Gehalt, Auszeit vom Job Pflegefall in der Familie - das sollten Angehörige wissen

Plötzlich wird ein Angehöriger pflegebedürftig - das verändert alles. Wie lange kann man sich als Berufstätiger freistellen lassen? Wie sieht es mit dem Gehalt aus? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

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  • Mein Angehöriger wird pflegebedürftig. Wo stellen wir den Antrag auf Unterstützung?

Direkt bei der Pflegekasse, die zur Krankenkasse gehört. Dafür braucht es keinen Vordruck, der Antrag kann vom Pflegebedürftigen formlos per Brief gestellt werden.

  • Wer gilt als pflegebedürftig?

Achtung, da müssen wir ganz kurz technisch werden: Pflegebedürftig sind laut Sozialgesetzbuch Menschen, die "wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichem Umfang oder höherem Maße der Hilfe bedürfen." (SGB XI, § 14)

  • Wer beurteilt die Pflegebedürftigkeit?

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen (MDK), der einen Gutachter zum Antragsteller nach Hause oder ins Krankenhaus schickt. "Das kann drei bis vier Wochen dauern", sagt Christiane Grote von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die Gutachter, also Pflegefachkräfte oder Ärzte, geben der Pflegekasse daraufhin eine Empfehlung. Letztlich legt die Kasse die Pflegestufe fest. Laut Gesetz muss sie einen Antrag innerhalb von maximal fünf Wochen bearbeiten.

  • Was, wenn es schneller gehen muss?

Dann kann das Krankenhaus oder ein Arzt eine vorläufige Pflegebescheinigung ausstellen. Müssen Arbeitnehmer kurzfristig eine Pflege für Angehörige organisieren, können sie zehn Tage lang vom Job pausieren. Früher war die Auszeit unbezahlt. Seit Januar 2015 kann man einen Lohnersatz von bis zu 90 Prozent des Nettogehalts bekommen.

  • Muss ich die zehn Tage am Stück nehmen?

Nein. Man kann sich beispielsweise erst für sechs Tage freistellen lassen und später noch einmal vier.

  • Welche Informationen braucht mein Chef?

Der Arbeitgeber muss unverzüglich informiert werden. Im Prinzip genügt ein Anruf - auf der sicheren Seite sind Arbeitnehmer aber, wenn sie die Mitteilung auch schriftlich per Brief oder Fax schicken. In der Mitteilung muss aber nicht stehen, um welchen Angehörigen es sich handelt. Außerdem kann der Arbeitgeber für den kurzfristigen Ausfall eine ärztliche Bescheinigung verlangen, aus der hervorgeht, dass der Angehörige voraussichtlich pflegebedürftig sein wird. Die kann ebenfalls ein Arzt oder das Krankenhaus ausstellen.

  • Wer hat eigentlich Anspruch auf Pflegezeit?

Nur nahe Angehörige. Dazu zählen Ehepartner, Lebenspartner, Partner einer eheähnlichen Gemeinschaft, Großeltern, Eltern, Geschwister, Kinder, Adoptiv- und Pflegekinder, Enkelkinder, Schwiegereltern und Schwiegerkinder.

  • Welche Leistungen gibt es genau?

Pflegebedürftige haben die Wahl zwischen Sachleistungen, also der Hilfe von Pflegediensten, oder finanziellen Leistungen (Pflegegeld), wenn sie von Angehörigen zu Hause gepflegt werden. Wie hoch genau die Leistungen sind, hängt von der Pflegestufe ab. Der Pflegebedürftige kann die Leistungen auch kombinieren, also etwa einmal am Tag einen Pflegedienst in Anspruch nehmen und sich in der restlichen Zeit vom Angehörigen pflegen lassen und dafür Pflegegeld beantragen.

  • Was passiert, wenn mein Angehöriger länger gepflegt werden muss?

Arbeitnehmer können sechs Monate aus dem Job aussteigen, um sich um einen kranken Angehörigen zu kümmern. Dabei handelt es sich um eine unbezahlte, sozialversicherte Freistellung. Das gilt allerdings nicht für Mitarbeiter von Kleinstbetrieben: Der Anspruch besteht nur gegenüber Arbeitgebern mit mehr als 15 Beschäftigten. Der Arbeitnehmer kann sich auch teilweise freistellen lassen - der Arbeitgeber kann dies nur aus dringenden betrieblichen Gründen ablehnen. Achtung: Die Pflegezeit muss dem Arbeitgeber mindestens zehn Tage im Voraus angekündigt werden.

  • Kann ich die Pflegezeit vorzeitig beenden?

Nur, wenn der Arbeitgeber zustimmt. Ausnahmen: Die Pflegezeit kann mit einer Übergangsfrist von vier Wochen vorzeitig beendet werden, wenn die gepflegte Person in eine stationäre Pflegeeinrichtung aufgenommen werden muss, die häusliche Pflege unmöglich oder unzumutbar wird oder der Angehörige stirbt.

  • Welche Ansprüche habe ich bei einer Langzeitpflege?

Für einen Zeitraum von maximal 24 Monaten können pflegende Angehörige ihre Arbeitszeit auf mindestens 15 Wochenstunden reduzieren, bei entsprechend geringerem Gehalt. In dieser Zeit besteht Kündigungsschutz und das Gehalt wird um die Hälfte des reduzierten Arbeitsentgelts aufgestockt. Nach der Pflegezeit wird solange das reduzierte Gehalt weiter gezahlt, bis der Gehaltsvorschuss ausgeglichen ist. Achtung: Für Kleinbetriebe mit weniger als 16 Mitarbeitern gelten teils andere Regelungen.

ant/dpa/afp

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
abby_thur 15.10.2014
1. Auszeit, Gehalt, Leistungen: Was pflegende Angehörige wissen sollten
Einfach mal so sechs Monate unbezahlt pausieren? Klingt ja richtig gut und das kann bestimmt jeder mal so einfach machen. --> Sarkasmus OFF
angakin 15.10.2014
2. Pflegestufe
Die Einstufung in die Pflegestufe ist ein Witz. Meiner Mutter, die seit 6 Monaten im Koma/Wachkoma liegt hat jetzt nur die Pflegestufe 2 bekommen und nicht die notwendige Pflegestufe 3. Dabei ist sie hilfloser als ein Baby, denn die können wenigstens schreien. Im Formular waren sinnlose Fragen wie "Kann sich die pflegebedürftige Person selbst verletzen?" - Wenn man sich nicht bewegen kann, kann man sich auch nicht verletzen. So konnte mehrfach ein "Nein" erzeugt und der Fall als harmloser dargestellt werden als er ist. Die "Gutachterin" behauptete auch einfach, dass nur 2 Mal am Tag ein Absaugen der Trachealkanüle notwendig sei, dabei sind es gegenwärtig 5-8 Mal am Tag. Fazit: Die Krankenkassen sind nur daran interessiert die Kosten zu drücken, der Patient ist 2-rangig.
ijf 15.10.2014
3. @2. angakin - ich hoffe sehr und wuensche Ihnen
Dass Sie die noetigen Nerven in dieser sicher ohnehin sehr stressigen Situation haben, sofort - und falls noetig immer wieder - Einspruch gg den Bescheid einzulegen!
teilzeitmutti 15.10.2014
4. @ #2
Genau deswegen sollen ja auch möglichst viele ihre Angehörigen zu Hause pflegen. Es geht nicht darum ob das gut für die Betroffenen und deren Angehörigen ist, sondern lediglich um die Entlastung der Sozialversicherungssysteme.
fatherted98 15.10.2014
5. Schlimm...
Zitat von angakinDie Einstufung in die Pflegestufe ist ein Witz. Meiner Mutter, die seit 6 Monaten im Koma/Wachkoma liegt hat jetzt nur die Pflegestufe 2 bekommen und nicht die notwendige Pflegestufe 3. Dabei ist sie hilfloser als ein Baby, denn die können wenigstens schreien. Im Formular waren sinnlose Fragen wie "Kann sich die pflegebedürftige Person selbst verletzen?" - Wenn man sich nicht bewegen kann, kann man sich auch nicht verletzen. So konnte mehrfach ein "Nein" erzeugt und der Fall als harmloser dargestellt werden als er ist. Die "Gutachterin" behauptete auch einfach, dass nur 2 Mal am Tag ein Absaugen der Trachealkanüle notwendig sei, dabei sind es gegenwärtig 5-8 Mal am Tag. Fazit: Die Krankenkassen sind nur daran interessiert die Kosten zu drücken, der Patient ist 2-rangig.
...Ihre Erfahrungen. Ich hoffe Ihnen und Ihrer Mutter geht es bald besser. Mein Tip (wenn Sie die Nerven dazu haben)...verklagen Sie die Kasse....in meinem Bekanntenkreis (ein guter Bekannter mit behindertem Kind)...wird von der Kasse grundsätzlich erst mal alles abglehnt. Nur auf dem Klageweg (bisher schon 3 Klagen) wurden alle Leistungen bewilligt. Es klingt wie ein Hohn...die Kassen rechnen damit das Sie zu schwach sind sich zu wehren und weder die Zeit noch die Nerven haben für eine Klage. Alles Gute.
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