Pilot bei insolventer Airline Niki "Das konnte nicht lange gut gehen"

Wie fühlt es sich an, wenn die eigene Firma von einem Tag auf den anderen pleitegeht? Ein Pilot der insolventen Airline Niki erzählt.

Niki-Maschine in Düsseldorf (Archiv)
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Niki-Maschine in Düsseldorf (Archiv)

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"Im Moment ist die Stimmung ganz merkwürdig bei Niki, wir sind im luftleeren Raum. Gestern gab es eine eilig einberufene Betriebsversammlung. Die Stimmung war gereizt, viele von uns mussten ihren Ärger rauslassen. Das Ende unserer Airline traf uns überraschend - wir gingen davon aus, dass es irgendwie schon klappen würde mit der Übernahme durch Lufthansa. Ich dachte, wir würden für deren Billigtochter Eurowings fliegen.

Doch als ich vor zwei Tagen nach einer Landung mein Handy einschaltete, war die erste Nachricht, die ich bei Facebook sah: 'Lufthansa zieht ihr Angebot für Niki zurück'. Auch von der Insolvenz selbst habe ich nur aus den Medien erfahren. Bis heute gibt es keine offizielle Mitteilung an mich als Mitarbeiter.

Ich bekam nur eine Änderung für meinen Dienstplan: In einer E-Mail stand, dass meine übrigen Flüge an diesem Tag nicht mehr stattfinden und wie ich zu meiner Basis nach Wien zurückkomme. Das war technisch völlig okay, ich habe von Crews gehört, die unterwegs ihre Hotelrechnung plötzlich selber zahlen sollten, weil die Firmenkreditkarte nicht mehr ging. Trotzdem fühle ich mich alleingelassen.

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Insolvente Airlines: Kein gutes Jahr für Niki und Air Berlin

Im Intranet konnte man ein PDF der Geschäftsführung lesen. Zwei DIN-A4-Seiten, in denen sich die Chefs vor allem über die EU beklagen. Die sei an dem Schlamassel schuld, wegen ihrer wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Klar, die EU ist ein einfacher Sündenbock. Ganz am Schluss wird dann auch tatsächlich die Insolvenz erwähnt.

Das ist wirklich schade. Ich bin seit zwölf Jahren Pilot. Als ich vor vier Jahren zu Niki kam, war es vor allem das familiäre Arbeitsklima, das mir gefallen hat. Die Bezahlung war zwar nur durchschnittlich, aber jeder kannte jeden, der Umgang miteinander war herzlich, der Dienstplan funktionierte zuverlässig. Ich flog fast immer von Wien aus, nach einem Arbeitstag war ich meist wieder zu Hause.

Das änderte sich, als die neue Konzernmutter Air Berlin vor zwei Jahren das Management auswechselte. Niki war nun der Ferienflieger für Air Berlin, ich musste meist auf Kette fliegen. Das heißt: Von Wien werde ich nach Düsseldorf gebracht, mache von dort den ersten eigenen Flug nach Teneriffa, fliege von dort nach Köln, übernachte entweder dort oder am Reiseziel - und so weiter. Nach Hause kommt man erst wieder nach sechs Tagen.

Das allein wäre nicht schlimm gewesen, aber die Dienstplanumstellung war chaotisch. Ständig wurde der Plan geändert, nichts funktionierte, oft saßen wir Crews halbe Tage wartend irgendwo rum. Der Crew Contact war oft gar nicht zu erreichen, das sind die Kollegen in der Zentrale, die Flüge und Crews koordinieren und bei Problemen eingreifen.

Die meisten werden wohl woanders unterkommen

Allen war klar, dass das nicht lange gut gehen kann. Mit der Zeit spielte sich zwar vieles ein und funktionierte besser. Aber dann wurde die Krise bei Air Berlin offensichtlich. Irgendwann würden die Probleme auch Niki erreichen, das wusste ich.

Ich habe keine Angst, was meine Zukunft angeht. Die meisten Kollegen vom fliegenden Personal werden wohl woanders unterkommen, Bedarf ist ja da. Die Austrian Airlines bietet uns Niki-Piloten neue Jobs an, zum Einstieg erst mal als Co-Piloten. Nächste Woche gibt es ein Casting mit beschleunigtem Bewerbungsverfahren. Und Eurowings will uns auch neue Stellen offerieren.

Unser Betriebsrat rät zwar davon ab, diese Angebote anzunehmen. Aber der hat ja auch immer behauptet, die Verhandlungen seien auf einem guten Weg, da fehlt mir gerade das Vertrauen.

Viele Kollegen, die ich kenne, bewerben sich gerade. Es ist nicht geschickt, lange auf einen besseren Job zu warten - als Pilot muss man ja ständig seine Lizenzen verlängern, auch indem man genug Flugmeilen absolviert. Da ist eine Arbeitsunterbrechung ein Problem.

Ein bisschen bitter ist das schon: Die Lufthansa, zu der ja nicht nur Eurowings, sondern auch Austrian Airlines gehört, bekommt so doch noch viele Niki-Leute. Und spart dabei wahrscheinlich Geld, denn die Konditionen werden nicht so gut sein wie bisher. Ich schätze, dass das im Schnitt für uns Piloten Einbußen von 10.000 Euro im Jahr bedeutet. Das ist vor allem für die vielen jungen Kollegen hart, die ihre Ausbildung noch nicht abbezahlt haben. Für das Kabinenpersonal ist es noch schlimmer, die Eurowings zahlt da notorisch schlecht.

Ich habe den Eindruck, dass die Lufthansa hier taktiert hat, und das macht mich wütend. Aber jetzt muss ich eben sehen, wie ich in der Situation gut weiterkomme."

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biesi61 16.12.2017
1. Die Rolle der Lufthansa in diesem Drama
ist wirklich hinterfragenswert. Politisch auf jeden Fall und vermutlich auch strafrechtlich. Und die Aktionen der Bundesregierung, insbesondere des Bundesverkehrsministers, sind auch höchst fragwürdig. Viel Arbeit für investrigative Journalisten und versierte Staatsanwälte!
Stäffelesrutscher 16.12.2017
2.
«Das änderte sich, als die neue Konzernmutter Air Berlin vor zwei Jahren das Management auswechselte. Niki war nun der Ferienflieger für Air Berlin, ich musste meist auf Kette fliegen. Das heißt: Von Wien werde ich nach Düsseldorf gebracht, mache von dort den ersten eigenen Flug nach Teneriffa, fliege von dort nach Köln, übernachte entweder dort oder am Reiseziel - und so weiter. Nach Hause kommt man erst wieder nach sechs Tagen. Das allein wäre nicht schlimm gewesen, aber die Dienstplanumstellung war chaotisch. Ständig wurde der Plan geändert, nichts funktionierte, oft saßen wir Crews halbe Tage wartend irgendwo rum. Der Crew Contact war oft gar nicht zu erreichen, das sind die Kollegen in der Zentrale, die Flüge und Crews koordinieren und bei Problemen eingreifen.« Da sieht man sehr deutlich, wie ein unfähiges Management eine Firma ruinieren kann. Oder war das Absicht?
jomai 16.12.2017
3. @ Nr 1
Sie wollen ein Haus von jemand kaufen dem das Wasser bis zum Hals steht. Damit es nicht zur Zwangsversteigerung kommt zahlen sie für den Eigentümer die monatlichen Bankraten des Kredits. Dann kommt die Bauaufsicht und sagt ihnen mehr oder weniger dass sie einem Verkauf vermutlich nicht zustimmen werden. Würden sie ihr Kaufgebot weiter aufrecht halten und weiter jeden Monat zahlen oder würden sie eher sagen: „Ok ist zwar schade aber dann eben nicht“. Könnten sie bitte außerdem erläutern was bei der Lufthansa strafrechtlich relevant sein soll?
spiegel0111 16.12.2017
4. Woran können Sie denn erkennen, ...
Zitat von Stäffelesrutscher«Das änderte sich, als die neue Konzernmutter Air Berlin vor zwei Jahren das Management auswechselte. Niki war nun der Ferienflieger für Air Berlin, ich musste meist auf Kette fliegen. Das heißt: Von Wien werde ich nach Düsseldorf gebracht, mache von dort den ersten eigenen Flug nach Teneriffa, fliege von dort nach Köln, übernachte entweder dort oder am Reiseziel - und so weiter. Nach Hause kommt man erst wieder nach sechs Tagen. Das allein wäre nicht schlimm gewesen, aber die Dienstplanumstellung war chaotisch. Ständig wurde der Plan geändert, nichts funktionierte, oft saßen wir Crews halbe Tage wartend irgendwo rum. Der Crew Contact war oft gar nicht zu erreichen, das sind die Kollegen in der Zentrale, die Flüge und Crews koordinieren und bei Problemen eingreifen.« Da sieht man sehr deutlich, wie ein unfähiges Management eine Firma ruinieren kann. Oder war das Absicht?
... dass diese Vorgehen ruinös war? Vielleicht hat sich durch diese Dienstplanumstellungen das wirtschaftliche Ergebnis ja verbessert. Schließlich war Niki ja das positive Element in dem Air Berlin Laden.
humble_opinion 16.12.2017
5. Plan für die Zukunft
"Schlecker-Frauen", Siemens-Mitarbeiter, jetzt Piloten und Bordpersonal - die Einschläge auch bei besser- und hochqualifizierten Arbeitnehmern kommen näher. Das ist halt eine der Kehrseiten unseres Turbokapitalismus und aufregen tun sich fast nur die, die gerade frisch betroffen sind. Da fällt einem das Mitgefühl schon etwas schwerer. Seit den 1970ern verändern Industrialisierung und Computerisierung die Arbeitswelt. D.h. immer mehr Arbeit wird von Maschinen erledigt. Auf eine politische Antwort darauf warte ich bis heute. Das Einzige, was den Regierenden einfällt, ist Weiterbildung. Das mag das Problem abmildern, aber mehr auch nicht, und führt teilweise zu grotesker Verbrennung von Geld. Was da mitunter in den Schulungsakademien vermittelt wird ist völlig weltfremd bzw. werden dort Leute 'hinein gestopft', wohl nur, um die Zahl der Arbeitslosen schönzurechnen. Bekannter von mir, 60, arbeitslos, Druckvorlagenhersteller, 'darf' ab Januar an einer Auffrischung von Software (Photoshop und noch ein Programm) teilnehmen. Costa quanta: 5.000 Euro für nichts, da er sich schon bei allen in Frage kommenden Untrnehmen in unserer Stadt beworben hat, sogar mehrfach. Selbst der Dozent sagte ihm unverblümt, dass das wohl nicht viel bringen würde. Eine Vision oder gar ein Plan der Regierenden, auf die immer weniger werdende Arbeit, die von Menschenhand erledigt werden muss, zu reagieren? Pustekuchen. Weiterwurschteln ist angesagt.
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