Mein Leben als Zahnarzt "Besserwisser kann ich nicht leiden"

Der Job war nicht sein Traum, aber die gute Bezahlung zu verlockend. Ein Zahnarzt berichtet - von unnötigem Gequatsche in der Praxis, besserwisserischen Patienten und nervigen Ausreden für schlecht gepflegte Zähne.

Behandlung beim Zahnarzt
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Behandlung beim Zahnarzt

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Ich studiere Zahnmedizin und stehe kurz vor dem Examen. Danach werde ich in die Praxis meines Onkels einsteigen. Zahnarzt war nicht unbedingt mein Traumberuf. Dafür entschieden habe ich mich, weil der Beruf sehr abwechslungsreich ist und bei vernünftigen Arbeitszeiten ein gutes Einkommen bietet. Als Assistent verdiene ich anfangs etwa 3000 Euro im Monat, später mehr. Zahnerhaltung und Prothetik sind fachlich und handwerklich anspruchsvoll und außerdem habe ich gerne mit Menschen zu tun.

Am liebsten sind mir Patienten, die ihre Zähne pflegen und die Arbeit, die ich mache, nicht verkommen lassen. Leider habe ich viel mit Leuten zu tun, die sich überhaupt nicht um ihre Zähne kümmern. Ich hatte schon einen Patienten, bei dem um die Füllung herum alles weggefault war. Dem war das völlig egal. Da verliere ich die Lust, mich reinzuhängen. Natürlich sind das Menschen, denen ich helfen muss, deshalb mache ich den Beruf. Aber so etwas ist ganz schön frustrierend.

Manchmal gelingt es mir, schwierigen Patienten die richtige Putztechnik beizubringen. Nicht jeder hat das Zähneputzen als Kind richtig gelernt. Ich hatte mal einen Patienten mit furchtbaren Zähnen, der sagte, er verstehe das gar nicht, er putze doch fast immer einmal am Tag. Das reicht eben nicht. Mindestens zwei Mal täglich muss sein. Am besten kaut man zwischendurch noch einen Kaugummi, das regt die Speichelproduktion an und senkt das Kariesrisiko.

Ich will mir nicht von Patienten reinreden lassen

Ärgerlich sind auch Patienten, die alles besser wissen. Das gibt es nicht so selten. Ich mache meine Arbeitsschritte aus bestimmten Gründen und habe keine Lust, mir von Patienten - die in den allermeisten Fällen keine Ahnung haben - reinreden zu lassen. Ich verstehe, dass ein Patient wissen will, was er zeitlebens im Mund hat. Aber ich möchte mich nicht stundenlang mit Besserwissern streiten. Es ist nicht nur nervig, da läuft auch die Zeit ab.

Generell ist es ein Problem, wenn Patienten zu viel quatschen. Ich kalkuliere für jeden eine gewisse Zeitspanne ein. Natürlich ist Schmerzanamnese wichtig, aber der Informationsgehalt erschöpft sich: "Wenn ich so beiße, tut es mal weh und dann doch nicht mehr". Ich brauche Zeit, um an den Zähnen zu arbeiten und will mir das Ergebnis in Ruhe ansehen. Wenn der Patient zu viel quatscht, ist das Ergebnis nicht ideal. Das gleiche Problem stellt sich, wenn Patienten unpünktlich kommen, vor allem wenn parallel Laborarbeiten geplant sind. Da sitze ich mit einem vollen Wartezimmer und alles kommt durcheinander.

Oft werde ich gefragt, ob ich Mundgeruch nicht eklig finde. Nein, daran habe ich mich gewöhnt. Wenn Patienten am Nachmittag kommen, haben sie zu Mittag gegessen und riechen dann eben. Manche Leute können auch nicht unbedingt etwas dafür, die haben vielleicht Magenprobleme. Beim Arbeiten habe ich einen Mundschutz an - der hält viel ab und nach zwei Minuten rieche ich nichts mehr. Ich bin da nicht empfindlich.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Was nervt, sind die Ausreden von Leuten, die nicht regelmäßig zum Zahnarzt gehen. Das will ich mir nicht anhören, erstens, weil es mich langweilt und zweitens, weil die Zeit für die Behandlung knapp wird. Das sind nicht unbedingt Angstpatienten. Wirklich gerne geht kaum jemand zum Zahnarzt, aber die meisten Leute sehen es pragmatisch und wissen, wenn sie das zwei Mal im Jahr durchziehen, gibt es weniger Probleme. Wenn etwas gemacht werden muss, ist das eben so - ob der Patient darauf Bock hat oder nicht. Meistens geht es ihm danach besser. Selten gibt es Extremfälle. Neulich eine Patientin, die 15 Jahre nicht beim Zahnarzt war. Da war einiges zu tun.

Ich will niemandem etwas aufschwatzen

Richtig problematisch wird es, wenn Patienten aus Angst oder Empfindlichkeit den Kopf wegziehen oder den Mund zumachen. Ich hantiere mit schnell rotierenden, scharfen Instrumenten. Wenn der Patient sich bewegt, solange sich das Gerät dreht, kann richtig etwas kaputtgehen. Da kann ich Zahnsubstanz und Füllungen zerstören, den Nerv öffnen oder auch die Zunge oder den Gaumen verletzen. Das ist zum Teil richtig gefährlich. Ich konzentriere mich auf eine Stelle und bemerke nicht unbedingt, ob der Patient zuckt. So etwas ist mir zum Glück noch nie passiert. Aber fast jeder Zahnarzt erlebt das einmal in seinem Berufsleben.

Manche Patienten haben auch Angst vor den Kosten. Zahnersatz wird immer teurer. Aber es gibt Lösungen für jede Patientensituation. Manche Sachen werden in Härtefällen auch von der Kasse übernommen. Allerdings ist die teurere Arbeit oft die bessere. Manchmal mache ich beispielsweise eine Krone, obwohl eine Füllung noch ginge. Das ist teurer, kann aber langfristig sinnvoller sein, weil keine Zahnsubstanz mehr abbrechen kann. Zum Teil geht es auch um ästhetische Fragen. Natürlich möchte ich niemandem etwas aufschwatzen und versuche herauszuhören, was der Patient braucht und will.

Ich kann nur jeden ermutigen, wirklich regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen. Katastrophal sind nicht nur Patienten, deren Löcher immer schmerzhafter werden, sondern Leute, die sich selbst therapieren. Wenn die ihre Prothese kleben, oder sich gegen das Knirschen in der Nacht Gummikeile in den Mund schieben. Das hatte ich einmal bei einem Patienten. Da haben sich alle Zähne verwachsen und verschoben, weil die Zahnreihen nachts nicht mehr aufeinanderlagen. Das war eine riesige selbstgemachte Baustelle."



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Seite 1
exHotelmanager 03.03.2017
1. Dienstleister
Ein Zahnarzt ist Dienstleister. Er wird gut für seine Arbeit bezahlt und durch den Steuerzahler bezahlt hervorragend ausgebildet. Wenn ihm die Arbeitsumstände nicht passen, hat er den falschen Beruf und der Steuerzahler hat Geld verschwendet. Ich habe ohnehin längst das Gefühl, dass der Patient beim Zahnarzt nur noch Opfer ist, sowohl physisch, psychisch als auch monetär. Dazu kommt jetzt auch noch die Bestätigung, dass man auch noch der Punching Ball zu sein scheint.
brehn 03.03.2017
2. altgedient
Übertitel mit:. "Mein Leben als Zahnarzt ...." Erster Satz im Artikel: "Ich studiere Zahnmedizin und stehe kurz vor dem Examen." Naja...soviel dazu...
aronia 03.03.2017
3. Ein leuchtendes Beispiel für den Berufstand
Da kann man sich ja gut aufgehoben fühlen. Schon blöd das Patienten überhaupt den Mund aufmachen müssen.
ChildInTime 03.03.2017
4.
"Generell ist es ein Problem, wenn Patienten zu viel quatschen. Ich kalkuliere für jeden eine gewisse Zeitspanne ein. Natürlich ist Schmerzanamnese wichtig, aber der Informationsgehalt erschöpft sich: "Wenn ich so beiße, tut es mal weh und dann doch nicht mehr". Ich brauche Zeit, um an den Zähnen zu arbeiten und will mir das Ergebnis in Ruhe ansehen. Wenn der Patient zu viel quatscht, ist das Ergebnis nicht ideal." Vielleicht sollte sich der Herr einen Beruf suchen, der zu seiner unsäglichen Einstellung passt. Vielleicht etwas in einer Kfz-Werkstatt, weil Autos ja auch nicht viel quatschen?
exil-paulianer 03.03.2017
5. Gute...
ehrliche Darstellung - finde ich sehr lesenswert. Voralllendingen die Aussage "Ich kann nur jeden ermutigen, wirklich regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen". Ist doch toll wenn ein Zahnarzt das sagt. Natürlich möchte er Geld mit seinem Job verdienen - wer will das nicht!:-)
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