Pflanzen als Patienten Herr Doktor, meine Kamelia schwächelt!

Sie sieht erschöpft aus, ihr Teint ist blass, sie lässt sich einfach nur hängen? Ein Fall für Jenne Packwitz: Wenn die Lieblingspflanze kränkelt, ist er manchmal die letzte Rettung. Packwitz ist von Beruf Pflanzendoktor. Er praktiziert in einem Berliner Gartencenter.

SPIEGEL ONLINE

Von Katja Döhne


Das Rentnerpärchen schaut besorgt: "Von innen wird sie so gelb. An ein paar Stellen ist sie sogar rot." Sie wollen Antworten. Was ist bloß mit ihrem Rhododendron los? Der Pflanzendoktor diagnostiziert: Es ist Herbst. Nichts weiter. Durchatmen.

Auf den ersten Blick ein banaler Krankheitsfall. Und trotzdem typisch. "Meistens kommen die Patienten mit einem gelb oder braun eingefärbten Blatt, das überdurchschnittlich oft an ihrer Pflanze auftaucht - und sie haben keine Ahnung, warum." Das macht den Unterschied: Denn Ahnung hat Jenne Packwitz eine Menge. Und die Diagnose lautet nicht immer Herbst. Oft lautet sie zum Beispiel: Läuse oder andere gefährliche Schädlinge, zu viel oder zu wenig Wasser, eine Überdosis Sonne oder keine Sonne - Pflanzen sind empfindlich, vieles kann ihnen schaden.

Jenne Packwitz ist ausgebildeter Zierpflanzengärtner und studierter Geoökologe. Vom Aussehen und seiner Ausstrahlung her würde er durchaus auch als aufstrebender Klinikarzt durchgehen. Stattdessen behandelt er im Gartencenter "Der Holländer" in Berlin.

"Die Gärtner, die hatten hier einen Ruf wie Penner"

Hinter einer gelben Wand in einer Ecke der Verkaufshalle ist seine Praxis, ähnlich gebaut wie ein Kiosk - vorn ans Fenster kommen die Kunden mit ihren Fragen. Jetzt im Winter ist der Pflanzendoktoralltag ein bisschen eintönig. Meist geht es um das Rezept für die richtige Überwinterung. "Ich hab da ne Kamelie. Was empfehlen Sie mir da zu tun?", fragt Herr Locke den Doktor im ranzigen Tonfall eines Berliner Rentners. Die Zauberformel heißt: Folie um den Topf wickeln. Herr Locke hat nur noch eine Frage: "Dick?" "Dick!", sagt Packwitz.

Der nächste Patient: ein Elefantenfuß. Lässt die Blätter hängen. Okay, das ist normal. Aber dieser braune, feuchte Rand im Topf oberhalb der Erde, der macht seinem Besitzer Sorgen. Zu viel gegossen, sagt Packwitz.

Die Kunden haben Respekt vor seinem Wissen. Man sieht es in ihren Augen, wenn sie Jenne Packwitz zuhören. Genau das wollte der Erfinder des Pflanzendoktors erreichen. Godfried Seelen, Gründer des Gartencenters "Der Holländer" und natürlich selbst aus den Niederlanden, war entsetzt, als er vor drei Jahrzehnten nach Berlin kam: "Die Gärtner, die hatten hier einen Ruf wie Penner." Null Respekt hatten die Leute übrig für die Blumen. Und schon lange keinen für die Leute, die sich um sie kümmern.

Friedhofsvisite: "Die werden sterben"

"Das war ich nicht gewöhnt von Holland. Überhaupt nicht. Da ist ein Gärtner ein angesehener Mensch", sagt er, noch immer zornig über solche Ignoranz. Damals wollte er etwas ändern. Erst gründete er sein Gartencenter, eine Gärtnerei der gehobenen Klasse. Und dann zur Krönung das Pflanzendoktorenteam aus einer Handvoll Menschen, die sich auskennen.

Klar: Das Wort "Doktor", die "Praxis" mit ihrer "Sprechstunde", das alles ist ein geschicktes Marketing. Ein Werbegag ist es aber nicht. Dazu sind die Gespräche, die man aufschnappt, zu ernsthaft. Die Pflanzenbesitzer machen sich wirklich Sorgen um ihre Sprösslinge. Und der Pflanzendoktor kann ihnen tatsächlich helfen. Meist jedenfalls.

Heute muss er einmal eine unheilbare Krankheit diagnostizieren - Friedhofsvisite. Packwitz wurde gerufen, er soll sich ein kränkelndes Grab anschauen. Die Buchsbaumhecke weist Verfärbungen auf, braune Flecken an den Stängeln. Ein "relativ aggressiver Pilzeffekt", da kann der Doktor nichts mehr tun. "Die werden sterben." Gut, dass das Gartencenter gleich nebenan ist. Denn auch wenn der Buchsbaum seinen eigenen Doktor hat - charakterlich wird ihn wohl wenig von einem neuen Buchsbaum unterscheiden.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Katja Döhne (Jahrgang 1985) arbeitet als freie Journalistin in Berlin für Online, TV und Radio.

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