteller Freude und Vergnügen zu bringen allen Menschen", heißt es darin.

Getauft wird spontan

Freude und Vergnügen, sagt Conrad Herold später, sei die Welt, die man als Kirmesbesucher sehe. Aber er kenne eben auch die Abgründe hinter den bunten Kulissen. Die Familienschicksale, die finanziellen Probleme. Herold betreut die Schausteller in allen Lebensphasen. Er kommt zu Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Beerdigungen. Für jeden dieser Anlässe hat er einen eigenen Koffer mit den notwendigen Utensilien. "Es ist immer alles fertig gepackt", erzählt der Pfarrer. "Vor allem Taufen kommen oft sehr spontan." Manchmal bleibt er danach noch eine Weile und geht in die Geisterbahn. Er liebt es, sich erschrecken zu lassen.

Für die meisten Schausteller sei der Glaube wichtig, sagt Sven Engelbrecht, der den Gottesdienst vom Rand seines Autoscooters im Stehen verfolgt hat. Vor allem, weil sie so viel unterwegs seien. "Wenn man reist, braucht man feste Punkte im Leben. Das ist die Familie oder der Glauben", ergänzt Conrad Herold. In diesem jahrhundertealten Berufsstand hätten sich daher Werte erhalten, die es sonst in der Gesellschaft nicht mehr gebe. Zu Einweihungen von Fahrgeschäften oder neuer Zirkuszelte werde oft der Pfarrer gerufen.

Herold ist vor allem auf Jahrmärkten in Thüringen und Sachsen-Anhalt unterwegs, manchmal aber auch in Berlin oder Nordrhein-Westfalen. Es mache ihm Spaß, sagt er, obwohl er an 150 Tagen im Jahr unterwegs sei und seine Frau dann nicht sehen könne. "Sie nimmt es gelassen, aber familienfreundlich ist mein Job nicht." Neulich habe er das erste Mal seit Monaten wieder einen Ausflug mit ihr unternommen. Auf der Kirmes, sagt er, waren sie nicht.

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werwirddennwohl 13.12.2014
1.
Wer Bomben segnet darf auch Riesenräder segnen. "Für die meisten Schausteller sei der Glaube wichtig, sagt Sven Engelbrecht". Herr Engelbrecht, Sie verkaufen Aberglauben, denn wer Riesenräder segnet ... Allerdings ist dieser Service, auch wenn er unfassbare Naivität als Geschäftsgrundlage hat, durchaus charmant, und für die die meinen ihn zu brauchen durchaus ein Gewinn.
Saturn48 13.12.2014
2. Man sollte mal übelegen
ob es richtig ist was in der Christlichen Welt so alles gesegnet wird. Kanonen Feuerwehren Polizeiautos und Boote Fabrikhallen samt deren Maschinen parallelen dazu gibt es in de fernöstlichen Religionen da kommt auch zu jedem Anlass ein ...... ja was eigentlich. Es wird aber gelehrt dass ein richtiger Christ nicht abergläubig sein soll was ist denn nun richtig ?????? Die nach der Segnung anstehenden Feiern sind somit legitimiert.
chem_trailer 13.12.2014
3. errinnert mich an .......................
Der dicke katholische Dorfpfarrer segnete (nach Sitte) in den Sechzigern zum Richtfest den Neubau meiner Eltern. Gesoffen und gefressen wurde zu der Zeit noch – hauptsächlich vom Hoch-Gewürdigten ... zwei Tage später traf ein Blitz den Dachstuhl in der Nacht und meinen Vater traf daraufhin der Schlag … Man merke: Die Einsegnung hielt kein Unglück vom Haus und wird auch nicht im Gegenteil den Schlag verursachen. Eigentlich ist es Gott völlig Wumme, was in seinem Namen gesegnet wird. Und wenn man sich an den letzten Weltkrieg erinnern mag, wo verfeindete Völker allesamt segnen ließen und betend um Beistand für ihre Leute die Kirche füllten … an den gleichen Gott gerichtet, hätte doch auffallen müssen, dass Gott etwas zu viel zugemutet wird, oder ...? Sollte es wirklich einen Gott geben, dann bestimmt keinen, in dessen Namen ein Mensch irgendetwas zu segnen hat- erst recht nichts, was zum Töten anderer Menschen dient. In diesem Sinne ihr Priester: Segnet, was ihr mögt, aber in meinen Augen habt ihr einen Job gesucht, um mit möglichst wenig Arbeit durch die Lande zu tingeln – Sie sähen nicht, sie ernten nicht, aber der Kirchensteuer-Zahler ernährt sie doch. Mal schauen wie lange noch – jetzt wo wir Google haben und sozialere Netzwerk-Götter alle anderen Gottheiten verdrängen. Die „Kirche Internet“ wird uns lehren, wie unfrei wir in Wahrheit sind. Ergo - bleibt auch mal raus; aus eurer neuen Kirche ;-)
wuestensand87 16.01.2015
4.
Was es nicht alles gibt... da meint man, man hätte mittlerweile so ziemlich alles schonmal gesehen, und dann sowas ^^
hermannheester 17.01.2015
5. Das fahrende Volk ist gläubig
Das war wohl schon immer so. Nicht selten haben sich auch gläubige "Zigeuner" hier betätigt (man kennt sie heute als "Roma") und die konnten oft nur schwer von althergebrachten Traditionen abkommen. Wenn nun hypermoderne Fahrgeschäfte vom Pfarrer gesegnet werden, so hat das doch auch zumindest Ähnlichkeiten mit der Waffensegnung vor und in Kriegen. Amen.
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