2:41 Minuten in einem Eisloch "Mein bislang härtester Pitch"

Bei minus drei Grad Außentemperatur und starkem Wind stellte sich der Berliner Start-up-Mitarbeiter Nicolai Woyczechowski in ein Eisloch in Nordfinnland, um Investoren von seiner Idee zu überzeugen. Geht's noch?

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Ein Interview von Anne Haeming


SPIEGEL ONLINE: Herr Woyczechowski, Sie standen 2:41 Minuten in einem Eisloch in Nordfinnland, um Investoren von der Geschäftsidee eines Start-ups zu überzeugen - wie geht es Ihnen?

Nicolai Woyczechowski: Inzwischen bin ich wieder aufgetaut. Sehr geholfen hat, dass die Organisatoren eine mobile Sauna und ein Jacuzzi aufgebaut hatten, in dem wir mit den anderen Teams später saßen und feierten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Konkurrenz beim Polar Bear Pitching hat mit einem Eisschwimmer trainiert. Wie haben Sie sich auf diesen Auftritt vorbereitet?

Woyczechowski: So ähnlich: Wir waren zwei Wochen vorher einmal in einer Sauna in Helsinki direkt an der vereisten Ostsee, wo wir uns zum Abkühlen über eine Schwimmleiter zwischen die Eisschollen gleiten ließen - perfekte Bedingungen für eine Generalprobe.

Zur Person
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    Nicolai Woyczechowski, Jahrgang 1983, hat BWL an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder studiert und danach in der Automobilbranche gearbeitet. Im Oktober 2016 eröffnete er die Berliner Dependance eines finnischen E-Mobility-Startups.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Ihrem Pitch gewonnen. Klappt das im Eiswasser überzeugender als im Warmen und Trockenen?

Woyczechowski: Abgesehen davon, dass eine solch ungewöhnliche Aktion natürlich mehr Aufmerksamkeit erregt, kann ich bestätigen: Die Bedingungen sind härter als bei jedem Elevator-Pitch. Es herrschten minus drei Grad Außentemperatur, dazu wehte ein starker Wind, es war einfach sehr, sehr kalt. Da zu brillieren ist eine Herausforderung. Zumal es schwer fällt, sich zu konzentrieren. Man muss aufpassen, dass man nicht anfängt, Quatsch zu reden.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, weil man wegen Ihres Zähneklapperns nichts mehr verstanden hätte?

Woyczechowski: Na ja, nach anderthalb Minuten wird es wirklich schmerzhaft. Uns war klar, danach wird der Pitch nicht informativer, wir mussten also alles möglichst knackig rüberbringen.

Das Polar Bear Pitching - die Aktion
    Seit 2014 treten Start-ups aus Europa beim Polar Bear Pitching im finnischen Oulu gegeneinander an. Dabei müssen die Teilnehmer so lange sie es aushalten unter freiem Himmel in einem Eisloch stehen und dabei eine Jury aus internationalen Investoren von ihrer Business-Idee überzeugen. Die Aktion wird durchgeführt von einer NGO und den Hochschulen der Stadt - auch um Standortmarketing zu betreiben.
  • Polar Bear Pitching: Gewinner 2017
  • Polar Bear Pitching Website

SPIEGEL ONLINE: Mit PowerPoint konnten Sie ja schlecht arbeiten. Wie haben Sie die Investoren überzeugt?

Woyczechowski: Da wir zu zweit waren, beschlossen wir, unsere Rücken als mobile Flipcharts zu nutzen und malten uns mit Edding Diagramme darauf. Denn wir wussten, unser Thema wäre zu komplex, um es nur mit Worten in der kurzen Zeit zu vermitteln: Es geht um eine Software für die E-Mobility-Branche, die Ladestationen verwaltet, abrechnet und auch Elektroautofahrern sowie Energieversorgern smarte Services liefert.

18 Start-ups waren ausgewählt worden, um im finnischen Oulu - in einem Eisloch stehend - ihre Geschäftsidee einer Runde Investoren vorzustellen.
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18 Start-ups waren ausgewählt worden, um im finnischen Oulu - in einem Eisloch stehend - ihre Geschäftsidee einer Runde Investoren vorzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Aktion wie das Polar-Bear-Pitching typisch für die finnische Start-up-Kultur?

Woyczechowski: Die Finnen sind sehr erfrischend, schnell und pragmatisch. Dazu passt es, junge Start-ups eben nicht in einem Büro antreten zu lassen, sondern eine Investorenrunde mit einem typisch lokalen Element zu verbinden - auch, um Standortmarketing für die Stadt Oulu zu machen, die nach dem Ende des Nokia-Booms inzwischen wieder zu einem echten Hightech-Hotspot geworden ist. Alle Finalisten machten mit einem Augenzwinkern mit, aber es war klar, dass es keine alberne Show ist, sondern die Jury aus wichtigen Investoren bestand. Es war definitiv mein bislang härtester Pitch.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 10.000 Euro gewonnen, dazu bekommen Sie einen Flug samt Büromiete im Silicon Valley bezahlt. Der Vorjahressieger hat sein Preisgeld inzwischen vervielfacht. Was haben Sie damit vor?

Woyczechowski: Wir werden das Geld in neue Mitarbeiter für unsere Firma investieren. Aber erst mal wird gefeiert, schließlich haben alle aus unserem 18-köpfigen Team mitgeholfen.

SPIEGEL ONLINE: Beim Eisschwimmen oder in der Sauna?

Woyczechowski: Beides. Und zwar in der Sauna in Helsinki, wo wir unsere Generalprobe in der vereisten Ostsee bestanden hatten. Da müssen jetzt alle mal durch.

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Seite 1
rainer_d 22.02.2017
1. Ist es wirklich schon wieder so weit?
Scheint so, als sei die neue Dot-Com Blase schon wieder kurz vor dem Platzen. (An dieser Stelle darf man sich via Google Bilder-Suche ein beliebiges Facepalm-Bild einkleben)
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