Frauen in der IT Mädels, wo seid ihr?

Jobs gibt es genug, doch vor den Rechnern sitzen nur Männer: Programmiererinnen sind rar. Lassen sich Frauen von Zahlenkolonnen und schrägen Kollegen abschrecken? Drei IT-Expertinnen berichten über ihre Erfahrungen in der Nerd-Branche.

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Wooga

Als Charlotte Vorbeck, 32, den Vertrag für ihre Festanstellung unterschreibt, weiß sie, dass sie knapp vier Monate später in Mutterschutz gehen wird - und dann ein Jahr weg ist. Ihre Chefs wissen es auch. Aber gute Flash-Entwicklerinnen sind rar. Und Vorbeck hat schon bewiesen, dass sie ins Team passt. Als freie Mitarbeiterin hat sie für Wooga das Browserspiel "Monster World" mitprogrammiert. Man kann dort Limonadenbüsche pflanzen, Stachelbälle ernten, die Freunde übertreffen.

Auf solche Spiele hat sich die Berliner Firma Wooga spezialisiert: pflanzen statt ballern, erschaffen statt zerstören. Besonders bei Frauen kommen "Social Games" gut an, rund 70 Prozent der 40 Millionen Wooga-Spieler sind weiblich. Aber nur 26 Prozent der Mitarbeiter sind Frauen. In der Branche steht Wooga damit noch gut da: Einer Umfrage des IT-Verbands Bitkom zufolge sind in Hightech-Unternehmen im Durchschnitt nur 15 Prozent der angestellten Fachkräfte weiblich.

"Wir würden gern mehr Programmiererinnen einstellen, aber es ist schwierig, welche zu finden", sagt Wooga-Sprecherin Sina Kaufmann. Dabei erhält das Berliner Start-up jeden Monat knapp 2000 Bewerbungen. Frauen wollten meist zeichnen, organisieren oder Spiele konzipieren, so Kaufmann. Fürs "Backend", die Systemprogrammierung der Spiele, habe Wooga noch gar keine Frau gefunden.

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Auch Charlotte Vorbeck, die im November nach ihrer Elternzeit wieder Vollzeit bei Wooga einsteigt, möchte diesen Job nicht übernehmen: "Ich finde es wichtig, einen grafischen Aspekt bei der Arbeit zu haben, ich empfinde mich eher als Designerin: Wie sieht das Spiel aus, wie fühlt es sich an?" Die Backend-Programmierung sei sehr abstrakt - und für sie zu einseitig. Doch auch Frontend-Jobs begeistern nur wenige Frauen. In den Vorlesungen, die Vorbeck an einer Berliner Technik-Hochschule hält, sitzen meist nur zwei, drei Studentinnen, oft auch gar keine.

Ein Hörsaal voller Männer - in der Informatik ein gewohnter Anblick. Der Studentinnen-Anteil liegt bei knapp 20 Prozent, bei IT-Azubis sogar nur bei zehn Prozent. Anne Schüßler, 31, ist eine dieser Pionierinnen. Sie hat eine Ausbildung zur Fachinformatikerin gemacht, programmiert jetzt Software für 3-D-Scanner in Zahnarztpraxen. Sie liebt ihren Job, aber dass sie kaum Kolleginnen hat, nervt sie langsam: "Es ist nicht so, dass ich mit Männern nicht gut zusammenarbeiten könnte, aber ich würde mich einfach freuen, wenn ich öfter mal eine Programmiererin treffen würde." Auch Charlotte Vorbeck sagt, sie würde sich manchmal in der Mittagspause lieber über Lippenstift als über Hardware unterhalten: "Ich weiß nicht, wo die ganzen Mädels bleiben."

Männer müssen draußen bleiben

Zu schlecht in Mathe, keine Lust auf Nerds, Angst davor, sich zu blamieren - es gibt für Frauen viele Ausreden, einen Bogen um Informatik zu machen. Das Argument der schlechten Noten will Anne Schüßler nicht gelten lassen: "Ich war immer gut in Mathe, aber das ist keine Voraussetzung. Programmieren kann jeder, der strukturiert und logisch denken kann."

"Die Informatik hat ein Imageproblem", sagt auch Vorbeck. Programmierer, das seien für viele immer noch kontaktscheue Männer mit Pizzakartons und langen schwarzen Mänteln: "Architektur ist ebenfalls ein sehr technisches Fach, aber die Architekten verkaufen das einfach besser. Wir hinken total hinterher."

Programmieren könne bunt, kunstvoll und spannend sein - das müsse man vermitteln. "Eine Webseite zu bauen ist zum Beispiel recht einfach, da hat man gleich ein Erfolgserlebnis, die perfekte Einstiegsdroge zum Programmieren", so Schüßler. Sie selbst habe in der Schule aber auch keinen Informatikkurs besucht: "Hat da überhaupt ein Mädchen mitgemacht?"

Darauf hatte auch Anika Lindtner als Schülerin keine Lust. Erst vor zwei Monaten entdeckte die Gender-Studies- und Linguistikstudentin, dass ihr Programmieren Spaß macht. Die "Rails Girls", eine Initiative aus Finnland, hatte zum Workshop in Berlin geladen. Die Idee: Am Wochenende lernen Frauen zusammen die Grundzüge der Programmiersprache Ruby. Und Männer müssen draußen bleiben, die Ruby-Lehrer ausgenommen.

"Der Kurs ist nur für Frauen, das gibt Sicherheit", so Lindtner. "Informatik ist ja eine sehr männerdominierte Szene, da braucht man als Frau viel Mut, allein mitzumachen." Zum Frauenworkshop meldete sie sich aus Neugier an - und war schnell begeistert: "Der Computer macht genau das, was ich ihm gesagt habe. Das habe ich programmiert! Das ist ein tolles Gefühl."

In einem Jahr zur Programmiererin

Danach gründete sie zusammen mit ihrer Freundin Katrin Kampfrath die "Rails Girls Berlin". Zwei Anfängerkurse liefen schon, weitere sollen folgen. Mit ihrer Projektgruppe hat Lindtner gerade unter Anleitung eine Gedichtmaschine programmiert: Man gibt eine Farbe, ein Tier, ein Adjektiv und ein Nomen ein, heraus kommt ein Gedicht.

Die "Rails Girls"-Lehrer arbeiten als Informatiker und unterrichten ehrenamtlich in ihrer Freizeit, auch mal daheim im Wohnzimmer, das Abendessen kochen alle zusammen. "Das nette Umfeld finde ich sehr wichtig", sagt Lindtner. In der Szene gebe es nur wenige Frauen, aber: "Das motiviert die Männer umso mehr, bei uns zu unterrichten."

Aus dem Informatik-Interesse könne mehr werden, sagt Lindtner: "Ich kenne eine Frau, die in nur einem Jahr Ruby gelernt hat - und dann sofort eine Stelle als Programmiererin fand." Einige Unternehmen haben den "Rails Girls" schon Praktika angeboten. Auch Lindtner kann sich vorstellen, später als Programmiererin zu arbeiten. "Solche Workshops für Mädchen wären in der Schule cool gewesen", sagt sie. "Dann wäre ich wahrscheinlich schon viel früher darauf gekommen, dass Programmieren Spaß macht."

"Informatik sollte ein Pflichtfach werden", findet Anne Schüßler. Aber gibt es nicht schon so viele Pflichtfächer? "Dann muss man vielleicht mal etwas anderes weglassen", sagt sie. "Was werden die meisten später eher im Leben brauchen: Chemie, Physik - oder Informatik?"

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.



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Seite 1
herr_kowalski 21.06.2012
1. So schreibt man das nicht:
Zitat von sysopDie Jobs sind da, die Rechner hochgefahren, aber es sitzen nur Männer davor: Programmiererinnen sind rar. Dabei hat der Beruf mehr zu bieten als Nerds und Zahlenkolonnen. Drei Frauen wollen das schlechte Image der Branche ändern - und Informatik zum Pflichtfach in der Schule machen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,839566,00.html
Mädels. Das geht so: M Ä D E L Z !!!
Der_Franke 21.06.2012
2. Der Artikel beginnt mit einer Lüge
"Jobs gibt es genug". Ja ne, is klar. Mir wurde vor seinerzeit mit 42 gesagt, daß es für die ausgeschriebene Stelle auch genügend Jüngere gibt. Soviel zum Fachkräftemangel und genügend Jobs.
unglaublichaberwahr 21.06.2012
3.
Da liegt der Hund begraben, die Mehrheit der Damen kann nur Powershoppen und vor dem Spiegel hocken.
hartholz365 21.06.2012
4. Flash, Rails
Alles Webgefummel: Die eine macht RoR, die andere "programmiert" primitive Flashspielchen wie sie jeder 15 jährige hinbekommt. Ich dachte da kommen jetzt ein paar echte NerdInnen und nicht so verkappte Mediendesignerinnen die Webseiten zusammenschustern.
Suppenhahn 21.06.2012
5. Autodidakten
Die meisten ITler sind irgendwann in ihrem Leben Autodidakten gewesen. Sie hatten eine vielleicht etwas ausufernde Begeisterung für Computer und sich soweit hineingesteigert, dass sie eine besondere Kenntnis über verschiedene Teile für sich selbst erwerben konnten. Die Ausbildung oder das Studium, was dann folgte, wurde mehr oder weniger von dieser Anschubhilfe befördert. Denn, das muss ich als ITler leider sagen, die Ausbildung bzw. das Studium ist für die Praxis häufig eher nutzlos, wenn nicht schädlich. Wer sich nur allein auf die Ausbildung / das Studium verlässt, wird frustriert und letztlich den Anforderungen nicht gewachsen sein. Auf jeden Fall kann es sehr abschreckend sein, insbesondere, wenn man nicht zuvor seine eigene, persönliche Zielvorstellung zusammengebaut hat. Und, offen gesagt, daran mangelt es vielen weiblichen IT-Anfängern.
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