CDU-Wahlkämpfer Philipp Amthor Er ist 24 und will in den Bundestag

Er hat die Telefonnummer von Angela Merkel und liest Machiavelli: Philipp Amthor, 24, hat am Sonntag gute Chancen, für die CDU in den Bundestag einzuziehen. Was treibt ihn?

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Von Daniel Sippel


Angenommen man wäre Anfang 20, trinkt Bier auf einer WG-Party, und da käme dieser blasse Junge. Ein Typ im Jackett. Er redet über soziale Marktwirtschaft und Helmut Kohl. Dabei amüsiert er sich prächtig, trinkt Cuba Libre und isst ein Mettbrötchen. Er erzählt, dass er 24 ist, Jura studiert hat und für den Bundestag kandidiert - für die CDU. Der jüngste Abgeordnete könnte er sein. Weil das niemand glaubt, holt er sein Handy aus der Tasche. Ein Kontakt in seinem Telefonbuch: "Angela Merkel, MdB". Er verteilt noch seine Visitenkarte. Darauf steht: "CDU-Bundestagskandidat. Wahlkreis 16: Mecklenburgische Seenplatte - Vorpommern-Greifswald."

So ein Typ ist Philipp Amthor. Er mag tatsächlich Mettbrötchen und Cuba Libre. Und er kandidiert für den Bundestag. Amthor arbeitet 40 Stunden pro Woche für die CDU. Nebenbei promoviert er in Öffentlichem Recht, arbeitet als Jurist in einer Berliner Wirtschaftskanzlei und kümmert sich um seine verwitwete Großmutter. Seine Tage enden spät in der Nacht. Die letzte Stimme, die er abends hört, ist die seines Kampagnenmanagers am Telefon. Dann schläft er fünf Stunden, manchmal sechs.

Kanzlerin Merkel mit Philipp Amthor im Wahlkampf in Greifswald
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Kanzlerin Merkel mit Philipp Amthor im Wahlkampf in Greifswald

Schon Monate vor der Wahl hat er Plakate aufgehängt. Sein Claim: "Sie kochen Kaffee, ich bringe Kuchen mit." Darunter seine Handynummer. Eine ältere Dame rief tatsächlich an - der Bus stoppe nicht mehr an ihrer Haltestelle. Amthor sprach mit ein paar Leuten. "Jetzt hält der Bus dort wieder", sagt er. "Und ich bin der Held."

Nächster Halt für den Helden - Bundestag? Das Parlament bekäme einen, der Machiavelli liest und Angela Merkel zitiert. Einen, der so redet, als sei er schon 50 Jahre im Geschäft. Dabei hat er bis vor wenigen Monaten noch studiert: Jura an der Hochschule, und Politik in der Praxis. Was ein Politiker wissen muss. Wie er auftritt. Wie er selbstbewusst redet.

Und er hat sich darum gekümmert, wie er die richtigen Leute kennenlernt. Angela Merkel zum Beispiel. "Wir mögen uns", sagt Amthor.

"Vielleicht", schiebt er hinterher.

Er nennt die Bundeskanzlerin "Frau Merkel". Sie ist die CDU-Direktkandidatin in seinem Nachbarwahlkreis. Witzig, schlagfertig und klug sei sie, die "Frau Merkel". Vor drei Jahren hat sie ihn zur offiziellen Feier ihres 60. Geburtstags eingeladen. Er hat sich damals die Namen ihrer Bodyguards gemerkt.

Schützenfest in Loetz
Philipp Spalek

Schützenfest in Loetz

Amthor hat schnell gelernt, dass Beziehungen in der Politik am meisten zählen. Heute sagen Politiker in seinem Wahlkreis: "Wenn man Merkel etwas stecken will, kann man zu Philipp Amthor gehen."

Es ist acht Jahre her, damals war er 16, dass er Merkel zum ersten Mal traf. Damals wurde er als eifrigster CDU-Wahlkämpfer in Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet. Er durfte im "Rheingold-Express", dem Wahlkampfzug der Kanzlerin, mitfahren. "Da haben wir ein wenig über ihre Heimat geplauscht."

Auf dem CDU-Parteitag 2011 sprach sie wieder mit ihm. Er hatte gerade sein Abitur bestanden und plante, seine Heimat für ein Jurastudium zu verlassen. Merkel überredete ihn, so erzählt er, in Greifswald zu bleiben und dort zu studieren. Amthor erinnert sich: "Damals sagte sie: Wir brauchen gute Leute vor Ort."

Und Amthor? Gehorchte.

Und legte einen neuen Kontakt in seinem Handy an: "Dr. Angela Merkel, MdB", darunter vier Telefonnummern und ihr Geburtsdatum. Damit er nicht vergisst, ihr per SMS zum Geburtstag zu gratulieren.

Der Pummelbär der Klasse

Amthor wuchs in Torgelow auf, einer Kleinstadt in Vorpommern. Seinen Vater kennt er kaum. Seine Mutter arbeitete in einem Callcenter, coachte dort Mitarbeiter. Nach der Schule ging Philipp oft zu seinen Großeltern oder zu seinem Onkel. Er war der Pummelbär der Klasse. Er war der, der im Sportunterricht stets als Letzter in eine Mannschaft gewählt wurde.

Wahlplakate in Wolgast
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Wahlplakate in Wolgast

Kurz nach seinem 16. Geburtstag schickte er seinen CDU-Mitgliedsantrag an die Landesgeschäftsstelle. Als er einen Monat lang keine Antwort erhielt, rief er dort ungeduldig an. Der junge Mann drängelte, er wollte in die CDU eintreten. "Ich habe ihm kein einziges Wort geglaubt", sagt Beate Schlupp, die CDU-Landtagsabgeordnete, die damals ans Telefon ging. "Er war so übereifrig." Sie dachte an einen Radiostreich. Doch Amthor meinte es ernst.

Ein Jahr nach seinem Parteieintritt hielt er eine Rede vor dem Bildungsausschuss des Landtags. Im Publikum saßen Professoren und Abgeordnete. Als Landesschülersprecher schimpfte er auf die Politik der SPD, provozierte, griff Manuela Schwesig an, die damalige Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern. "Seine Rede passte nicht zu seinem Alter", erinnert sich Beate Schlupp. "Und er war überhaupt nicht aufgeregt."

An der Seite von Seehofer, Schäuble, Spahn

Sieben Jahre später, 2017, treten in seinem Bundestagswahlkreis Politstars wie Horst Seehofer, Wolfgang Schäuble und Jens Spahn an seiner Seite auf. Die konservative Elite der Union zu Gast bei Amthor. Bei der Landtagswahl 2016 gewann die AfD in seinem Wahlkreis drei Direktmandate. Das soll sich bei der Bundestagswahl nicht wiederholen. Amthor hat sich darauf eingestellt. Er poltert gegen "Gender-Mainstreaming" und hat - vergeblich - gegen die Homo-Ehe gekämpft. Die sei "aus verfassungsrechtlicher Sicht ein Unding", sagt Amthor.

Amthor mit Merkel Anfang September in Strasburg
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Amthor mit Merkel Anfang September in Strasburg

Provokation schafft Aufmerksamkeit. Er hat die Methode beibehalten. An einem Samstagmorgen löffelt Amthor Müsli in seiner Greifswalder Wohnung. Er liest Zeitung auf seinem Tablet und sieht ein Bild der Hamburger G20-Proteste: Eine junge Frau in Leggings steht provokativ auf einem Polizeifahrzeug. Amthor ärgert sich: "So eine linke Made!"

Vieles, was Amthor sagt, wirkt ein wenig aufgesetzt. So als inszeniere er sich ununterbrochen selbst. Die Wohnung gehört zu seiner Show dazu. Hier empfängt er Kreistags-, Landtags- und Bundestagsabgeordnete. Und Mitarbeiter aus dem Wahlkreisbüro von Angela Merkel. Einen davon hat Amthor bereits ausgesucht, um sein Berliner Büro zu leiten - falls er gewählt wird. Doch davon geht er aus.

"Kein 24-Jähriger zieht sich so an wie du"

Auf dem Regal in seinem Wohnzimmer steht eine Büste von Friedrich dem Großen. "Preußens Glanz und Gloria", kommentiert Amthor. Im Regal: Platons "Der Staat" und drei abgegriffene Bände "Wehrmachtsberichte - 1939-1945". Davor ein schwarzes Ledersofa. Hinter dem Wohnzimmer hat er sein Hauptquartier aufgeschlagen: sein Büro. Ordner reiht sich an Ordner, durchnummeriert mit römischen Ziffern, geordnet nach Themen: "CDU", "Junge Union", "Konrad-Adenauer-Stiftung". Sein ganzes, noch kurzes Politikerleben kategorisiert, gelocht und abgeheftet.

Auf dem Schützenfest
Philipp Spalek

Auf dem Schützenfest

In den Ordnern sind abgelegt: Teilnehmerlisten, Rednerlisten, Programme von Veranstaltungen. Vor wichtigen Terminen bereitet er sich generalstabsmäßig vor. Erstellt Namenslisten der Teilnehmer, fahndet nach den Personen in seinem Archiv. Wen hat er wo schon mal getroffen? Mit wem saß er mal auf einem Podium? Fleiß und Ordnung, preußische Tugenden. Er sagt, das habe er vom Opa gelernt.

Auch seinen Wahlkampf hat Amthor sorgfältig geplant. Ein Sommerabend in Neubrandenburg, oben im Nordosten Deutschlands. Sein Wahlkampfteam ist gekommen, um seine Porträtfotos auszuwählen. "Ganz vernünftig" findet er die Bilder. Er öffnet die Galerie auf seinem Laptop und dreht den Bildschirm in Richtung seines Teams.

Amthor beim Frühstück in seiner Studentenwohnung in Greifswald
Philipp Spalek

Amthor beim Frühstück in seiner Studentenwohnung in Greifswald

"DIE sollen aufs Wahlplakat?" Amthor nickt. "Auf den Bildern siehst du aus wie ein Streber", sagt eine Frau aus seinem Team. "Wie einer, den keiner leiden kann." Einen Moment lang herrscht Stille. Sie legt nach: "Kein 24-Jähriger zieht sich so an wie du."

Amthor lächelt. Dann bedankt er sich höflich für das "tolle Feedback" und sucht auf seinem Laptop nach Bildern aus einem anderen Shooting. "Die gehen auch nicht", sagt er. "Da sehe ich aus wie zugekokst." Als er die Bildergalerie schließt, scheint kurz das Hintergrundfoto auf. Es zeigt die gläserne Kuppel des Bundestags.

insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
b20a9 23.09.2017
1. Weiter so
Wenn der Bericht stimmt ist er äußerst Zielstrebig, engagiert und organisiert, schlagfertig. Das Land braucht gute Nachwuchspolitiker, weiter so! Und was auf dem Kasten hat er ganz offensichtlich auch. Sein Äußeres spiegelt dies wieder. Er sollte meines Erachtens nach nicht zu sehr auf seine "Berater" hören sondern seinen Stil selbst finden und definieren. Sieht wie ein Streber aus - na und? Er ist einer. Und, ist das schlecht? Nein, im Gegenteil. Besonders gefällt mir, dass er sich historisch bildet. Nur wer aus der Vergangenheit lernt kann eine bessere Zukunft gestalten. Ungebildete Dumpfbacken und populistische Clowns haben wir nämlich aktuell leider zur Genüge in der Politik. Und er kommt dem Bericht nach aus normalen Verhältnissen und hat sich seine politische Laufbahn selbst erarbeitet, und das mit 24 - Respekt!
x-ray 48 23.09.2017
2. Ich denke
wieder so ein Experte mehr welcher in die Sammlung Tauber Kauder passt. Man scheint also um den Nachwuchs bemüht.
langenscheidt 23.09.2017
3. Gute Geschichte...
... eines Politemporkömmlings, der immer die Nähe der Kanzlerin suchte und damit Kapital schlägt. Sein zweites Plus ist bei der Erststimme der Parteinamen CDU. In seinem Bundestagswahlkreis bewerben sich ebenso Namenlose aus den anderen Parteien. Wenn er gewählt wird, ist der Kanzlerin-Rat, vor Ort zu bleiben, passé. Das SPD-Adäquat in MV ist der Vorpommern-Staatssekretär Patrick Dahlemann. Auch so'n begnadeter Worthülsenredner.
gagagogotralafitti 23.09.2017
4. Meine Güte
Offensichtlich ist der junge Mann ambitioniert. Das ist viel wert. Im Artikel wird die ganze Zeit die Andersartigkeit thematisiert: Kleidung, Interessen. Warum wird das so thematisiert? Soll hier eine Anti-Haltung getriggert werden, weil die meisten Leute keine Übereifrigen leiden können? Meiner Meinung nach leider ist in der falschen Partei, vielleicht auch in der richtigen, je nachdem wie man es betrachtet. Aber die Stellen, wo es interessant wird, wo es um Inhalte geht - das wird dann nicht behandelt. Ich weiß, welches Bild gemeint ist. Das ist also eine "linke Made". Da hätte man darauf eingehen können - warum schätzt der das so ein? Warum sieht er sie als eine Made? Das hätte man fragen können. Warum ist nicht die Reaktion der Polizisten ein Thema, die sie dann mit Reizgas besprühen. Was findet er am Ehe-für-alle-Gesetz schlecht? Ist die juristische Umsetzung nur Strohmann für was anderes? Vermutlich, denn er kämpfte dagegen, statt *für* eine gute Umsetzung aus juristischer Sicht. Der Artikel ist gut gemeint, jedoch auch nur wieder Ausdruck für eine Politik wo es um Oberflächlichkeiten geht. Ich erwarte als Leser keine Homestorys, sondern Inhalte - von den Medien wie von der Politik.
peterregen 23.09.2017
5.
'Er liest Zeitung auf seinem Tablet und sieht ein Bild der Hamburger G20-Proteste: Eine junge Frau in Leggings steht provokativ auf einem Polizeifahrzeug. Amthor ärgert sich: "So eine linke Made!"' "So eine linke Made!" - diese Wortwahl kenne ich eigentlich nur von Rechtsradikalen. Sieht so die Zukunft der CDU aus? Und wenn ja, warum sollte man dann nicht gleich das Original - die AfD - wählen?
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