Promotion mit 62 Jahren Eine Tüte Mandeln bitte, Frau Doktor

Auf der Kirmes braucht man kein Abitur - und so war für Margit Ramus mit 14 Jahren die Schule vorbei. Statt zu lernen, verkaufte sie fortan gebrannte Mandeln. Das macht die 62-Jährige immer noch. Aber jetzt als promovierte Kunsthistorikerin - der einzigen in ihrem Gewerbe.

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Volker Lannert/ Uni Bonn

Das Schwierigste, sagt Margit Ramus, sei gewesen, ständig die verschiedenen Schubladen im Kopf zu sortieren. Wann kommt der Mandellieferant das nächste Mal vorbei? Gibt's noch genug Plastiktütchen? Und wer ist im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Ansprechpartner für die Suche nach historischen Firmenunterlagen? "Das lief jetzt seit 2005 immer parallel", sagt die 62-Jährige, während sie Tüten mit gebrannten Mandeln über die Theke reicht.

Die verschiedenen Schubladen gehören zu den beiden Leben, die Margit Ramus in den vergangenen Jahren geführt hat: eins als Schaustellerin, die mit ihrem Stand "Süße Lokomotive" über Volksfeste und Jahrmärkte zieht, und eins als Kunsthistorikerin, die an ihrer Promotion arbeitet.

Dabei hatte in ihrem Leben zunächst wenig nach einer wissenschaftlichen Karriere ausgesehen: 1951 als Kind einer Schaustellerfamilie geboren und zwischen Karussells, Losbuden und anderen Volksbelustigungen aufgewachsen, war ihre Schulzeit schon mit 14 Jahren beendet: "Da holte mich mein Vater ab, und von nun an arbeitete ich im elterlichen Schaustellerbetrieb."

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Schausteller-Dynastie: Ein Leben im Wohnwagen
Die berufliche Familientradition führte sie fort: Auch ihr Mann, den Margit Ramus 1969 heiratete, war Schausteller. Mit ihrer "Jaguarbahn" zogen sie über die Volksfeste - bis 1991 der Sohn der Familie starb. Danach begann das, was Ramus "einen neuen Lebensabschnitt" nennt: "Ich habe einen Schnitt gemacht, die Jaguarbahn verkauft - und bin noch einmal zur Schule gegangen." In drei Jahren holte die mittlerweile 46-Jährige ihr Abitur nach.

"Damit habe ich meinen Traum gelebt", sagt Margit Ramus, "den Traum von Bildung - auch wenn es auf den Kirmesplätzen oft heißt: Ein Schausteller braucht kein Abitur." Und noch weniger einen Studienabschluss. Aber auch den hat sich die Kölnerin erkämpft: An der Uni Bonn studierte sie Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik. "Und weil nach der Magisterarbeit 2004 noch so viel Material übrig war, habe ich dann weitergemacht."

Eine Reise durch 100 Jahre Dekorationsgeschichte

Ihr Forschungsthema waren die Bauformen und Dekorationen von Karussells - ein bis dahin unerforschtes Gebiet. Gerade zu Beginn habe sie häufig an der wissenschaftlichen Berechtigung für so eine Forschungsarbeit gezweifelt, erzählt Ramus: "Aber meine Professorin hat mich immer wieder ermutigt, dass ich auf einem guten Weg bin."

Sie habe vor allem befürchtet, dass auf Volksfesten "die Kitsch-Komponente" besonders hoch sei. War sie aber gar nicht, im Gegenteil: In Architektur und Gestaltung der Fahrgeschäfte und Buden lassen sich ganz klar die Bau- und Gestaltungstrends der jeweiligen Zeit nachweisen. "Mir selbst sind bis vor zehn Jahren gar keine Stile aufgefallen, man ist vor Ort eigentlich blind", sagt Ramus, "aber seit ich mich mit diesem Thema beschäftige, gehe ich mit ganz anderen Augen über die Plätze."

So waren bis zum Zweiten Weltkrieg fast alle Fahrgeschäfte mit Barock-Zitaten dekoriert: Bildtafeln, stuckartige Rahmen, Pastelltöne. "Nach 1945 setzte sich dann die Moderne durch - mit gegenstandsloser Malerei und Neonbeleuchtung."

Seither folgen Deko und Bau dem Architektur- und Kunstbetrieb: Grelle Farben und Traummotive in Anlehnung an Salvador Dalí in den Sechzigern, Flower-Power-Bilder und Bands wie die Beatles oder Abba in den Siebzigern, danach Pop-Art, Comic-Adaptionen und Street-Art. "Das Tolle ist, dass Sie heute diese ganzen Epochen auf den Kirmesplätzen nebeneinander finden und sogar einzelne Maler und Gestalter identifizieren können", sagt Ramus. "Da kann man eine Reise durch 100 Jahre Dekorations- und Architekturgeschichte machen."

"Geisterbahnen wären ein ganzes Buch für sich"

Quasi nebenbei hat sie auch noch etliche Fahrgeschäfte vor dem Vergessen gerettet - durch Recherchen in Archiven und bei Schaustellerfamilien. In ihrer Doktorarbeit, die auch als Buch erschienen ist, dokumentiert Ramus die Geschichte des Karussellbaus in Deutschland seit 1883 und katalogisiert zahlreiche Fahrgeschäfte, die beispielsweise im Krieg zerstört oder längst verschrottet wurden.

"752 Seiten sind es geworden - und da musste ich schon kürzen", sagt sie. Alle Forschungsergebnisse unterbringen konnte sie ohnehin nicht: "Das Material ist viel zu umfangreich. Achterbahnen habe ich nur am Rande erwähnt, die Geisterbahnen wären noch mal ein ganzes Buch für sich."

Und vor allem ein Thema liegt ihr noch am Herzen: der Einsatz von Licht als Element der Volksfest-Dekoration. "Die Architektur der Nacht, das ist mein nächstes großes Projekt", sagt sie. Nach der Promotion also die Habilitation und irgendwann die Professur? Die 62-Jährige grinst: "Wer weiß, was noch kommt." Aber eines ist klar: Mit ihren Mitarbeitern will sie auch weiterhin hinter der Theke ihres Verkaufswagens stehen - einem Unikat aus dem Jahr 1983, das wie eine grün glänzende Lokomotive aussieht. Sie verkauft dort wie immer ihre Mandeln, schnell, freundlich und als einzige aktive Schaustellerin Deutschlands, die gleichzeitig promovierte Kunsthistorikerin ist. Eine große Tüte bitte, Frau Doktor!

  • Claudia Adolphs

    Armin Himmelrath (Jahrgang 1967) ist Wissenschafts- und Bildungsjournalist mit einem Faible für eher abseitig erscheinende Forschungsthemen - etwa rund um den Fußball. Darüber hat er das Buch "Macht Köpfen dumm? Neues aus der Fußball-Feldforschung" (Herder, 2006) geschrieben.



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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
jalajenjo 04.01.2014
1. Respekt
Starke Leistung und ein tolles, passendes Thema zu dem sie da forscht - weiter so!
Spiegelleserin57 04.01.2014
2. gut so!
Zitat von sysopVolker Lannert/ Uni BonnAuf der Kirmes braucht man kein Abitur - und so war für Margit Ramus mit 14 Jahren die Schule vorbei. Statt zu lernen, verkaufte sie fortan gebrannte Mandeln. Das macht die 62-Jährige immer noch. Aber jetzt als promovierte Kunsthistorikerin - der einzigen in ihrem Gewerbe. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/promotion-mit-62-jahren-schaustellerin-macht-ungewoehnliche-karriere-a-939818.html
warum nicht später studieren? Wen die Materie wirklich interessiert der studiert auch später wenn er die Möglichkeit dazu hat, habe ich auch getan. Es hängt von vielen Faktoren ab ob und wann man studieren kann. Letztendlich muss man sich einfach nur getrauen,das sollte kein Problem sein oder?
hirsnemehism 04.01.2014
3. Herzlichen Glückwunsch Frau Doktor!
Sie haben bewiesen, dass Interesse und Beharrlichkeit auch späte Bildung und Forschung ermöglicht und damit hoffentlich anderen Menschen in ähnlicher Ausgangssituation ein Beispiel gegeben.
doitwithsed 04.01.2014
4.
Ein Glücksfall in gleich doppelter Hinsicht. Seinen Lebenstraum realisieren zu können und sich in einer absolut tollen Leistung selbst bewiesen zu haben, ist schon aller Mühe wert und etwas, das einem nicht mehr genommen werden kann. Hier aber zudem noch ein vermeintlich triviales kulturhistorisches Thema wissenschaftlich aufgearbeitet zu haben, ist ein großer Gewinn für die Wissenschaft. Das vermeintlich Triviale - jetzt allgemein und nicht nur auf die Schaustellerei bezogen - glaubt jeder zu kennen und scheint selten Wert zu sein, dass man sich damit befasst. Und so schwinden mit den zahlreichen Dingen dieser Art auch das wertvolle Wissen darüber, welche Funktion und Gestalt sie im Laufe der Zeit hatten und welchen Beitrag sie zu der Kultur- und Alltagsgeschichte leisteten. Schön, dass zumindest dieses eine Thema nicht vernachlässigt wurde.
autocrator 04.01.2014
5. beispielgebend
vielleicht ist es der frau doctor gar nicht bewußt, aber ihrte geschichte ist beispielgebend für eine sich verändernde / veränderte standard-lebensbiographie unter den neuen demographischen herausforderungen: zunächst die asuswechselbarkeit zwischen jugend/bildung/arbeit, die nicht mehr einem vorgegebenen schema folgen muss, und dann die interessens-orientierte konstruktive beschäftigung im alter: Es ist abzusehen, dass die mandelverkäuferin ihren job nicht mehr so lange machen wird: bei wind und wetter eine stehende tätigkeit ... das geht auf die knochen, da ist irgendwann mal zwischen 60 und 70 schluss. Und dann? abschiebung erst ins alters- dann ins pflegeheim? ein vierteljahrhundert dem tod sabbernd-dement entgegensiechen? Die moderne kapitalgesellschaft sortiert die leute aus: die rente bewegt sich an der armutsgrenze, die finanziellen möglichkeiten im alter sind höchst begrenzt. Ergo, was tun? - warum nicht promovieren, habilitieren?!?! sich interessieren, beschäftigen! - persönlich finde ich jetzt kirmes-kunstgeschichte nicht so spannend, aber ey, es ist ein kultureller beitrag zu einem stück abendländischer alltagskultur! arbeitslos oder arm oder alt zu sein heisst also nicht, zum couchpotatoe mutieren zu müssen. Und das hat frau doctor kirmes und hier beispielhaft vorgemacht! Bravo!
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