Pustefix produziert in Fernost Der lange Flug der Seifenblase

Jeder kennt sie, Kinder lieben sie: die dicken Seifenblasen von Pustefix, die so bunt schillern und gefühlt niemals platzen. Über 60 Jahre war das Rezept ein Familiengeheimnis. Bis es verkauft wurde.

Steve Przybilla

Von Steve Przybilla


Pustebär ist struppig. Sein Fell steht in alle Richtungen, die Fasern sind ausgeblichen. Wahrscheinlich stand der mechanische Teddy zu lange im Freien, noch dazu an der Küste. "Am Atlantik ist das Klima besonders rau", sagt Alexander Kiling. "Da bekommen wir manchmal nur Einzelteile zurück." Der 52-Jährige arbeitet als "Bärendoktor" bei Pustefix. Seine Aufgabe: Abgenutzte Pustebären herrichten, damit sie schnell wieder in den Handel gelangen.

Die elektrisch betriebenen Teddys stehen vor Spielzeugläden in aller Welt, um einen Kinderklassiker in die Luft zu pusten: Seifenblasen made in Germany. In Tübingen, dem Firmensitz von Pustefix, repariert die Belegschaft nicht nur die Teddys. Dort wird seit 1948 jene Flüssigkeit angerührt, der das Unternehmen seinen Erfolg zu verdanken hat.

Auf die Rezeptur stieß Firmengründer Rolf Hein nur zufällig. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte der gelernte Chemiker Waschmittel her, um es gegen Lebensmittel zu tauschen. "Dabei hat er eine Mischung entdeckt, die sich perfekt für Seifenblasen eignet", erzählt Frank Hein, 52. Er ist der Enkel des Seifenblasen-Erfinders und heutiger Geschäftsführer der Firma.

Es begann auf dem Wochenmarkt

In einer Vitrine in Tübingen stehen die frühen Erzeugnisse. Die Flüssigkeit wurde in Aluminiumbehälter gefüllt, die 42 oder 70 Milliliter fassen, so wie heute. Als Verschluss diente ein Korken, in den ein Stahlstift mit Feder gesteckt war. Hein lacht: "Ein Nagel in einem Spielzeug - aus heutiger Sicht ein Albtraum." Sein Großvater bot seine Ware auf dem Wochenmarkt an. "Die Leute haben ihn für einen Spinner gehalten", sagt Hein, "aber das Geschäft lief prächtig."

Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die Hinterhof-Klitsche zu einem weltweit aktiven Export-Betrieb. "Auch wenn es mit dem Versand am Anfang nicht so klappte", sagt Hein. "Die Korkverschlüsse waren nicht dicht. Das gab bei einer USA-Lieferung richtig Ärger." 1972 übernahm der Sohn des Firmengründers das Geschäft, 1998 der Enkel. Heute beschäftigt Pustefix am Tübinger Standort 25 Mitarbeiter. Pro Jahr werden 700.000 Liter Flüssigkeit abgefüllt.

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Mehr als einmal stand Pustefix vor dem Aus. Ende der Sechzigerjahre hatte sich Rolf Hein hoffnungslos überschuldet. "Er war ein genialer Patriarch, aber seine Vorstellungen waren nicht mehr zeitgemäß", sagt der Enkel. Zum Beispiel ein Schwimmbad für die Belegschaft. Oder eine neue, riesige Produktionshalle. Beide Projekte wurden später gestoppt. Hinzu kam der Geburtenrückgang in Deutschland. "Mit mehr Exporten und neuen Produkten konnten wir gegensteuern", sagt Hein.

Also alles in Butter? Nicht ganz. 2011 übernahm die österreichische Stadlbauer-Gruppe den Familienbetrieb; Hein blieb als Geschäftsführer. Stadlbauer ist im Spielzeuggeschäft ein Global Player, bekannt durch die Carrera-Rennbahn. Wie viel der Konzern für Pustefix bezahlt hat, will Hein nicht verraten. Der aktuelle Umsatz betrage "zwischen fünf und zehn Millionen Euro" jährlich. Doch dieser soll steigen, geht es nach den Plänen von Stadlbauer.

Der große Einschnitt kommt 2015. In diesem Jahr eröffnet Pustefix erstmals eine Produktionslinie in Fernost - ein riskantes Vorhaben. Nicht zuletzt für den Export war der Hinweis "Made in Germany" immer wichtig. "Es wird sich zeigen, wie unsere Kunden die neue Produktion annehmen." In Zukunft haben Spielzeugläden die Wahl, ob sie die Rezeptur aus China einkaufen oder das teurere Original.

Hauptsache die Verpackung wirkt typisch deutsch

Vorsicht ist auch bei kulturellen Unterschieden geboten. "Als ich die Firma übernommen habe, wollte ich auch asiatische und dunkelhäutige Kinder auf die Verpackungen drucken", erzählt Hein. Ein Fehler. "Wir haben gemerkt, dass unsere Kunden ein Produkt wollen, dass in ihren Augen typisch deutsch aussieht." Auch die Farbwünsche sind verschieden. "In den USA kommen knallige Farben gut an, die in Europa eher etwas Billiges verkörpern."

Mit der Produktion in China ändert sich auch das Sortiment. Hinzu kommen etwa bunte "Tier-Pistolen", die Seifenblasen pusten, wenn man den Abzug betätigt. Oder batteriebetriebene Spielzeuge. Ob sie gut ankommen, wird ebenfalls stark vom Verkaufsland abhängen. "Wir befinden uns da in der Testphase", so Hein.

Ein Produkt hat sich derweil schon heute zum Ladenhüter entwickelt: die "Puste-Pipe". Obwohl die Plastikpfeife nur harmlose Seifenblasen versprüht, erinnert sie stark ans Rauchen - zu stark.

"In den USA ist sie deshalb schon seit den Siebzigerjahren nicht mehr tragbar", sagt Hein. "In Deutschland haben die Discounter sie nun ebenfalls aus dem Sortiment genommen." Gesundheitsbewusstsein, so scheint es, macht eben auch vor Seifenblasen nicht Halt.

  • Steve Przybilla (Jahrgang 1985) ist freier Journalist und lebt in Freiburg im Breisgau.

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GinaBe 12.03.2015
1. Traditionell als Marke
Danke schön für diese Geschichte. Eine Erfolgsstory, durch Zufall begründet, bescherte der Welt diese wunderschönen, faszinierenden bunten, schillernden Blasen aus Seifenlauge, die die Kinder aller Kontinente immer noch und immer aufs Neue lieben. Bedauerlich aber ist dieser Verkauf nach Fernost. Der Firmensitz in Tübingen mit dem unverkennbaren Logo hat doch Tradition. Warum nur soll immer alles angeblich verbessert und erweitert und verändert werden?!
spon-facebook-1459922526 12.03.2015
2.
Leider hat sich auch die Qualität seit der übernahme stark verschlechtert. Eigentlich schade, dass die Spülmittelhersteller die Rezeptur geändert haben, als Kind habe ich statt dem teuren Pustefix einfach Wasser und Spülmittel gemischt und das ergab erstklassige Seifenblasen :)
hufeisennase 12.03.2015
3. Alles nicht so schlimm
Dann greife ich bzw. die Kinder halt auf das bewährte Fit zurück. Kostet ein Bruchteil und wird vor der Haustür produziert.
SirWolfALot 12.03.2015
4.
Für mich als Tübinger tut das schon im Herzen weh. Das ist nun schon eine Art Verrat. Es ist aber immer sehr imposant durch Kirchentellensfurt zu fahren und dieses unglaublich kleine Produktionsgebäude zu sehen welches den Weltmarkt beliefert.
uglyripper 12.03.2015
5.
Zitat von hufeisennaseDann greife ich bzw. die Kinder halt auf das bewährte Fit zurück. Kostet ein Bruchteil und wird vor der Haustür produziert.
Funktioniert nur leider nicht halb so gut.
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