Studie zu ausländischen Pflegekräften Arbeiten unter Wert

Sie fühlen sich schlecht behandelt und oft missverstanden: Zwischen ausländischen Pflegekräften und deutschen Kollegen kommt es immer wieder zu Konflikten, ergab eine Studie. Die Probleme seien jedoch nicht kulturell bedingt.

Erschöpfter Mitarbeiter im Krankenhaus (Symbolbild)
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Erschöpfter Mitarbeiter im Krankenhaus (Symbolbild)


124 Tage. So lange dauert es im Durchschnitt, bis Krankenhäuser eine offene Stelle in der Pflege besetzt haben. Um gegen den Fachkräftemangel anzukommen, werben Politik und Unternehmen seit einigen Jahren zunehmend ausländische Pfleger an. Ihre Zahl hat sich von 2012 bis 2017 fast versechsfacht, berichtet die Hans-Böckler-Stiftung, auf nun gut 8800.

Das gewerkschaftsnahe Institut hat in einer Studie untersuchen lassen, wie die neuen Mitarbeiter - größtenteils stammen sie aus ost- und südeuropäischen Staaten außerhalb der EU oder von den Philippinen - im deutschen Arbeitsalltag ankommen.

Dabei stellten die Wissenschaftler in zahlreichen Interviews fest, dass sowohl die neu migrierten als auch die einheimischen Beschäftigten, von denen selbst etliche einen Migrationshintergrund haben, oft unzufrieden mit der Zusammenarbeit sind.

Wer hat die Studie in Auftrag gegeben?
Die Studie wurde von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in Auftrag gegeben. Durchgeführt wurde sie von sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt. Der Titel der Untersuchung lautet: "Betriebliche Integration von Pflegekräften aus dem Ausland. Innenansichten zu Herausforderungen globalisierter Arbeitsmärkte."
Wie wurden die Daten erhoben?
Die Wissenschaftler haben zum einen Statistiken der Bundesagentur für Arbeit und der Anerkennungsstatsitik ausländischer Berufsabschlüsse des Bundes analysiert. Zum anderen haben sie in der Region Frankfurt/Rhein- Main rund 60 Interviews geführt. Befragt wurden Pflegerinnen und Pfleger, die nach 2008 in die Bundesrepublik gekommen sind, einheimische Pflegefachkräfte und Vorgesetzte, ein Betriebsrat sowie Arbeitgebervertreter, Vermittler und Migrationsexperten.
Was war das Ziel der Untersuchung?
Die Untersuchung ging der Frage nach, "welche Probleme der betrieblichen Integration entstehen und wie die betriebliche Integration angesichts der sich global konstituierenden Pflegearbeitsmärkte gelingen kann, so dass die neu migrierten Pflegefachkräfte längerfristig als Arbeitskräfte in Deutschland bleiben".

So komme es zwischen den Pflegekräften zu Differenzen und Missverständnissen, berichten die Forscher. Als Grund machten sie Unterschiede in der Ausbildung und der gewohnten Arbeitsteilung zwischen medizinischem Personal, Pflege- und Hilfskräften aus:

  • In vielen der Herkunftsländer werden Pflegefachkräfte an Hochschulen ausgebildet. Eine hochqualifizierte schulisch-betriebliche Ausbildung wie in Deutschland ist dort unbekannt.
  • Pflegefachkräfte übernehmen etwa in Südeuropa meist mehr Management- sowie Behandlungsaufgaben, die in Deutschland Medizinern vorbehalten sind.
  • Einfache Tätigkeiten der sogenannten Grundpflege, etwa Patienten zu waschen oder ihnen Essen zu geben, sind für ausländische Pflegefachkräfte ungewöhnlich. Dafür gibt es meist spezielle Servicekräfte, teilweise müssen Angehörige einspringen.

Das Problem: Statt die Konflikte auf die unterschiedliche Ausbildung zurückzuführen, würden sie stereotyp mit "kulturellen Unterschieden" erklärt, berichten die Studienmacher.

Konflikt spitzt sich zu

Als Auseinandersetzung zwischen "Einheimischen" und "Ausländern" spitze sich der Konflikt zu, die Unzufriedenheit sei groß: So haben viele der befragten zugewanderten Pflegekräfte das Gefühl, "unter Wert" arbeiten zu müssen, sie fühlen sich häufiger von Informationen ausgeschlossen, von Vorgesetzten schlechter behandelt. Deutsch als Arbeitssprache werde als "Hierarchisierungsmittel" eingesetzt, wodurch sie in eine Außenseiterposition gedrängt würden.

Die in Deutschland ausgebildeten Pflegefachkräfte kritisierten wiederum, dass die zugewanderten Kollegen im stressigen Arbeitsalltag nicht voll einsetzbar seien. Zum einen, weil sie nicht so gut Deutsch könnten, zum anderen weil ihre akademische Ausbildung "praxisfern" sei. Sie müssten lange eingearbeitet werden.

Die Autoren empfehlen den Kliniken, den Mitarbeitern mehr Raum zum Austausch und professionelle Coaches zur Verfügung zu stellen. Dann könnten sie von ihren unterschiedlichen Kompetenzen gegenseitig profitieren.

Dafür seien allerdings neue Ressourcen nötig - und davon sind Kliniken und Pflegeeinrichtungen zurzeit weit entfernt. In den vergangenen Jahrzehnten, so die Wissenschaftler, hätten die Unternehmen auf den ökonomischen Druck mit Rationalisierung und Verdichtung der Arbeit reagiert.

sun



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
max-mustermann 01.03.2019
1.
Der wichtigste Punkt wurde mal wieder unterschlagen, nämlich das ausländische Pflegekräfte dazu beitragen das die Löhne im Pflegebereich von den Arbeitgebern weiter niedrig gehalten werden können und auch sonst keinerlei Anreiz besteht die Arbeitsbedingungen zu verbessern.
franxinatra 01.03.2019
2. Danke für diese Offenlegung...
sie entspricht einigen meiner Beobachtungen und Schlussfolgerungen, die ich als eingeborener Umsattler im Pflegekomplex mache. Sieht so aus, als ob es demnächst noch schlimmer werden könnte; denn genügend wollen es nicht mehr länger mitmachen. Auf beiden Seiten...
unwichtig_0815 01.03.2019
3. Das Pflege- UND Krankenhaussystem hat versagt.
In unseren Pflegeheimen im Ort (27711 Osterholz-Scharmbeck) werden die ausländischen Arbeitnehmer zu Dumpinglöhnen eingesetzt und sollen ohne irgendeinen merklichen fachlichen Hintergrund die Menschen pflegen. Die tatsächlichen Fachkräfte verlassen reihenweise die Pflegeheime und das Krankenhaus da sie nur noch als Dompteure der verschiedenen Kulturen herhalten und die Verantwortung für 40 und mehr Personen übernehmen sollen. Die Leitung sieht nur den Personalschlüssel und versteckt sich hinter genau den in diesem Artikel aufgeführten (Er)Schlagwörtern. Die zu pflegenden Personen gelten schon lange nicht mehr als hohes Gut sondern nur noch als Betriebsstörend.
Nordstadtbewohner 01.03.2019
4. Vor Arbeitsantritt mehr informieren
"◾In vielen der Herkunftsländer werden Pflegefachkräfte an Hochschulen ausgebildet. Eine hochqualifizierte schulisch-betriebliche Ausbildung wie in Deutschland ist dort unbekannt." Diesen Punkt höre ich schon seit Jahren auch in anderen Branchen. Ich verstehe nicht, warum sich ausländische Bewerber nicht vor Arbeitsantritt entsprechend informieren, wie das hier in Deutschland zwecks Qualifikation so läuft. Dazu kommt das "Hochfeiern" von Hochschulabsolventen. Ein Studium wird hierzulande und auch im Ausland stets als das Nonplusultra angesehen, aber dabei wird völlig ausgeblendet, dass MFAs, MTAs und Pflegekräfte auch ohne Studium gut ausgebildet sein können. Der Artikel deutet natürlich auch an, dass im Ausland vieles anders läuft, vor allem in der Medizin. In den USA musste ich lernen, dass eine "Krankenschwester" dort Nursing studiert und nach dem Abschluss in einer Klinik oder sonstigen Pflegeinrichtung etwa 7 - 8 ungelernte Hilfskräfte (meist Lateinamerikaner) anleitet. Die werden im Spon-Artikel als Servicekräfte bezeichnet. Und eines finde ich auch bemerkenswert: Deutsch als Arbeitssprache und dabei in der Funktion als "Hierarchisierungsmittel". Das mag in der Praxis so stimmen. Nur ist das in fast allen Ländern so. Bei einem beruflichen Aufenthalt erlebte ich das gleiche mit Englisch. Nur da hilft kein Jammern und keine Forderungen. Da muss man halt mitziehen und die jeweilige Arbeitssprache auch lernen. So war es bei mir in den USA auch. Wer mitzieht, die Sprache wirklich beherrscht, der wird nicht unter Wert bezahlt und behandelt. Wer allerdings unrealistische Forderungen stellt, wird hier in Deutschland oder USA oder sonst irgendwo auf der Welt im Berufsleben scheitern.
mpigerl 01.03.2019
5. Weil das tatsächlich kein Punkt ist.
Ja, ich finde auch man sollte Pflegekräfte besser bezahlen. Es ist eine wichtige und anspruchsvolle Aufgabe. Nur selbst wenn sie 5, 10 oder 20% mehr Lohn bekommen würden (wobei 20% eh utopisch ist, weil das ja wieder über Pflege und Krankenversicherung refinanziert werden müsste und dann wäre in De was los), aber gut selbst bei theoretischen 20% mehr Lohn würde man nicht mehr deutsche Pflegekräfte bekommen. Das ist einfach Utopie. Ein Pflegeberuf ist eine Berufung das liegt nicht am Geld (auch wenns richtig wäre mehr zu bezahlen). Und mit der Ausbildung? Ja wir haben auch Ärztemangel. Vielleicht sollte man von den südlichen Ländern mal was lernen. Lasst die ausgebildeten Pflegekräfte mehr medizinische Tätigkeiten macht und gebt die Grundpflege öfter den Pflegehelfern.
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