Pferde auf der Waage Ruhig, Brauner!

Klaus Finke ist der Alptraum aller eitlen Huftiere. Seine Waage offenbart jedes überflüssige Kilo - sobald er Pferde rumgekriegt hat, auf das mobile Gerät zu steigen. Der Eigenbau spielte sogar schon eine Rolle in einer Show, als Fernsehleute Abspeck-Kandidatinnen erschrecken wollten.

Von Christopher Krämer


Wenn Klaus Finke mit dem Auto vorfährt, naht der Moment der Wahrheit für alles, was vier Hufe hat. Im Anhänger transportiert er eine Aluminium-Waage, so groß und breit wie eine Haustür, Marke Eigenbau und speziell für schwere Kaliber konstruiert. Mit seiner mobilen Pferdewaage besucht der gelernte Physiklaborant Höfe in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern.

Seit rund drei Jahren verdient Finke, 57, sein Geld als professioneller Pferde-Wieger. Dann kommt ans Licht, welche Tiere in letzter Zeit etwas angesetzt haben und welche demnächst vielleicht eine Möhre extra kriegen sollten. Der Markt ist groß: Rund eine Million Ponys und Pferde gibt es in Deutschland, dagegen nur 10 bis 15 mobile Pferdewaagen, so Finke.

Allerdings lässt nicht jeder Besitzer sein Pferd wiegen, sondern schätzt das Gewicht lieber. Pferde-Wiegen sei aber wichtig, hält Finke dagegen. Wer darauf verzichte, riskiere hohe Kosten und im schlimmsten Fall die Gesundheit seines Vierbeiners. Denn schnell können zwischen Schätzung und tatsächlichen Gewicht mehr als hundert Kilogramm liegen.

Und das kann schlimme Folgen haben: Bekommt ein Pferd zum Beispiel bei einer Wurmkur Medikamente in zu geringer Dosierung, überleben die Parasiten und können mit der Zeit resistent werden. Teure Vitamin-Futterzusätze müssen ebenfalls auf das Körpergewicht abgestimmt werden; sind zu wenig Vitamine im Futter, kann das Pferd krank werden. Außerdem orientieren sich Tierärzte am Gewicht, wenn die Tiere bei kleinen Eingriffen an Hufen oder Zähnen eine Betäubung bekommen.

Bei mehreren Pferden pro Hof gibt's Mengenrabatt

Die Idee für seinen Job kam Klaus Finke, als seine Frau Iris, selbst Pferdebesitzerin, eines Tages das Gewicht ihrer Tiere ermitteln lassen wollte und einen Pferde-Wieger zum Hof bestellte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Finke gerade nach fast 37 Jahren bei seinem Arbeitgeber, einem großen Chemieunternehmen, gekündigt und sah sich nach einer neuen Beschäftigung um. Finke kam mit dem Pferde-Wieger ins Gespräch und entschloss sich kurzerhand zu einem Mini-Praktikum: Er durfte an den nächsten beiden Wochenenden mitfahren und beim Wiegen helfen.

"In diesen Tagen habe ich viel gelernt, obwohl ich durch meine Frau schon seit Jahren mit Pferden zu tun hatte", sagt Finke. Fachwissen über die richtige Ernährung und Fütterung von Pferden las er sich an und entschied wenige Wochen später, ins Wiege-Geschäft einzusteigen.

Am Anfang ging Finke Klinken putzen auf den Pferdehöfen in seiner Heimatstadt Frechen bei Köln. Drei Jahre nach dem Start und rund 6500 Pferde später hat er heute rund 300 Stamm-Höfe, die er regelmäßig anfährt. Ein Pferd zu wiegen, kostet 15 Euro. Bei mehreren Tieren pro Hof gibt es Mengenrabatt.

Stuten zieren sich beim Wiegen öfter als Hengste

Mittlerweile hat Finke seine Arbeitsweise perfektioniert: Anfang der Woche schreibt er Stallbesitzer an und bittet darum, eine Interessentenliste auszuhängen. Ein paar Tage später ruft er an und plant seine Tour. Denn die eigentliche Arbeit findet fast ausschließlich am Wochenende statt, wenn die Pferdebesitzer mehr Zeit haben. Samstags und sonntags ist Finke mit Auto und Anhänger unterwegs und steuert bis zu acht Höfe an einem Tag an.

"Das sind lange Touren, die schon mal zehn, elf Stunden dauern können", erzählt er. Zurück in Frechen führt Finke penibel Buch über die Wiegeergebnisse. Zusammen mit den Wochenend-Einsätzen ist seine Arbeitswoche gut gefüllt. Viel mehr geht nicht im Moment: "Ich bin ziemlich ausgebucht."

Was ein Pferd wiegen sollte, das nicht zu dick und nicht zu dünn ist, lasse sich so leicht nicht beantworten: "Es gibt kein richtiges Maß für das optimale Gewicht." Finke orientiert sich daher nach Erfahrungswerten. Ein normales Reitpferd sollte rund 600 Kilogramm auf die Waage bringen, dickere Tiere müssen aber nicht zwangsläufig abspecken. Nie würde er einem Besitzer sagen, dass das Pferd Diät halten muss. "Ich gebe nur Empfehlungen, ich mache keine Ernährungsberatung", so Finke.

"Die Fernsehleute wollten die Mädels wohl mal schocken"

Nicht jedes Pferd ist begeistert von der Prozedur. Je nach Temperament kann das Wiegen auch mal etwas länger dauern. Manche Tiere sind ängstlich und wollen ungern auf die mit einem braunen Teppich getarnte Waage, andere sind ganz entspannt. "Es ist wichtig, Ruhe auszustrahlen und den Tieren Sicherheit zu geben", sagt Finke. Aufgegeben hat er nie und bisher noch jedes Pferd rumgekriegt, mit Geduld und guten Worten. Generell zieren sich Stuten eher als männliche Tiere - "mit Eitelkeit hat das aber eher weniger zu tun".

Nicht nur Pferde landen auf der Waage von Klaus Finke. Bei einem Hof in Dormagen wollte ein Besitzer Klarheit über das Gewicht seines Kamels - rund 650 Kilogramm brachte das stattliche Tier auf die Waage.

Noch skurriler war allerdings der Anruf eines Fernsehredakteurs im Sommer 2010: Bei einer Abnehmshow eines Kölner Fernsehsenders werde eine spezielle Waage benötigt. So kam Finkes Pferdewaage auf der Kölner Domplatte zum Einsatz, um den übergewichtigen Abspeck-Kandidatinnen zu zeigen, dass sie angeblich zu schwer für eine normale Waage seien.

"Das war nicht sehr charmant von den Fernsehleuten", sagt Finke, "aber die wollten die Mädels wohl mal schocken."

  • KarriereSPIEGEL-Autor Christopher Krämer (Jahrgang 1982) ist freier Journalist und studiert zur Zeit in Edinburgh. Zuvor hat er die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft absolviert.



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