Redenschreiber "Ein falsches Wort führt zum Absturz"

Ein Politiker hält manchmal ein Dutzend Ansprachen an nur einem Tag - das geht nicht ohne Redenschreiber. Ghostwriter agieren im Schatten und werden gut bezahlt. Stets bangen sie, ob ihre Texte auch unfallfrei vorgetragen werden.

Von Barbara Kerbel

TMN

Kaum etwas ist peinlicher als ein Redner, der nicht aussprechen kann, was man ihm aufgeschrieben hat: der Firmenchef, der keinen Fachbegriff über die Lippen kriegt. Der Politiker, der über ein Land spricht und nicht weiß, wie es heißt - für jeden hörbar. Der Gratulant, der den Namen des Jubilars offenkundig zum ersten Mal zur Kenntnis nimmt. Der Redner ist bloßgestellt, das Publikum schämt sich qualvoll mit. Und für den Redenschreiber wird es ungemütlich.

Christian Gasche, 49, kennt die Gefahr. Blamagen zu verhindern, ist eine seiner wichtigsten Aufgaben. "Ich schrieb mal für den Chef eines großen Unternehmens, ein richtiger Industriemagnat." Der Mann sprach kein Englisch und stand mit schwierigen Begriffen auf Kriegsfuß. "Ich musste höllisch aufpassen. Anglizismen und Fremdwörter gingen gar nicht." Selbst wenn der Industrielle die Wörter unfallfrei abgelesen hätte - abgenommen hätte ihm das wohl niemand. "Die Rede muss zum Redner passen", sagt Gasche.

Die passenden Worte zu finden, das ist Gasches Job. Der Frankfurter ist freiberuflicher Redenschreiber. Wer eine Wahlkampfrede halten muss, auf der Hauptversammlung spricht oder nur dem Opa geschliffen zum 90. Geburtstag gratulieren will, ist bei ihm richtig. Derzeit schreibt er für den Regierungschef eines Bundeslandes und mehrere Landesminister, dazu kommen Vertreter von Unternehmen jeder Größe und Privatleute. Genaueres ist ihm nicht zu entlocken. "Wir bieten eine Dienstleistung im Schatten an", sagt er. Diskretion gehört zum Berufsethos.

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Am Anfang steht das Zuhören. Gasche spricht mit dem Kunden, lauscht auf dessen Sprache, notiert sich Ideen für den Aufbau. Dann formuliert er einen Entwurf. Je länger und wichtiger die Rede, desto länger dauert es bis zum gesprochenen Wort. Vor seiner letzten Hauptversammlungsrede fuhr er mehrmals zum Unternehmenschef, mehrere Abteilungen des Konzerns redigierten am Manuskript mit. "Das ist auch gut so", sagt Gasche. "Ein falsches Wort, und der Aktienkurs stürzt ab."

"Ich bin gerne Ghost"

Ist der Auftraggeber neu, setzt sich Gasche während der Rede mit ins Parlament oder in die Betriebsversammlung. "Ich muss schon sehen, was er daraus macht." Kennt er den Kunden gut, ist oft gar kein persönlicher Kontakt mehr nötig. Aus Ministerien bekommt er häufig nur noch Stichworte vom Referenten, das reicht. "Manchen Auftraggeber habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen", so Gasche.

Er hat es sich im Schatten bequem gemacht. "Ich bin gerne Ghost", sagt Gasche. Er war mal selbst in der Politik, saß für die Grünen in der Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt am Main. Schnell merkte er, dass Redenschreiben ihm liegt. Heute ist er kein Parteimitglied mehr und bietet seine Dienste allen demokratischen Parteien an: "In den Vordergrund zieht mich nichts mehr" - den Druck will er nicht mehr aushalten.

Ein bisschen Eifersucht klingt aber doch an, wenn er mit Blick auf seine US-amerikanischen Kollegen sagt: "Wenn dort der Präsident einen neuen Redenschreiber einstellt, ist das eine Nachricht für die Zeitungen." Auch sein Kollege Thomas Östreicher, der schon für Heide Simonis (SPD) schrieb und heute bei Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) angestellt ist, erwähnt sofort die USA. "Dort sitzen die Redenschreiber mit auf dem Podium."

Zwölf Reden pro Tag

In Deutschland dagegen galt es lange als unschicklich, vor Auftritten einen Ghostwriter zu engagieren. "Vor allem von Politikern wird hierzulande erwartet, dass von ihnen kommt, was sie sagen", sagt Claudius Kroker vom Verband der Redenschreiber in deutscher Sprache (vrds).

Fast immer, wenn irgendwo ein Würdenträger ein Band durchschneidet, hat vorher ein Redenschreiber ein paar schöne Sätze formuliert. Schließlich erwarten die Leute, dass der Bürgermeister oder Minister ein nettes Grußwort spricht, sachkundig und humorvoll zugleich. "Wir arbeiten in der Senatskanzlei wie die Wilden", sagt Östreicher. Ein Dutzend Reden können bei Spitzenpolitikern am Tag anstehen. "Das kann kein Politiker alleine leisten."

Die Redenschreiber freut es. "Das ist ein Job mit Zukunft", sagt Kroker. Und ein passabel bezahlter außerdem. Der Großteil der 460 Verbandsmitglieder verdiene zwischen 50.000 und 70.000 Euro brutto im Jahr, "allerdings mit großen Ausschlägen nach oben und unten". Am lukrativsten schreibt es sich für Großkonzerne, der öffentliche Dienst kann da nicht mithalten.

Die meisten Redenschreiber haben ein breites Spektrum, formulieren für Politiker, Wirtschaftsvertreter und Privatleute. "Die Vielseitigkeit ist das Spannende", sagt Jörg Riedel aus Bremen. Etwa 40 Prozent seiner Kunden kämen aus der Politik. Seine aktuellsten Aufträge: die Rede eines Firmenchefs zur Unternehmensfusion, die Bewerbungsrede eines Landespolitikers um einen Listenplatz und eine Hochzeitsrede. Auch einem Oldenburger Kohlkönig hat er schon Worte in den Mund gelegt. Geredet wird eben immer.

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insgesamt 21 Beiträge
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Klaus100 12.09.2013
1. Gut für Deutschland
Halte die Erwartungen der Deutschen für positiv. Folge nicht dem USA-Beispiel. Das Briefing sollte vom Redner kommen. Der Schreiber bleibt im Hintergrund. Eben weniger Entertainment, mehr authentische Auftritte. Scheint aber manchmal frustrierend für den Schreiber zu sein, der seine Rolle nicht verstanden hat.(siehe Artikel).
Stäffelesrutscher 12.09.2013
2.
Zitat von sysopTMNEin Politiker hält manchmal ein Dutzend Ansprachen an nur einem Tag - das geht nicht ohne Redenschreiber. Ghostwriter agieren im Schatten und werden gut bezahlt. Stets bangen sie, ob ihre Texte auch unfallfrei vorgetragen werden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/redenschreiber-in-der-politik-falsches-wort-fuehrt-zum-absturz-a-921706.html
Herr Gasche darf sich gerne auf die Besuchertribüne des Bundestages oder eines Landtages setzen. Eine Betriebsversammlung hingegen ist nicht öffentlich. Dort hat er nichts verloren, und der Betriebsrat als Hausherr hat die Pflicht, ihn des Raumes zu verweisen. Der Chef hat das Recht, als Gast dabeizusein, aber kein Verwandter, Freund oder Subunternehmer des Chefs.
Vanagas 12.09.2013
3. Stets bangen sie
Zitat von sysopTMNEin Politiker hält manchmal ein Dutzend Ansprachen an nur einem Tag - das geht nicht ohne Redenschreiber. Ghostwriter agieren im Schatten und werden gut bezahlt. Stets bangen sie, ob ihre Texte auch unfallfrei vorgetragen werden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/redenschreiber-in-der-politik-falsches-wort-fuehrt-zum-absturz-a-921706.html
" Stets bangen sie , ob ihre Texte unfallfrei vorgetragen werden " Dieser Satz ,dieser Text , ist ein Hohn gegenüber Polizisten , Krankenschwestern , Feuerwehrmännern etc . die wirklich bangen müßen um das Leben ihrer Patienten , Verunglückten , Opfer oder sogar um ihr eigener Leben bangen müßen . Und dann dürfen diese Berufsgruppen auch noch das Burn - out eines dieser Geisterschreiber teuer bezahlen . Komischerweise haben Feuerwehrmänner , Krankenschwestern + Polizisten kein Burn - out ! ! !
brux 12.09.2013
4.
Politiker haben keine Ghostwriter. Das machen die Ministerialbeamten.
Stabhalter 12.09.2013
5. also
Zitat von bruxPolitiker haben keine Ghostwriter. Das machen die Ministerialbeamten.
hochbezahlte Dilletanten und Dummschreiber.Möchte mal wissen wer für Merkel und Westerwelle oder Rösler die Reden schreibt,die sie selbst nicht verstehen wie mir aufgefallen ist.
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